Sanierung des Tour Vieusseux in Genf
Pufferzone zur besseren Dämmung
Wie Bauten der Nachkriegsmoderne an heutige Energiestandards angepasst werden können, zeigt die energetische Sanierung des Tour Vieusseux in Genf. Der 1978 errichtete Wohnturm befindet sich in der sogenannten Cité-Vieusseux, einem Stadtviertel, das seit den 1930er-Jahren von der Société Coopérative D’Habitation de Genève (SCHG) entwickelt wurde. Nach rund 40 Jahren entsprach das Gebäude nicht mehr den aktuellen Brandschutzbestimmungen und wies einen übermäßigen Energiebedarf auf. Von 2021 bis 2024 sanierten daher NOMOS Architectes das Gebäude, ohne dabei auf gängige Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) zurückzugreifen.
Herausfordernder Bestand
Den 15-geschossigen Turm, gestaltet als Solitär über einem verglasten Sockel, entwarfen einst die Brüder Robert und Jean-Jacques Honegger. Die 150 Wohnungen sollten kostengünstig sein, zugleich wurden sie allesamt mit einem Balkon oder einer Loggia ausgestattet. Genau genommen handelt es sich um zwei fast identische Türme, die sich entlang einer Brandmauer aneinanderschmiegen.
Jeweils zwei Treppenhäuser und Aufzüge befinden sich in der Mitte der beiden Grundrisse. Die Wohnungen verteilen sich windmühlenartig um den Erschließungskern, wobei die Bäder und WCs direkt neben den Eingängen liegen. Küchen, Wohn- und Schlafzimmer orientieren sich zur Fassade. Diese ist auffallend vertikal strukturiert: Fensterbänder und tragende Stahlbeton-Außenwände wechseln sich ab. Zahlreiche Vor- und Rücksprünge durch die u-förmig ausgebildeten Wandpartien und Loggien betonen die Vertikalität zusätzlich. Brüstungen aus säurebehandelten Sichtbeton-Fertigteilen schließen die Loggien ab.
Während der dreißigjährigen Nachkriegszeit – in der Schweiz auch als Les Trente Glorieuses bekannt – wurde das Land rapide urbanisiert. Die Großwohnbauten jener Zeit weisen Stahl- und Ortbetontragwerke auf, deren bauphysikalische Kennwerte Planer*innen heutzutage vor große Herausforderungen stellen. Beispielsweise wirken auskragende Betonbalkone als massive Wärmebrücken und zugleich weisen die Fassadenflächen aus heutiger Sicht unzureichende Dämmschichten auf. Beim Tour Vieusseux verfügen die Außenwände über eine Dämmung von lediglich sechs Zentimetern unter Putz.
Wintergärten statt WDVS
Im Zuge der Sanierung betrachten NOMOS Architectes nicht allein die Gebäudehülle, sondern erkannten die Chance zur Weiterentwicklung der Wohnungsgrundrisse. Ohnehin kam ein klassisches Wärmedämmverbundsystem nicht in Frage, da es die charakteristische Vertikaltektonik der Architektur mit ihren Erkern und Reliefs unter Dämm- und Putzschichten begraben hätte. Neue isolierverglaste Fenster wurden eingebaut und die bestehende Fassadendämmung um 20 Zentimeter verstärkt. Dazu wurden die Balkone und Loggien vergrößert und in Wintergärten umgewandelt, die nun als klimatische Puffer wirken und zugleich Tageslichtversorgung und Wohnqualität verbessern.
Klimatisch wirksamer Pufferraum
Die Wirkungsweise solcher Pufferräume war den Architekt*innen aus der Zusammenarbeit mit dem Büro Lacaton & Vassal bekannt, für das sie die Ausführungsplanung des Tour Opale in Chêne-Bourg übernommen hatten. Ihre Erfahrungen wandten sie nun auf das Hochhaus in Genf an. Die Wintergärten sind voll verglast und unbeheizt und über eine Glastür direkt mit der Küche verbunden. Somit ist den Wohnräumen eine natürlich klimatisierte Luftschicht vorgeschaltet.
Vor allem im Winter ist der Temperaturunterschied signifikant geringer als der zwischen Innen- und Außenluft. Umgeben von diesem Zwischenklima sinken die Transmissionswärmeverluste über die bestehenden Außenwände drastisch. Im Frühjahr und Herbst fungiert die Verglasung als passiver Sonnenkollektor: Strahlungsenergie erwärmt die Pufferzone zügig und durch das Öffnen der inneren Fenstertüren strömt die erwärmte Luft direkt in die Wohn- und Küchenbereiche. Um Überhitzung im Sommer zu vermeiden, sind 60 Prozent der Glaselemente zu öffnen. Zudem sorgen umlaufende Textilvorhänge für Sonnen- und Sichtschutz.
Konstruktive Umsetzung
Die Wintergärten erforderten statisch relevante Eingriffe in die Fassadenöffnung. Die massiven Sichtbeton-Fertigteile der Loggien wurden feldweise demontiert. Das reduzierte die Eigenlasten an der Kragplatte und eliminierte die ausgeprägteste Wärmebrücke der Fassade. Die ursprünglich kleinteiligen Fenster- und Türbrüstungen der Küchen und Wohnräume wichen großzügigen Fensterelementen.
Die Glasflügel, die die Wintergärten abschließen, sind vor einem Metallgeländer angeordnet und wenige Zentimeter voneinander getrennt. Dank kleiner Griffe lassen sie sich größtenteils wie Türen öffnen. Eine minimal zickzackförmige Anordnung ermöglicht es, jeweils ein offenes Element parallel zu einem geschlossenen zu positionieren. Auf diese Weise wird der Raum nicht durch sie verstellt. Von außen betrachtet erzeugen die Winkel verschiedene Reflexionen, welche Vögel vor der Verglasung warnen sollen.
Sanierung im laufenden Betrieb
Dank eines Mock-ups, also eines Fassadenausschnitts in Originalgröße, konnten sich die Bewohner*innen mit den Bedienungsabläufen, der Reinigung und der Raumaufteilung vertraut machen. Dabei hatten sie Gelegenheit, selbst Wünsche anzumelden, etwa Haken zur Befestigung von Netzen, die Katzen vor Stürzen aus großer Höhe bewahren. Die Sanierung erfolgte im bewohnten Zustand. Im Vorfeld hatten SCHG und NOMOS monatliche Treffen mit den Bewohner*innen organisiert. Mehr als 400 von ihnen beteiligten sich und erörterten ihre Bedürfnisse in Hinblick auf die Bauphase.
Um die Erschließungskerne nicht zu blockieren, wurden die Montagearbeiten weitestgehend über Fassadengerüste und Mastkletterbühnen abgewickelt. Neun Monate lang umgaben sie den Turm. Die Wanddurchbrüche und das Versetzen der neuen Fenstertüren waren wohnungsweise getaktet. Drei Arbeitstage benötigten die Handwerker*innen pro Wohnung, drei Stunden für den Austausch der Fenster und schließlich 20 Minuten für das Zersägen jeder Betonbalkonbrüstung.
Erfolgsbilanz nach einem Jahr
Insgesamt konnte das Prinzip des Pufferraums in mehrfacher Hinsicht punkten: Es ermöglichte den Erhalt des architektonischen Charakters, einen Wohnflächengewinn, eine Reduzierung des Heizwärmebedarfs und den Verbleib der Bewohnerschaft während der Bauarbeiten. Ein Jahr nach Abschluss der Sanierungsarbeiten bestätigte die SCHG die Wirksamkeit der neuen Gebäudehülle. Der jährliche Energieverbrauch reduzerte sich von ursprünglich 415 MJ/m2 auf heute 230 MJ/m2. Dadurch sanken die Nebenkosten um rund ein Drittel – von 180 auf 120 Franken pro Monat. Allerdings stiegen die Mieten – für eine Vierzimmerwohnung etwa von 960 auf 1.200 Franken pro Monat. Nach Angaben der Genossenschaft liegen sie jeodhc weiterhin deutlich unter dem Genfer Durchschnitt.
Bautafel
Architektur: Robert und Jean-Jacques Honegger, Genf (Bestand 1978); NOMOS Architectes, Chêne-Bourg (Sanierung 2024)
Projektbeteiligte: KB Ignifuge, Echandens; Maulini, Satigny; Hofmann Capt Paratonnerres, Lausanne
Bauherrschaft: Société Coopérative d'Habitation de Genève (SCHG)
Fertigstellung: 2024
Standort: 16-18 Cité Vieusseux, 1203 Genf, Schweiz
Bildnachweis: Paola Corsini (Fotos), NOMOS Architectes (Pläne)
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