Purbeck-Cottage auf der Isle of Purbeck/UK

Radikales Re-Use

Lässt sich tatsächlich ein zeitgemäßes Wohnhaus ausschließlich mit vorhandenen und gebrauchten Materialien und Bauteilen realisieren? Kann dabei komplett auf die Produktion und den Einbau neuer Elemente verzichtet werden? Dieses Experiment eines sogenannten Radical Re-Use unternahm ein Bauherrenpaar mit dem Londoner Architekturstudio Type. In einer kleinen Ortschaft auf der Halbinsel Isle of Purbeck in der Grafschaft Dorset entdeckten das Paar zwei aneinandergebaute steinerne Cottages. Dieser Teil der englischen Südküste ist bekannt für die Kalkfelsen und Kalksteinbrüche. Die Fahrtzeit von London nach Purdeck beträgt etwas weniger als 3 Stunden.  

Die meisten Häuser in der Region sind aus dem graubeigen Kalkstein gefertigt, der auch für Mauern, Einfriedungen und sogar Bodenbeläge genutzt wurde.
Die beiden Cottages, einfache kleine Häuser aus der Mitte des 19. Jahrhundert, dienten ursprünglich als Wohnhäuser für die Familien, die in den nahe gelegenen Kalksteinbrüchen arbeiteten.
Das Studio bestätigt, dass es sich bei der Purbeck Case Study, also Fallstudie, wie die Studiomitglieder das Experiment bezeichnen, nicht um die üblichen Prozess von Entwurfs-, Genehmigungs-, Ausführungs- und Detailplanung handelte. Im Bild: Fassade zum Garten

Autochthone Architektur, Patina, Spuren der Vergangenheit  

Die beiden Cottages, einfache kleine Häuser aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, dienten ursprünglich als Wohnhäuser für die Familien, die in den nahe gelegenen Kalksteinbrüchen arbeiteten. Sie sind ebenso wie die meisten Häuser in der Region aus dem graubeigen Kalkstein gefertigt, der auch für Mauern, Einfriedungen und sogar Bodenbeläge genutzt wurde. Die beiden Cottages waren verlassen und aufgegeben. Offensichtlich hatte es einen früheren Umbauversuch gegeben. Die ursprünglichen Zwischendecken waren entfernt worden, um den Dachraum als zweite Ebene oder Obergeschoss nutzbar zu machen. Rückseitig liegt ein ebenfalls mit Kalksteinmauern vor Wind und Wetter geschützter und zwischenzeitlich verwilderter Nutzgarten. 

    

Die beiden Besitzer fanden Gefallen an dem authentischen historischen Gefüge, der Verbindung der vom Meer geprägten Landschaft mit der autochthonen Architektur, an Patina und Verwitterung mitsamt handwerklich lesbarer Texturen und den Spuren der Vergangenheit. Deshalb entschieden sie sich gegen eine moderne Überformung und suchten gezielt nach Architekt*innen, die genau diese Wertschätzung bei der Transformation oder vielmehr Ertüchtigung der beiden Cottages teilen würden.

Case Study Re-Use  

Das Architekturstudio Type legt bei seinen Projekten einen Schwerpunkt auf ökologisch und soziokulturell basierte Ressourceneinsparungen. Sie bestätigen, dass es sich auch bei der Purbeck Case Study, also Fallstudie, wie die Studiomitglieder das Experiment bezeichnen, nicht um die üblichen Prozesse von Entwurfs-, Genehmigungs-, Ausführungs- und Detailplanung handelte. Stattdessen wurde vor Ort seziert, probiert und getestet und vor allem mit je nach Fund geeigneten Materialien und Bauteilen gearbeitet.

In einem ersten Schritt wurden die beiden Häuser regelrecht befreit von Verkleidungen und mehreren übereinander geschichteten Lagen von Teppichböden. Als echten Schatz entdeckten Bauherren und das Architekturstudio einen nahezu intakten Natursteinboden. Die Natursteine zeigten zwar heftige Kratzer, die vermutlich aus jahrzehntealten Modernisierungs- und Umbaumaßnahmen stammen, doch die Bauherren ließen sie als Narben der Vergangenheit sichtbar.  

Assemblage  

Das Prinzip einer Assemblage setzt sich konsequent in den Bauteilen fort. Hölzerne Fenster und Türen, Messingbeschläge, Sanitärobjekte, gusseiserne Heizkörper, sogar ein antiker französischer Ofen und Rohrgestänge für die Haustechnik wurden bei Ebay, in Recycling-Höfen und bei Second-Hand-Händlern gesucht und gefunden. Zum Einpassen der Holzfenster mit Dreh-Kipp-Flügeln und der Türen wurden die Rohbauöffnungen so sensibel wie möglich angepasst. Ebenso stammen sämtliche Leuchten aus Altbeständen, darunter ein Kerzenleuchter, der über einen traditionellen Flaschenzug bedient wird. Selbst die steinernen Waschbecken wurden aus Reststücken gefertigt, die im nahegelegenen Steinbruch übrig waren. 

Die zwei Treppen zu den oberen Ebenen entstanden aus Überbleibseln von vorhandenen Treppen, deren Stufen allerdings aus Gründen der Trittsicherheit neu geordnet wurden. Ein lokal ansässiger Schmied fertigte passende Eisen-Geländer, da die Reste von Geländer und Handlauf nicht mehr brauchbar waren.   

Gemäß des Prinzips eines vollständigen Re-use wurden auch sämtliche Materialien und Baustoffe, die ausgebaut und entfernt wurden, auf ihre Reparaturmöglichkeit und Wiederverwertbarkeit überprüft. Beispielsweise konnte die Holzlattung des Fußbodens so für Türen, als Deckenverkleidung und für Küchenregale weiter- und wiedergenutzt werden. Die übrigen Materialien wurden wiederum zu Recycling-Höfen gebracht. Das Dach erhielt eine Dämmung aus Holzfasern. Die Außenwände wurden mit einem zur Materialität passenden Wärmedämmkalkputz versehen. Die ursprüngliche mit fossilen Brennstoffen arbeitende Heizungsanlage wurde ersetzt und aufgeteilt in eine Luft-Wärme-Pumpe und Solarmodule auf dem Dach, selbstredend ebenfalls Second-Hand. 

Raumprogramm und Organisation 

Die Organisation der Nutzungen und Räume auf einer Fläche von 85 m² orientiert sich ebenfalls am Bestand. Die beiden Kamine, die ursprünglich die Trennwand zwischen beiden Cottages bildeten, wurden als Feuerstelle und Mittelpunkt mit zwei seitlichen Öffnungen reaktiviert. Im westlichen Cottage befinden sich nun der Eingang zu einer großen Wohnküche sowie ein Gäste-WC, Lager und Kammern für die Haustechnik. Ein sogenanntes Butler-Fenster verknüpft als Durchreiche die Küche mit dem Essbereich.

Das gesamte Erdgeschoss des östlichen Cottages wird als Ess- und Wohnbereich genutzt. Ein Luftraum über dem zentralen Essbereich erstreckt sich dabei bis zum Satteldach. Türen und Fenster öffnen sich zum rückwärtigen Nutzgarten. Zwei Treppen erschließen die beiden oberen Ebenen mit zwei Schlafräumen. Der östliche Schlafraum, der auch als Gäste- oder Arbeitszimmer dient, kann wie ein Gehäuse mit einer zweiflügeligen Klappe wahlweise getrennt oder zum Luftraum geöffnet werden, um dann eine Art Galerie zu bilden. Auch der westliche Schlafraum lässt sich mittels einer Fenstertür mit zwei hölzernen Klappen zum zweigeschossigen Wohnbereich öffnen und wirkt so visuell großzügiger.   

Im Garten steht ein kleiner Pavillon als weiterer Rückzugsort. Selbst der Oldtimer der Bauherren hat im hinteren Gartenbereich einen Stellplatz gefunden. -sj

Bautafel

Architektur: Type, Sam Nelson, Tom Powell, Ogi Ristic, Matt Cooper (Re-Use-Planung und Transformation)
Projektbeteiligte: Dorset Council (Baubehörde); PCA Consulting Engineers (Tragwerksplanung); GR Edwardes Ltd (Haus- und Energietechnik); D&G Morgan Building Contractors (Bauausführung); John Churchill (Schmiedearbeiten); Salvo Web (Licht und Beleuchtung); Mumford&Wood (Re-Use-Quelle Fenster und Türen); English Salvage, Dorset Reclamation (Re-Use-Quelle Sanitärobjekte); Hayson Purbeck Stone (Re-Use-Quelle Keramik- und Naturstein-Fliesen); Reclaimed Radiators (Re-Use-Quelle Heizung); Bow Street Craft Company (Re-Use-Quelle Messing-Objekte); Osborne Restauration (Re-Use-Quelle Küche); Lassco (Re-Use-Quelle Verkleidungen)
Bauherr*in: privat
Standort: Isle of Purbeck, Grafschaft Dorset, UK
Fertigstellung: 2024
Bildnachweise: Lorenzo Zandri, London (Fotos); Type, London (Pläne)

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