Prestige University in Ringnodiya
Getreppte Dachlandschaft
Auf dem indischen Land plante das Team von Sanjay Puri Architekten das Gebäude der Prestige University, das an traditionelle Bauweisen anknüpft und genau deshalb sehr gut auf zeitgenössische Anforderungen reagiert. An der nördlichen Ausfallsstraße von Indore stehend, fällt der Neubau nicht gleich auf, denn die Felderlandschaft der Umgebung setzt sich in der terrassierten Kubatur des Gebäudes fort. 463 quadratische Terrassen strukturieren die 9.000 m² große Dachfläche wie ein geneigtes Schachbrett, das sich auf seiner Nordostseite sanft aus einer erdgeschossigen Rasenfläche erhebt und über die Diagonale bis zur südöstlichen Gebäudekante auf 28 Meter Höhe wächst.
Von hier erstreckt sich ein weites Panorama über die Landschaft. Zahlreiche, meist vierstufige Treppen ermöglichen unterschiedliche Wege über die Terrassen, die im unteren Bereich begrünt und weiter oben mit Betonplatten belegt sind. Die Wiederholung des Terrassen- und Treppenmotivs wird hin und wieder durch die Einschnitte von Innenhöfen durchbrochen, mutet aber dennoch surreal an. Dabei gibt es gute Gründe für das Motiv.
Bauen mit Tradition
Sein gestalterischer Ursprung liegt in den für Indien typischen Stufenbrunnen. Die Brunnenanlagen bestehen aus zahlreichen Terrassen und kunstvoll zueinander versetzten Treppen und ermöglichen übers ganze Jahr den bequemen Zugang zum Wasser. Denn in der Region wechseln lange Trockenperioden mit starkem Monsun, sodass die Wasserstände stark variieren und entsprechend die Brunnen mal mehr, mal weniger füllen. Zugleich sind die Anlagen mit ihren terrassierten Rängen ein sozialer Treffpunkt – eine Bühne fürs Gesellschaftsleben. So soll auch dieses Dach bei Veranstaltungen zum Auditorium für bis zu 9.000 Menschen werden und bietet im Alltag Platz für Freiluft-Unterricht oder Pausen.
Klimagerechtes Bauen
Die architektonische Form resultiert aber auch aus dem tropischen Klima vor Ort mit sehr heißen und regenreichen Monaten. Das Gebäude neigt und öffnet sich über seine Dachlandschaft gen Norden. Die nach Osten, Süden und Westen gerichteten Außenwände sind mit einer vorgesetzten Celosía, einer durchbrochenen Ziegelwand, verschattet und zugleich belüftet. Eine Außenraumschneise, die von Ost nach West die beiden unteren Geschosse teilt, ermöglicht eine freie Belüftung des Gebäudes. Der Wind gelangt von hier aus in die 16 miteinander verbundenen Innenhöfe und kann dort nach oben aufsteigen und entweichen. Eine natürliche, kühlende Luftzirkulation entsteht. Die Innenhöfe verspringen in der Höhe und ermöglichen so nutzbare Außenräume und Zugänge zur Dachlandschaft auf allen Geschossen sowie eine gute Belüftung und viel Tageslicht auch in den Räumen, die im Innern des Volumens liegen. Zugleich sorgt die Überbauung der Schneise für große, überdachte Freiräume, die einen Außenaufenthalt auch bei Monsun ermöglichen.
Funktionen und Tragwerk
Insgesamt hat das Gebäude fünf Geschosse: Im Erdgeschoss liegen die Cafeteria, ein großes, dreigeschossiges Auditorium und die Büros der Verwaltung. Darüber befindet sich die Bibliothek im ersten Obergeschoss, Klassenzimmer sind im zweiten Obergeschoss und Hörsäle im dritten Obergeschoss angeordnet. Im vierten Obergeschoss liegen die Büros der Universitätsleitung. Sechs Treppenkerne erschließen die Ebenen, wobei sie sich – bedingt durch die Terrassierung und die in der Höhe zurückspringenden und sich verkleinernden Grundrisse – auf zwei Gebäudekerne im obersten Geschoss reduzieren. Das Gebäude ist eine Stahlbetonkonstruktion mit tragenden Wänden und hohen Trägern aus teils glasfaserverstärktem Beton, die enorme Spannweiten und stützenfreie Innen- und Außenräume ermöglicht. Doch nicht nur die Kubatur und das Tragwerk sind beeindruckend, sondern vor allem die klimagerechte Anwendung traditioneller Bauprinzipien und die raue, bodenständige Haptik des Gebäudes. Denn sie bilden gewissermaßen einen Gegenentwurf für die zahlreichen hochtechnisierten Wohn- und Geschäftsgebäude, die in der noch ländlichen Nachbarschaft geplant sind. -rg
Bautafel
Architektur: Sanjay Puri Architects (Entwurfsleitung: Sanjay Puri, Ruchika Gupta, Madhavi Belsare; Entwurfsteam: Manveer Chopra, Devendra Dugad, Arjun Gupta, Bijal Bhayani)
Bauherr*in: Prestige Education Society
Fertigstellung: 2026
Standort: Ringnodiya, Madhya Pradesh, Indien
Bildnachweis: Vinay Panjwani
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