Partizipatives Einfamilienhaus in Pernek

Geometrisches Erdhügelhaus mit Trapez-Fenstern und quadratischen Schiebetüren

Einfaches Bauen wird seit einiger Zeit als Gegenentwurf zur zunehmend komplizierter werdenden Architektur mit High-End-Technologie, Automations-Infrastruktur und komplexen juristischen Vorschriften entdeckt. Die Wertschätzung des Einfachen geht einher mit der Rückbesinnung auf bewährte regionale Bautraditionen sowie der nachhaltigen Reduzierung von Material- und Energieverbrauch. In Kombination mit „Do it yourself“ eröffnen derartige Vereinfachungen Bauherr*innen einen relativ großen Handlungsspielraum bei der Mitgestaltung, bei der Fertigstellung sowie beim Weiterbauen – von finanziellen Einsparpotentialen ganz abgesehen.

Der Neubau hat prinzipiell nur eine einzige „echte“ Fassade: die vollständig verglaste Flache nach Süden Richtung Garten.
Diese raum- respektive haushohe Fensterfläche erweitert nicht nur visuell die Innenräume, sondern bietet einen unverstellten Blick auf die hügelige Landschaft der Umgebung.
Hülle und Volumen sind zugunsten einer größtmöglichen inneren Flexibilität spiegelsymmetrisch und stützenfrei konstruiert.

Genau diese Wünsche nach Einfachheit, der Möglichkeit beim Bauen mitzuhelfen sowie nach einem rücksichtsvollen Umgang mit der Landschaft hatte eine junge Familie mit zwei kleinen Kindern. Ihr Einfamilienhaus entstand als partizipative Zusammenarbeit mit dem Architekten Jan Studeny in Pernek, einer kleinen Ortschaft im Westen der Slowakei. Pernek ist knapp 35 km von Bratislava entfernt und vor allem als Ausgangspunkt für Wanderungen durch die Kleinen Karpaten bekannt.

Trapezoides Betonzelt als geometrisches Erdhügelhaus

Das Haus ist als eine Art trapezoides Zelt konzipiert, das sich als selbsttragende Schale aus Beton halb in einen nach Süden abfallenden Hang einschiebt und halb durch ein Gründach mit dem Gelände und dem Garten verschmilzt. Hülle und Volumen sind zugunsten einer größtmöglichen inneren Flexibilität spiegelsymmetrisch und stützenfrei konstruiert. Das Haus ähnelt einem traditionellen, jedoch geometrisch neu interpretierten Erdhügelhaus, das die Erde als natürliche Dämmschicht zur Minimierung von Energie zur Heizung und Kühlung nutzt. Der Schornstein für die Be- und Entlüftung des Kamins weckt dagegen Assoziationen an das Periskoprohr eines untergetauchten U-Boots.

Erschließung und Organisation

Der Zugang zum Haus erfolgt von der im Norden gelegenen Straße mit einem PKW-Stellplatz über einen mit Gabionen terrassierten Weg in ein Entrée auf der oberen Ebene. Von dort führt eine Treppe hinab auf die untere Ebene, die als zusammenhängendes Wohn-, Arbeits-, Schlaf- und Esszimmer mit einer Küchenzeile dient. Unter der Treppe sind ein Bad und die Haustechnik versteckt. Auf der oberen Ebene befinden sich neben dem Entrée, das sich als Laibung nach außen stülpt, ein weiteres Bad und die Räume für die Kinder.

Festverglaste Trapez-Fenster und quadratische Schiebetüren

Das monolithische „Zelt“ hat prinzipiell nur eine einzige „echte“ Fassade, nämlich die senkrechte Fläche nach Süden, die sich vollständig verglast in den Garten öffnet. Die Fassadenkonstruktion basiert auf dem Prinzip eines zweigeschossigen Blendrahmens, in den die vier jeweils raumhohen quadratische Schiebefenstertüren mit seitlich ebenfalls vier jedoch festverglasten trapezförmigen Felder eingesetzt sind. Diese raum- respektive haushohe Fensterfläche erweitert nicht nur visuell die Innenräume, sondern bietet einen unverstellten Blick auf die hügelige Waldlandschaft der Umgebung.

Material, Farbe, Grün, Partizipation

Die Profile und Rahmen der Fenster und Schiebefenster bestehen aus Aluminium, das in einem hellen silbrigen Schimmer mit dem hellgrauen Sichtbeton von Wänden und Decken und dem ebenfalls hellgrauen Estrichboden korrespondiert. Während die Kinder die Oberflächen der roh belassenen Gipskarton-Trennwände schon mit farbenfrohen Zeichnungen in Besitz genommen haben, kann die ganze Familie im Laufe der Zeit entscheiden, ob sie die Wand- und Deckenoberflächen auf der unteren Wohnraum-Ebene derart puristisch lassen oder doch noch mit Farbe, Tapeten oder Textilien gestalten will. Dies gilt ebenso für Fensterbrüstungen und Treppengeländer. Als weitere partizipative Eigenleistung will die Familie die Dachflächen begrünen sowie die Anschlüsse an die Terrasse und den naturnahen Garten gestalten.

Das Haus hat eine Nutzfläche von 200 Quadratmetern und befindet sich auf einem Grundstück von 2.000 Quadratmetern. Die Bauzeit betrug zwei Jahre. -sj

Bautafel

Architektur: Ján Studený, Studený Architekti, Bratislava, Slowakei
Projektbeteiligte: Daniel Silva, Maroš Bátora (Mitarbeiter*innen)
Bauherr*innen: Palo Moťovský, Soňa Studená, Pernek, Slowakei
Standort: Pernek, Slowakei
Fertigstellung: 2022/23
Bildnachweis: Alex Shoots Buildings, Prag, Tschechien

Fachwissen zum Thema

Anders als Türen sind Fensterformate zwar nicht in Standard-Größen definiert, doch sind rechteckige Konturen üblich. Sonderformate wie wirken deshalb umso ungewöhnlicher. Im Bild: Sternförmiges Fenster Kirche St. Maria Magdalena in Berlin-Pankow

Anders als Türen sind Fensterformate zwar nicht in Standard-Größen definiert, doch sind rechteckige Konturen üblich. Sonderformate wie wirken deshalb umso ungewöhnlicher. Im Bild: Sternförmiges Fenster Kirche St. Maria Magdalena in Berlin-Pankow

Fensterarten

Expressionistische Sonderformate

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
Baunetz Wissen Fenster und Türen sponsored by:
Solarlux GmbH | Kontakt +49 5422 9271-0 | www.solarlux.com