Piazza dello Statuto (PDS) - Haus in Lendinara/Italien
Raum-in-Raum mit Pfosten-Riegel-Struktur
Lendinara ist eine Kleinstadt im norditalienischen Venetien auf halbem Weg zwischen Venedig und Bologna. Landwirtschaft prägt die fruchtbare Ebene zwischen den beiden Flüssen Po und Adige (deutsch Etsch). Ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor sind daher zahlreiche Mehl-, Zucker- und Trockenfruchtfabriken. Eine solche Fabrik im Stadtzentrum von Lendinara wurde im Zuge des Strukturwandels stillgelegt, an den Ortsrand umgesiedelt und transformiert.
„quanto basta"-Transformation
Auf Teilen des ehemaligen Fabrikgeländes entstanden Wohnungen und Gärten, zumal sich in unmittelbarer Nachbarschaft die Renaissance-Villa Ca' Dolfin-Marchiori mit einem historischen Garten befindet. Direkt an die Piazza dello Strato, einen grünen Platz im Stadtzentrum, grenzt ein Teil der Fabrikgebäude, die der Besitzer zugunsten eines Wohnneubaus abreißen wollte. Die beiden Architekten Filippo Govoni und Federico Orsini von QB Atelier, die sich dem Motto „quanto basta“ (auf Deutsch etwa „genug ist genug“) verschrieben haben, konnten ihn überzeugen, Teile des Bestands als Artefakt zu belassen und stattdessen zu transformieren. Das alte-neue Wohnhaus wurde nach den Initialen des Piazza dello Statuto PDS-Haus getauft.
Nur das alte Fabrikdach und einige rückwärtige Nebengebäude konnten nicht erhalten werden und wurden deshalb vorsichtig entfernt. Durch diese Eingriffe retteten die beiden Architekten Bausubstanz und sparten durch die Weiterverwertung Baukosten. Die Fabrik mit ihrer Fassade aus charakteristischem Doppelgiebel und Turm, die sie vor dem Abbruch bewahrten, war zudem lange Zeit Teil der städtischen Identität. Die Fassade an der Piazza-Seite ist mit ihren markanten Konturen tatsächlich eindrucksvoll. Hermetisch geschlossen enthält sie kein einziges Fenster und nur eine einzelne schwarzlackierte Eisentür. Diese Eingangstür markiert eine Schwelle in ein Gefüge aus alten Fabrikmauern und neuem Innenleben.
Giardino Segreto
Die Eingangstür führt in einen offenen Hof, den die beiden Architekten Giardino Segreto nennen, geheimer Garten. Dieses Gartenprinzip stammt aus der Renaissance und bezeichnet, ähnlich wie ein Hortus Conclusus oder ein Walled Garden, einen von hohen Mauern umgebenen und vor Blicken von außen geschützten Garten. Er ist damit ein sehr privater Garten und als sogenanntes grünes Zimmer oder grünes Kabinett ein Teil des Hauses – während er ebenso Außen und Innen für ein zeitgemäßes Wohnen verknüpft. Dieses grüne Zimmer soll sich im Laufe der Zeit zu einer grünen Oase entwickeln. An haushohen Rankgittern wächst bereits Jasmin – für einen angenehmen Duft – neben weiteren Rank- und Kletterpflanzen.
Raum-im-Raum
In dieses Geviert von Bestandsmauern fügten die Architekten als Raum-im-Raum das neue Wohnhaus ein. Es ist ein zweigeschossiges Volumen mit einer Pfosten-Riegel-Konstruktion in hybrider Brettschichtholz-Stahl-Bauweise. Das neue Dach zeichnet dabei die Zickzack-Konturen der Doppelgiebel nach, wodurch sich im Giardino Segreto die Fassade in einer haushohen Verglasung spiegelt.
Die Glasfelder zwischen den Pfosten bilden acht stehende und nur durch die Riegel unterbrochene Fenster. Vier der acht erdgeschossigen Glasfelder sind festverglast, die anderen vier Felder sind Fenstertüren, darunter der Haupteingang. Diese Türen öffnen sich in ein zweigeschossiges Wohnzimmer mit rückwärtigem Ess- und Küchenbereich, an den wiederum ein kleiner weiterer Hof mit einer Terrasse grenzt. Sonnenschutzrollos können die zweigeschossige Glaswand vollständig abdunkeln.
Ein eingestellter Kern enthält neben Schrank- und Stauraum die Treppe ins Obergeschoss. Eine Galerie verbindet visuell das Obergeschoss mit dem Wohnbereich. Im Obergeschoss befinden sich drei Schlafräume mit den Bädern. Ein niedriger Nebentrakt hinter dem Turm, der nicht zum Wohnhaus gehört, sondern als eigenständiges Objekt belassen wurde, bietet Platz für ein Arbeitszimmer mit separatem WC, die Waschküche und den Haustechnikraum. Das neue Haus hat eine Nutzfläche von 300 m² zuzüglich weiterer 100 m² Gartenfläche.
Farben und Materialien
Den Hell-Dunkel-Kontrast der hellen cremefarbenen Fassade mit der schwarzen Eisentür nehmen die Architekten bei der Detaillierung des inneren Gefüges wieder auf und erweitern das Spektrum zu einem Schwarz-Weiß-Hellbraun-Kontrast. Verkleidungen aus hellem Lärchenholz im Eingangsbereich und bei den Schlafräumen setzen sich vom eingestellten schwarzen Treppenkern und der Küche ab. Die Wandschränke, Paneele, der Küchenblock sowie die Galeriebrüstung sind aus schwarz gespachtelten MDF-Platten maßgefertigt. Die äußerst sorgfältige Detaillierung in einem 60-90-120-180-cm-Achsrhythmus enthält sogar Schattenfugen für die versenkte Anordnung von LED-Strahlern sowie flächenbündige Push-Pull-Mechanismen für Schranktüren und Klappen. Roh belassene Metallplatten verkleiden die Einfassung des Kamins mit feuerfesten Leichtbauplatten, um sich optisch dem schwarzen MDF anzugleichen.
Ressourcen
Die beiden Architekten verfolgen in ihren Arbeiten einen sehr
sparsamen Umgang mit Ressourcen – dafür wurden sie inzwischen
mehrfach ausgezeichnet. Sie vergleichen ihre architektonische
Strategie mit einem – typisch italienischen – Kochrezept, nämlich
Risotto. Mit nur etwas Reis, einem Zweig Salbei, einer Handvoll
Mandeln, Salz, Pfeffer und einem Glas Wein bereiten sie sich eine
köstliche Mahlzeit zu, und genauso lösen sie architektonische
Herausforderungen. -sj
Bautafel
Architektur: QB Atelier – atelier popolare d'architettura, Filippo Govoni und Federico Orsini, Ferrara
Projektbeteiligte: Elisa Maniezzo (Tragwerkplanung); Gustavo Bernagozzi (Haustechnik- und Sicherheitsplanung); Lavori Industriali Srl (Bauausführung); Segheria Lombardi (Holzarbeiten); Castellan Mirko e Matteo Snc (Elektroarbeiten); Massimo Chinaglia (Sanitärtechnik); RS Restauri Srl (Malerarbeiten); Fraccarollo Primo & C. Srl (Fenster und Türen); Edilmebas (Boden- und Wandbeschichtungen); Zadra interni (maßgefertigte Möbel) Bauherr*in: Mainardi Nicola Srl, Lendinara
Standort: Piazza dello Statuto, Lendinara, Rovigo, Italien
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Pietro Savorelli, Florenz, über The Architecture Curator
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