Ossietzky-Wohnhof in Nordhausen

Plattenbausanierung von Haus Ludwig mit energetischem Mehrwert

Eine vorgelagerte äußere Hülle zur Erweiterung bestehender Bausubstanz ist kein unbekanntes Sanierungskonzept. Immer wieder zeigt sich, dass Altbauten nicht zwangsläufig abgerissen werden müssen, sondern schon durch minimale Eingriffe an architektonischer Qualität gewinnen können. Ein gelungenes Beispiel hierfür findet sich in der thüringischen Stadt Nordhausen: Im Rahmen des IBA-Projekts Thüringen wird seit 2020 das Plattenbauquartier Ossietzky-Wohnhof mit den drei Gebäuden Franzi, Ludwig und Sophia saniert und weiterentwickelt. Beim Wohnriegel Ludwig entschied sich das Architekturbüro Hütten & Paläste für ein additives Bauteil, das den Wohnraum erweitert und als Klimapuffer zur Energieeffizienz beiträgt.

Das Quartier setzt sich aus den drei Gebäuden „Franzi“, „Ludwig“ und „Sophia“ zusammen (der neue Holz(hybrid)bau „Franzi“ ist auf diesem Bild noch nicht gebaut).
Beim Wohnriegel Ludwig setzte das Architekturbüro Hütten & Paläste auf ein additives Bauteil, das den Wohnraum erweitert und als Klimapuffer zur Energieeffizienz beiträgt.
So sah das WBS-70-Bestandsgebäude vor der Sanierung aus.

Wettbewerb und Sanierungsplan

Die Quartierssanierung ging aus dem 2018 ausgelobten Realisierungswettbewerb „Multitalent gesucht“ hervor. Während ein ehemaliges Schwesternwohnheim dem zukünftigen Holz(hybrid)bau Franzi weichen musste, sahen die Planenden für die beiden WBS-70-Bestandsgebäude Ludwig und Sophia unterschiedliche Sanierungsmaßnahmen vor. Sophia wurde auf KfW-Standard 85 ertüchtigt. Die Eingriffe bei den Gebäudeteilen Ludwig A+B fielen geringer aus, sodass die nebeneinanderliegenden, fünfgeschossigen Plattenbauten aus dem Jahr 1980 sogar im bewohnten Zustand saniert und in ihrer Grundstruktur bewahrt werden konnten. Heute entsprechen sie dem KfW-Standard 100. Der entsiegelte und in einen öffentlichen Erholungsraum umgewandelte Innenhof verbindet die drei Gebäude miteinander.

Additives Bauteil als Klimapuffer

Obwohl im Wettbewerb noch anders geplant, mussten die baufälligen Bestandsbalkone auf der Südseite von Haus Ludwig rückgebaut werden. Sie wurden durch vorgestellte Betonmodule ersetzt, die mit ihrer kantigen Kontur das zuvor ebene Fassadenbild des langgestreckten Baukörpers rhythmisieren und die Wohnfläche nach außen erweitern. Mit beweglichen Verglasungen und großflächigen Verschattungselementen ausgestattet, sind Räume entstanden, die als Balkon, Loggia oder Wintergarten genutzt werden können. Gleichzeitig dienen sie als Klimapuffer, der den Energiebedarf der Wohnungen senkt.

Flexibles Schiebe-Dreh-System

Im Erdgeschoss wurden die Betonmodule mit raumhohen Verglasungen des Schiebe-Dreh-Systems Proline T von Solarlux ausgestattet, um nahtlose Übergänge zwischen den Wohnungen und den Gärten zu schaffen. In den Obergeschossen sitzen die Glaselemente auf Brüstungen, um zu hohe Wärmeeinträge an sonnenreichen Tagen zu vermeiden.

In allen Geschossen lassen sich die Verglasungselemente von den Bewohner*innen bequem zur Seite schieben, um 90 Grad drehen und als unauffällige Glaspakete an den Balkontrennwänden parken. Im geschlossenen Zustand gewährleisten die nur 3 mm schmalen Fugen zwischen den vertikal rahmenlosen Scheiben eine natürliche Luftzirkulation und sorgen so für angenehme Temperaturen.

Klimagerechte Quartiersentwicklung

Bis zu 44 Prozent der Heiz- und Warmwasserenergie werden lokal erzeugt. Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Häuser Ludwig und Sophia versorgen die Haustechnik mit Strom. Die Beheizung von Ludwig erfolgt durch eine Kombination aus Fernwärme und erneuerbaren Energien: Sophia nutzt primär eine Luft-Wärmepumpe, ergänzt mit Fernwärme in Spitzenlastzeiten. Im Gebäude Sophia wurde zum ersten Mal in Nordhausen in einem Plattenbau von Heizkörpern auf Fußbodenheizung umgerüstet, ohne den kompletten Fußboden neue aufzubauen, was den Betrieb der Luft-Wärmepumpe zusätzlich begünstigt.

Durch das Zusammenspiel von Wärmerückgewinnung über die Abluft-Anlage von Ludwig A+B, Wärmepumpentechnik und die großen Photovoltaik-Anlagen auf den sanierten Gebäuden werden Energieüberschüsse erzeugt, die zu einer Reduktion der Energienebenkosten um rund 70 Prozent führt. Das Ossietzky-Quartier zeigt damit beispielhaft, wie durch wenige Eingriffe nicht nur hochwertiger Wohnraum, sondern auch eine klimagerechte Stadtentwicklung gefördert werden kann.

Bautafel

Architektur: Hütten & Paläste Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: Marianne Rüger, Philipp Eckel, Friedemann Duffek, Franziska Heidecker, Nanni Grau, Frank Schönert (Team); Maurice Fiedler, Erfurt (LPH 6-8); eZeit Ingenieure, Berlin (Energiekonzept); Schönherr Landschaftsarchitekten (Landschaftsplanung); Solarlux, Melle (Hersteller: Schiebe-Dreh-System Proline T)
Bauherr*in: Städtische Wohnungsbaugesellschaft Nordhausen
Fertigstellung: 2023
Standort: Dr. Robert-Koch-Straße 4-18, Nordhausen
Bildnachweis: Thomas Müller (Fotos); Hütten & Paläste (Pläne)

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