Publix und Spore-Initiative in Berlin
flexibel nutzbares Kulturgebäude
In den letzten Jahren ließ sich vielerorts die Schließung von niedrigschwelligen Kultur- und Bildungsorten beobachten. Es fehlt an nicht-kommerziellen Begegnungsorten, die den Austausch der Menschen miteinander und die damit gelebte Demokratie und Meinungsvielfalt ermöglichen. Welch gute Nachricht, dass in Berlin ein ebensolcher Ort entstehen durfte. Die Schöpflin-Stiftung, deren Ziel die Demokratieförderung ist, ließ hier ein zweigeteiltes Gebäude für das Medien- und Gründerlabor Publix und das Kulturzentrum der Spore-Initiative. Hier ist Platz für den freien Journalismus und die kulturpolitische Zivilgesellschaft – zwei Grundpfeiler der Demokratie. Verortet ist der von AFF Architekten geplante Komplex auf Mitte der Hermannstraße in Neukölln, einer der vielfältigsten und lebendigsten Straßen Berlins.
Gestaffelte und mäandernde Grundform
Die beiden Baukörper – Publix im Süden und Spore-Initiative im Norden – stehen schützend zwischen der Straße und einem jüdischen Friedhof, dessen historisches Portal sie voneinander trennt. Von hier führt eine Wegachse zum Tempelhofer Feld, daneben geht der Friedhof in den Anita-Berber-Park über.
Straßenseitig scheint der Komplex wegen seiner Einbuchtungen und Höhenwechsel zerklüftet. An einer Stelle scheint er um einen denkmalgeschützten Lichtfeuermast des früheren Flughafens zu mäandern. Der Komplex staffelt sich von seiner nördlichen Parkseite mit drei Geschossen auf bis zu fünf Geschosse im Süden, wo er an die Traufhöhe der Blockrandbebauung anknüpft.
Raum für Öffentlichkeit
Auch die Nutzung ist gestaffelt: Das Haus öffnet sich im Erdgeschoss mit öffentlichen Multifunktionsflächen und bündig in die Fassade gesetzten Schaufenstern einem breiten Publikum und wirkt bis in den Straßenraum. Hier ist Platz für Ausstellungen, Konzerte oder Vorträge. Café-Flächen und flexibel abtrennbare Bereiche ermöglichen auch die Kommunikation in kleinerem Rahmen. Zudem gibt es im Erdgeschoss mietbare Aufnahmestudios für die Produktion von Video- und Audiobeiträgen.
Die öffentlich genutzten Bereiche ziehen sich im Spore-Haus auch über das Untergeschoss und das erste Obergeschoss. In den Ebenen darüber liegen die Büros der Stiftung. Im Publix-Haus befinden sich in den Obergeschossen Arbeits- und Besprechungsräume, die Medienschaffende, Organisationen oder Initiativen anmieten können. Beide Häuser haben in den obersten Geschossen Gäste-Appartements für die Kulturschaffenden sowie andere geladene Gäste.
Tragstruktur aus Beton
Beide Häuser sind in Ortbeton konstruiert mit tragenden Außenwänden und aussteifenden Gebäudekernen. Damit die erdgeschossigen Räume flexibel nutzbar und gut belichtet sind, mussten die Geschossdecken möglichst weit spannen. Um dabei Betonmasse zu sparen, wurden sie als schlanke Rippendecken ausgeführt. Im Publix-Haus sind die Rippen kräftig und regelmäßig angeordnet.
Für das Gebäude der Spore-Initiative fand man eine beeindruckendere Lösung: Eine digitale 3D-Modellierung der Geschossdecke zeichnete den Kräfteverlauf auf der Decke nach. Herauskam ein Liniennetz aus großen, sich kreuzenden Bögen. Entsprechend dieser Berechnung wurde ein unregelmäßiges Geflecht aus filigranen, gekrümmten Unterzügen gegossen, das die darüberliegende Rippendecke unterstützt.
Handwerklichkeit
Die Betonoberflächen blieben in einem handwerklichen und teilweise roh anmutenden Zustand – mit unregelmäßigen Kanten, Fließspuren und Wolken und sichtbaren Fugen im geschliffenen Estrich. Ebenso haptisch wirkt die Fassade mit rot pigmentierten Sichtbetonsockeln, wiederverwerteten Klinkerziegeln und Neubrandziegeln. So verschmilzt die Außenwand im Norden mit der alten Friedhofsmauer. Das alles gibt dem Gebäude eine Rauheit, mit der die Architekturschaffenden den sensiblen Kulturraum im Innern schützen wollen, und einen offenen Werkstatt-Charakter, der kreative Freiheit einräumt.
Integrierte Technik
Zugunsten der Flexibilität sind verschiebbare Rollregale, Faltwände und Rolltore eingebaut. So roh das Gebäude anmutet, es brauchte raumakustische Maßnahmen und einiges an Elektroinstallationen für die umfangreiche Medien- und Veranstaltungstechnik und für die notwendige Gebäudetechnik. Sound- und Lichttechnik sowie akustisch wirksame Holzabsorber sind relativ unauffällig zwischen den Rippen der Betondecken verlegt. Teilweise decken Metallroste die deckeninstallierten Kabel und Geräte ab. In den Coworking-Bereichen des Publix sind Leitungen und Steckdosenleisten in Metallschienen an Wänden und Decken verlegt oder in die Trennwände integriert. Dadurch sanken die Kosten für die Leitungsverlegung, zugleich lassen sich die Räume flexibler möblieren.
Verbautes blieb also überwiegend sichtbar. Elemente aus Douglasie und Eiche machen den Betonbau einladender: Bodenbeläge, Wandvertäfelungen, Türen, Fensterrahmen, tiefe Fensterbänke, Sitzstufen und wiederverwertete Pagholz-Sitzschalen. Das alles bringt eine warme Farbigkeit und Haptik ins Gebäude. Regal- und Thekeneinbauten sowie Trennwände sind ebenfalls aus Holz konstruiert, was einen leichten Umbau und eine Integration der Gebäudetechnik und Verkabelung ermöglicht. ~rg
Bautafel
Architektur: AFF Architekten, Berlin/Lausanne
Projektbeteiligte: Sedeño Bauplanung, Berlin (Bauleitung); Schnetzer Puskas International, Berlin (Tragwerksplanung); W33 Ingenieurgesellschaft, Berlin (Technische Gebäudeausrüstung); BBS Ingenieurbüro, Weimar (Bauphysik/Akustik); Peter Staeck, Berlin (Brandschutz); studio karhard (Innenarchitektur Büroetage); LichtKunstLicht, Berlin (Lichtplanung); Heike Laser, Leipzig (Gastroberatung); POLA Landschaftsarchitekten, Berlin (Landschaftsarchitektur); SMV Projektsteuerung, Berlin (Projektsteuerung); Kleinert Bau, Berlin (Rohbau Fassade); Jaeger Ausbau, Berlin (Innenausbau); Eisenwaren Thomas Langer, Breitenbrunn (Stahlbau); Hofmann&Großmann, Ottendorf-Okrilla (Tischlerarbeiten); Ilja Oelschlägel, Leipzig (Produktdesign); u. a.: Jung, Schalksmühle (Hersteller Schalter)
Bauherr: Schöpflin Stiftung, Berlin; Sabine Peitzmeier (in Vertretung)
Fertigstellung: 2024
Standort: Hermannstraße 86, 12051 Berlin, Deutschland
Bildnachweis: Hans-Christian Schink, Berlin; Tjark Spille, Braunschweig (Fotos); AFF Architekten, Berlin/Lausanne (Pläne)
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