Sanierung der Hyparschale in Templin

Zweifach gekrümmtes Baudenkmal

Sie stehen in Magdeburg, Rostock und Neubrandenburg und zählen zu den bekanntesten Werken des Bauingenieurs Ulrich Müther: die Hyparschalen. Während einige bereits abgerissen wurden oder weiter verfallen, sind andere unter Schutz gestellt und saniert worden. So auch in Templin, wo sich das Büro Immer.gut Architektur + Denkmalpflege um das geschwungene Betondach und die angrenzenden Bauten kümmerte. 2024 ist hier wieder Leben eingekehrt.

Der Leerstand blieb nicht ohne Folgen: Die Verglasung ging nach und nach zu Bruch, die Fassaden wurden teils zugemauert oder mit Platten verbarrikadiert.
Während andernorts zwei oder vier der Schalen zusammengesetzt wurden, bildet in Templin eine einzelne das Dach.
Rund 8,5 Meter ragen die Zipfel der quadratischen Dachfläche in die Höhe.

Besonderes Betondach

Der Name Hyparschale bezieht sich auf die doppelt gekrümmte Dachfläche – ein hyperbolisches Paraboloid. In Templin überspannt die nur 7 cm dicke Betonschale ein Quadrat von 20,5 x 20,5 m. Zwei Zipfel der Fläche reichen rund 8,5 m in die Höhe, die anderen zwei zeigen Richtung Boden. Die freitragende Spannbetonkonstruktion wird ausschließlich durch die geraden Druckbalken an den Dachrändern gehalten. Ein unterirdisch verlegtes, etwa ein Meter breites Zugband verbindet die beiden Fußpunkte und sichert so die Konstruktion.

Müther und seine Kolleg*innen konnten bei ihren Statikberechnungen noch nicht auf Computer zurückgreifen. Heute wären die schlanken Betonschalendächer nach deutschen Prüfstandards nicht realisierbar. Dass sie trotzdem halten, beweist ihre lange Standzeit. Diese bautechnischen Besonderheiten sind ebenfalls ein Kriterium für den Schutz der Bauwerke.

Gaststätte im Stadtpark

In der DDR stachen die geschwungenen Dächer mit ihren hohen Glasfassaden neben den meist blockartigen Wohn- und Verwaltungsbauten deutlich hervor. Ihre besondere Architektur markierte entsprechend Orte des gesellschaftlichen Lebens: Messen, Ausstellungen, Konzerte, Restaurants und Cafés.

In Templin bildet die Hyparschale den Kopf eines flachen Gebäudekomplexes am Eingang zum Stadtpark, dem Bürgergarten. Ende der 1960er-Jahre wurde sie eigentlich als Pavillon für die Handelsorganisation (HO) errichtet, eröffnete aber mit einigen Anbauten erst 1972. Die Anlage diente als Gaststätte eines Erholungsheims des Freien Deutschen Gewerkschaftsbunds (FDGB), deren Speise- und Tanzsaal sich unter der Betonschale befand. Später kam ein Kellergeschoss hinzu, das eine beliebte Bar mit Diskothek beherbergte. Nach der Wiedervereinigung stand das Ensemble lange leer. 

Fünf neue Nutzungen

2014 wurden das Bettenhaus des Ferienheims abgerissen, das bis dahin den Blick auf die mittlerweile denkmalgeschützte Hyparschale versperrte. Zwei Jahre später wurden zunächst Beton und Fassade gesichert, 2019 dann der gesamte Komplex umgebaut und erweitert. Unter dem Betondach finden im Sommer Veranstaltungen Platz, im Winter ist hier eine Schlittschuhhalle. Diese Flexibilität erlaubt ein Klick-Parkett-System, während ein abgespanntes Deckensegel Akustik und Beleuchtung verbessert.

Im bestehenden, nördlichen Anbau, dessen Stahlbetonskelett saniert und mit einer Holzkonstruktion neu ausgefacht wurde, zogen die Naturparkverwaltung und ein Café ein. Östlich schließt ein neuer L-förmiger Anbau in Holzrahmenbauweise an, der eine Kindertagesstätte aufnimmt. Im zentralen Atrium essen mittags Grundschulkinder und nachmittags die Cafégäste. Ihr Essen erhalten sie aus der neuen Vollküche im Untergeschoss, die darüber hinaus auch die Veranstaltungen unter der Hyparschale versorgt. Im Keller wurde außerdem ein Werkraum eingerichtet, den Heizraum bewohnen Fledermäuse. 

Beton: dünn dank Hochdruck

Die Schalung für das Dach wurde aus 10 cm schmalen Brettern hergestellt, die jeweils einen Hoch- und einen Tiefpunkt mit 5 cm Höhenunterschied aufwiesen. So ergab sich die mehrfach gekrümmte Fläche, auf die dann die dreilagige Bewehrung und der Beton aufgetragen wurden. Damit dieser gut haftete, war ein spezielles Betonspritzverfahren nötig: das sogenannte Torkretieren, benannt nach der Firma Torkret.

Dabei befördert Druckluft die Mischung aus Zement und Zuschlägen durch einen Schlauch zu einer Düse. Hier kommt das Wasser hinzu, bevor das Gemisch mit hoher Geschwindigkeit auf den Untergrund gespritzt wird. Dadurch ist sichergestellt, dass der Beton nicht zu flüssig ist – andernfalls würde er nicht haften. Zusätzlich sorgt die hohe Aufprallenergie dafür, dass der Spritzbeton sich fest mit dem Untergrund verbindet und ein homogenes, nahezu hohlraumfreies Gefüge bildet.

Unsichtbare Flicken

Bei der Bestandsuntersuchung zeigte sich, dass der Zustand der Hyparschale gar nicht so schlecht war, verglichen etwa mit denen in Magdeburg und Neubrandenburg. Womöglich aufgrund der geringeren Beanspruchung des einfachen Hyparboloids, wie Architekt Lutz Grabowski vermutet. Doch auch hier waren Abplatzungen und freiliegende, korrodierende Bewehrung deutlich sichtbar. Das Vorgehen stimmte das Architekturbüro mit der oberen und unteren Denkmalschutzbehörde ab. Gemeinsam entschieden sie sich für eine möglichst authentische Rekonstruktion des historischen Schalbilds, um Konstruktionsprinzip und Bauprozess ablesbar zu lassen. 

Im Rahmen der Sanierung wurde als Erstes der lockere Beton entfernt und anschließend die Stähle entrostet und gereinigt, zunächst mit Bürsten. Auf die Bewehrungsstäbe trug man dann eine Haftbrücke auf und glich die Löcher und Fehlstellen mit Füllbeton aus. Um den dadurch entstehenden Flickenteppich zu kaschieren, wurde das Schalbild der früheren Untersicht betonkosmetisch nachgebildet. Dazu trug man Betonspachtel auf und drückte Bretter in die Masse. Auch das Funkeln des erneuerten roten Deckenanstrichs ist bauzeitlich. Anders als damals wurde als Glitzerzsuchlag jedoch nicht Glasstaub, sondern Acryl eingearbeitet.

Bautafel

Architektur: immer.gut architektur + denkmalpflege, Prenzlau
Projektbeteiligte: Henningsen Landschaftsarchitekten, Berlin (Landschaftsarchitektur); PiB – Prenzlauer Ingenieurbüro Werner und Press (früher: Werner & Sy Ingenieurbüro), Prenzlau (Tragwerksplanung)
Bauherr*in: Stadt Templin
Fertigstellung: 2024
Standort: Am Bürgergarten 1, 17268 Templin
Bildnachweis: immer.gut architektur + denkmalpflege (Fotos und Pläne)

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