Plodine Tower in Rijeka
Hochhausrevitalisierung durch integrale Planung
Die kroatische Hafenstadt Rijeka, gelegen in der Kvarner Bucht an der oberen Adria, ist manchen vielleicht bekannt. Im Jahr 2020 war sie zusammen mit dem irischen Galway europäische Kulturhauptstadt. Der Topografie vor Ort folgend ist Rijeka entlang der Wasserkante gewachsen, mit Hafen- und Industriebereichen, aber auch Wohngebieten. Im Osten der Stadt wurde ab 2002 das Einkaufszentrum Tower Center gebaut, ein langgestreckter Gebäuderiegel mit Hochhaus, das nun von ATP Architekten Ingenieure für das Einzelhandelsunternehmen Plodine ertüchtigt und zu einem „Fast-Null-Energie-Gebäude“ umgebaut wurde.
Ursprünglich sollte das 16-geschossige Hochhaus als Einkaufszentrum genutzt werden, ging jedoch nie in Betrieb. Äußerlich zwar fertiggestellt, mit postmodern bläulich schimmernder Glasfassade, wurde der Innenausbau nie zu Ende gebracht. Als sogenannter „Blauer Turm“ prägte das Gebäude die Silhouette von Rijeka dennoch stark. Im Zuge ihrer Expansionsstrategie fand die kroatische Einzelhandelskette Plodine im Jahr 2020 in dem Hochhaus einen idealen Ort, um alle Kernprozesse unter einem gemeinsamen Dach zu bündeln und gleichzeitig die Zugehörigkeit des Unternehmens zur Stadt sowie die eigene Innovationskraft nach außen zu tragen. Das Büro ATP, das nach gewonnenem Wettbewerb mit dem Umbau beauftragt wurde, hat bei der Planung mit dem Leitgedanken „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“ ein nachhaltiges und ressourcenschonendes Konzept verfolgt. Die zentrale gestalterische Idee war, das Wolkenspiel des Himmels und die Bewegungen des Meeres als dynamische Spiegelungen in der Fassade wiederzugeben, wodurch sich die Ansicht des Hochhauses ständig verändert. „Wir hatten die Vision eines Kristalls auf einem Felsen“, beschreibt ATP-Partner und Geschäftsführer von ATP Zagreb Dario Travaš.
Neue Fassade für Bestandsturm
Die bauliche Grundlage dafür war günstig: Das Gebäude ist wie ein klassisches Hochhaus konstruiert, mit aussteifendem Kern inklusive aller Verkehrs- und Nebenräume sowie Stützen entlang der Außenseite. Da die alte Fassade nur vorgehängt war, ließ sie sich leicht entfernen. Die freigelegte Stahlbetonstruktur erwies sich als gut erhalten und benötigte nur minimale Eingriffe, um die neue, glatte Elementfassade zu tragen. Das Entwurfsteam von ATP hat die zuvor massige Gestalt des Gebäudes aufgelockert und an der Südwest- sowie der Nordostseite jeweils zwei vertikale Einkerbungen eingefügt. Dadurch wirkt der Baukörper wie dreigeteilt, enorm schlank und leicht. Die Dreiteilung wird auch im Dach aufgenommen, indem das Gebäude mit jedem Einschnitt etwas höher wird. Auch in den beiden unteren Geschossen, die leicht zurückversetzte angeordnet und mit Gläsern in doppelter Rasterbreite ausgestattet sind, wird die neue Leichtigkeit der Gebäudeform betont.
Energieeffiziente Technik
Mit der neuen Fassade und der ertüchtigten Gebäudetechnik entspricht der Plodine Tower den Richtlinien eines Niedrigsenergie-Gebäudes (nearly zero-energy building oder Fast-Null-Energie-Gebäude). Die technischen Geräte auf dem Dach sind so angeordnet, dass sie so weit wie möglich entfernt von der Fassade stehen und durch die Attika optisch verdeckt werden. Drei hocheffiziente Luft/Wasser-Wärmepumpen sorgen für die Produktion von Wärme und Kälte für das Lüftungssystem, mit dem das Gebäude komplett klimatisiert wird. Die Verteilung der Luft erfolgt über Vierrohr-Gebläsekonvektoren, wobei die Nutzer*innen in den Räumen je nach Bedarf unabhängig voneinander kühlen oder heizen können. Damit die angestrebte Energieeffizienzklasse erreicht wird, gibt es keine händisch öffenbare Fenster, nur einige wenige öffnet das Gebäudetechnik-Management bei Bedarf. Die Klimaanlage ist mit einem Wärmerückgewinnungsgrad von mehr als 70 Prozent ausgestattet und arbeitet mit 100 Prozent Frischluft. Über CO₂-Sensoren und damit abhängig von der Belegung wird die Frischluftzufuhr geregelt.
Nachhaltige Planung durch BIM
Hilfreich war die Planung mit BIM und 3D-Visualisierungen: „Durch das BIM-Modell konnten wir präzise und realistische Darstellungen sowohl von Innen- als auch von Außenräumen erstellen“, erklärt Goran Anić, BIM-Manager bei ATP in Zagreb. „Zudem ermöglichten die Visualisierungen eine bessere Kommunikation mit allen Projektbeteiligten.“ Um überhaupt die digitalen Modelle erstellen zu können, wurde die gesamte Bestandsstruktur mittels einer Punktwolke erfasst und analysiert. Potenzielle Probleme konnten die Planenden so frühzeitig identifizieren. Die in der bestehenden Konstruktion vorhandene graue Energie wurde dadurch optimal weitergenutzt und die neu einzubauenden Bauteile maßgeschneidert geplant. Damit ist ein Hochhausumbau gelungen, der mit den bestehenden, wertvollen grauen Energien umgeht und den Einsatz von neuen Ressourcen optimiert. Im Oktober 2024 wurde das Projekt mit einem Iconic Award in der Kategorie Innovative Architecture des Rats für Formgebung ausgezeichnet. -tg
Bautafel
Architektur: ATP architekten ingenieure, Zagreb/Wien
Projektbeteiligte: ATP architekten ingenieure, Zagreb/Wien (Integrale Planung, Interior Office und Restaurant); PDM Savjetovanje d.o.o., Zagreb (Bauphysik); Studio Franić Šekoranja, Zagreb (Interior Lobby und Executive Board Levels); KFK, Dugo Selo (Fassade Werkplanung und Fassadenbau)
Bauherr*in: PLODINE d. d., Rijeka
Fertigstellung: 2023
Standort: Radnička ul. 30, 51000, Rijeka, Kroatien
Bildnachweis: ATP/Pierer; ATP/Banić; ATP