Ökobilanzierung zweischaliger Mauerwerksbauweisen im Kontext der Neubauförderung

Angemessenheit von ökobilanziellen Rechenmethoden und Betrachtungszeiträumen

Kann eine Bauweise nachhaltig sein, obwohl sie in der Herstellung mehr CO₂ verursacht? Diese Frage steht im Zentrum des Aufsatzes Ökobilanzierung zweischaliger Mauerwerksbauweisen im Kontext der Neubauförderung. Die Autor*innen Juliane Nisse (Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie), Sebastian Pohl und Oskar Wrese (Life Cycle Engineering Experts, Darmstadt) analysieren darin die Umweltbilanz zweischaliger Mauerwerksbauweisen.

Zweischaliges Mauerwerk gilt aufgrund seiner Langlebigkeit, Widerstandsfähigkeit und Klimaresilienz als nachhaltige Bauweise. Allerdings verursacht es in der Herstellung höhere CO₂-Emissionen als einschalige Konstruktionen, was in der aktuellen Klimaschutz- und Förderpolitik zunehmend problematisch gesehen wird. Seit der Neuausrichtung der deutschen Neubauförderung (z. B. Klimafreundlicher Neubau – KfN) werden nicht mehr nur Energieeffizienzwerte, sondern der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes betrachtet. Dabei entstehen Herausforderungen für die Bewertung von zweischaligem Mauerwerk, da die derzeit zugrunde gelegten ökobilanziellen Rechenmethoden und Betrachtungszeiträume die tatsächlichen Vorteile dieser Bauweise nicht vollständig widerspiegeln.

Die Autor*innen formulieren drei zentrale Kritikpunkte:

  • Die ökobilanzielle Bewertung muss sich über den gesamten Lebenszyklus erstrecken, um realistische Ergebnisse zu liefern. Die aktuell angesetzten 50 Jahre für die Berechnung sind zu kurz, da die tatsächliche Lebensdauer von Ziegelprodukten bei bis zu 150 Jahren liegt.
  • Die derzeit in der Ökobilanzierung geforderten generischen Datensätze (z.B. aus der Ökobaudat-Datenbank) bilden die Umweltwirkungen ungünstiger ab als real gemessene Durchschnittswerte aus aktuellen Umweltproduktdeklarationen (EPDs). Dadurch wird zweischaliges Mauerwerk benachteiligt.
  • Der Einfluss der Außenwandkonstruktion auf die gesamte Gebäudeökobilanz wird häufig überschätzt. In der Lebenszyklusbewertung zeigt sich, dass die Betriebsphase mit rund 50 Prozent einen wesentlich größeren Einfluss auf die CO₂-Emissionen hat als die Bauweise; ihr Anteil beträgt 10 bis 15 Prozent.

Die Verfasser*innen kommen zu dem Ergebnis, dass zweischalige Mauerwerksbauweisen trotz erhöhter Herstellungsemissionen die Benchmarks der KfN-Förderung erreichen können, wenn ihre Umweltwirkungen realistisch über den gesamten Lebenszyklus bilanziert werden. Sie plädieren daher für eine Überarbeitung der Ökobilanzierungsmethoden.

Die Publikation liefert wertvolle Erkenntnisse für Architekt*innen, Bauingenieur*innen und Fördergeber*innen und regt zur kritischen Diskussion über nachhaltige Baustandards an.

Der Aufsatz wurde in der Fachzeitschrift nbau.Nachhaltig Bauen (3/2024, Heft 4) veröffentlicht, die im Ernst & Sohn Verlag erscheint. Er kann als Pdf auf der Webseite des Bundesverbands der Deutschen Ziegelindustrie aufgerufen werden (siehe Surftipps). Das gesamte Heft steht auf der Webseite des Herausgebers bereit und kann nach erfolgreicher Registrierung eingesehen werden (Link siehe unten).

Herausgeber*in: nbau. Nachhaltig Bauen – Ernst und Sohn Verlag, Berlin

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Für die öko- oder CO2-bilanzielle Gesamtbewertung eines Gebäudes muss der komplette Lebenszyklus von der Herstellung über die Nutzung bis hin zum Rückbau betrachtet werden.

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