Reggio School in Madrid
Lebende Gebäudehülle
In den kommunalen Kindertagesstätten der norditalienischen Stadt Reggio Emilia entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues pädagogisches Konzept: Die sogenannte Reggio-Pädagogik sieht Kinder als eifrige Forscher, die voller Neugierde und mit energischem Elan ihre eigene Entwicklung antreiben. Dabei kann gerade die architektonische Umgebung den Wunsch nach Erkundung unterstützen. „Das Gebäude ist der dritte Lehrer. Nichts soll versteckt werden: Rohre und Leitungen sind Teil des Lehrkonzepts“, sagte ein Pädagoge bei der ersten Baubesprechung. Diese Idee nahm der Architekt Andrés Jaque als Ausgangspunkt für den Entwurf der Reggio School in Madrid.
Zusammen mit dem Team seines Büros Office for Political
Innovation konstruierte Jaque ein komplexes Ökosystem, das mit
seiner Einbettung in die Landschaft und neu angelegten Gärten als
Zuhause für vielfältige Artengemeinschaften die Schülerinnen und
Schüler zum kollektiven Experimentieren motivieren soll.
Leitungen sind Lerngelegenheiten
Inspiriert von den Grundsätzen der Reggio-Pädagogik entschieden sich die Architekt*innen, ein „nacktes“ Gebäude zu entwerfen, das die mechanischen Systeme des Gebäudes offen zur Schau stellt. Dadurch werden die Rohre und Leitungen zur Lerngelegenheit: Schülerinnen und Schüler können hinterfragen, wie Wasser, Energie und Luft im Gebäude zirkulieren und wie diese Ströme mit ihren Körpern und den Interaktionen mit der sie umgebenden Architektur zusammenhängen.
Ökosystem in der Landschaft
Das Team um Jaque konzipierte die Schule nicht als abgeschlossenen Bau, sondern als Teil der Umgebung. So ist das Erdgeschoss, in dem die Klassenräume für die jüngeren Schüler*innen untergebracht sind, eng mit dem Gelände verbunden; der Innenraum öffnet sich zur Landschaft. In den oberen Stockwerken befinden sich die Klassenräume für die Mittelstufe. Diese sind mit Erdkübeln und Tanks für wiederaufbereitetes Wasser ausgestattet. Erde und Wasser nähren einen innenliegenden Garten, der bis in die obersten Stockwerke reicht und von einer Gewächshausstruktur überdacht wird. Die Räume für die höheren Klassenstufen sind um den Grünraum angeordnet. Dies soll den fortlaufenden Reifungsprozess spiegeln, der sich in der wachsenden Fähigkeit der Kinder niederschlägt, das Ökosystem der Schule allein oder mit Gleichaltrigen zu erforschen.
Kosmopolitische Agora
Das zweite Obergeschoss ist mit seiner Weite und Leere als sozialer Treffpunkt konzipiert, der sich in Bögen zu den umliegenden Gärten öffnet. Lehrende und Schüler*innen können auf dieser sogenannten kosmopolitischen Agora zusammenkommen und sollen durch deren Gestaltung zur Selbstverwaltung und Interaktion mit den umliegenden Landschaften ermutigt werden. Auch auf diesem Geschoss gibt es viel zu entdecken: Der halbgeschlossene Raum wird von erfrischender Luft durchströmt, die von den in der unmittelbaren Umgebung wachsenden Steineichen gekühlt wird. Ökologen und Edaphologen – die sich mit dem Einfluss des Bodens auf Lebewesen, insbesondere Pflanzen beschäftigen – haben auf dem Stockwerk Gärten angelegt, die zukünftig auch Insekten, Schmetterlinge, Vögel und Fledermäuse beherbergen sollen. Gleichzeitig sind die Gärten so konzipiert, dass sie die Schüler*innen dazu anregen, sich selbst als Teil der Ökosysteme wahrzunehmen.
48 % Material eingespart
In Südeuropa kommen nachhaltige Hightech-Lösungen meist nur bei hochbudgetierten, von Unternehmen oder vom Staat geförderten Gebäude infrage. Im Gegensatz dazu setzten die Planenden der Reggio School auf eine Low-Budget-Strategie zur Reduzierung des ökologischen Fußabdrucks. Diese beruht auf vier Gestaltungsprinzipien: Erstens entschieden sich die Architekt*innen für eine vertikale Raumanordnung, was den Flächenbedarf maßgeblich reduzierte. Zugleich konnten sie damit die Fassaden- und Fundamentanteile minimieren.
Zweitens konnte 48 % Material eingespart werden, indem auf
Verkleidungen, abgehängte Decken, technische Doppelböden und
hinterlüftete Fassaden verzichtetet wurde. Einen Großteil dieser
Konstruktion ersetzten die Architekt*innen mithilfe einfacher
Strategien, Wärmedämmung sowie der entsprechenden Verteilung der
mechanischen Systeme. In Zusammenarbeit mit dem Bauingenieur Iago
González Quelle dimensionierte das Team die Gebäudestruktur so,
dass die Dicke der tragenden Wände im Vergleich zu herkömmlichen
Stahlbetonkonstruktionen um durchschnittlich rund 15 cm reduziert
werden konnte. So wurde die in der Gebäudestruktur verbaute graue
Energie um insgesamt 33 % reduziert.
Korkfassade als neuer Lebensraum
Drittens entwickelte das Office for Political Innovation eine natürliche Lösung für die Wärmedämmung: Eine 14,2 cm dicke Schicht aus Kork mit einer Dichte von 9700 kg/m³ umhüllt die Schule. Sie bietet einen doppelt so hohen Dämmwert wie in Madrid vorgeschrieben und trägt damit zu einer passiven Reduzierung des Energieverbrauchs um 50 % bei. Gleichzeitig ist die unregelmäßige Korkoberfläche so gestaltet, dass sich mikrobiologische Pilze, pflanzliches und tierisches Leben darauf ansiedeln können. So wird die Gebäudehülle zu einem neuen Lebensraum.
Zu guter Letzt verbauten die Architekt*innen wiederverwendete Materialien: Die runden, augenähnlichen Fenster zum Beispiel sind Plastik-Dachfenster, die in den frühen 2000er-Jahren für Wohnwagen produziert wurden. Sie sorgen zudem für den ikonischen Charakter des Gebäudes, das die Schulkinder liebevoll „U-Boot“ nennen. -sh
Bautafel
Architektur: Andrés Jaque / Office for Political Innovation, Madrid
Projektbeteiligte: Qube Ingeniería de Estructuras, Murcia (Tragwerk); JG Ingenieros, Barcelona (Installationen); Dirtec Arquitectos Técnicos, Boadilla Del Monte (Kostenplanung); Mingobasarrate, Boadilla Del Monte (Ökologie und Edaphologie)
Bauherrschaft: Reggio School, Madrid
Fertigstellung: 2022
Standort: Calle San Enrique de Ossó, 48. El Encinar de los Reyes, 28055 Madrid
Bildnachweis: José Hevia, Barcelona