Notunterkunft für Frauen in Paris
Betonsteinmauerwerk und reliefierte Klinkerfassade
Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, benötigen nicht nur Schutz und Sicherheit, sondern auch die Möglichkeit zur gesellschaftlichen Teilhabe. Mit Abschottung allein ist ihnen nicht gedient. Aus diesem Grund gibt es in Paris eine neue Notunterkunft für Frauen mit Gewalterfahrung, die sich nicht außerhalb, sondern im Herzen der Stadt befindet. Das Gebäude, das vom Büro Atelier du Pont entworfen wurde, schafft einen sicheren Rückzugsort, der zugleich die Verbindung zu seiner urbanen Umgebung bewahrt und Würde vermittelt.
Bauherr ist der Entwickler Vilogia, der sich für einen nachhaltigen und sozialen Wohnungsbau einsetzt. Betrieben wird das Haus von den Vereinen FIT – Une Femme, Un Toit (dt.: Eine Frau, Ein Dach) und Aurore. Das 2.400 Quadratmeter umfassende, sechsgeschossige Gebäude verfügt über 81 kompakte Apartments mit eigenem Bad und Kitchenette.
Offene Festung
Das Eckgebäude mit vier Voll- und zwei Staffelgeschossen präsentiert sich mit seiner reliefierten Klinkerfassade zwar wehrhaft, wirkt durch die großen, regelmäßig gesetzten Fensteröffnungen aber nicht abweisend. Ab dem dritten Obergeschoss sind die Fenster durch tiefe, bronzefarbene Laibungen aus Metall in Szene gesetzt.
Ein breiter, geschosshoher Durchgang im Parterre markiert den Eingangsbereich und führt in den begrünten Innenhof. Im Erdgeschoss sind die Gemeinschaftsbereiche und ein Fahrradraum untergebracht. Ein großzügiges Treppenhaus führt in die oberen Etagen, wo breite, mit Tageslicht erhellte Flure die einzelnen Apartments erschließen. Helles Holz, Weiß und erdige Grüntöne vermitteln eine freundliche und beruhigende Atmosphäre.
Herausfordernde Baustelle
Die Unterkunft ersetzt ein Parkhaus, das sich zuvor auf dem Grundstück befand. Aufgrund der engen Straßen und der begrenzten Tragfähigkeit der Zufahrtswege innerhalb der Blockrandbebauung stellte die Baustelle eine besondere Herausforderung dar: Die angelieferten Materialien und Baumaschinen durften ein Gewicht von 3,5 Tonnen nicht überschreiten. Das erforderte innovative logistische Lösungen – Materialien wurden an eine Entladeplattform außerhalb der Baustelle geliefert und anschließend durch unterirdische Netzwerke und Förderbänder transportiert; Baugeräte wurden in Bausätzen geliefert und vor Ort montiert.
Konstruktion und Mauerwerk
Da ein Stahlbetonbau unter diesen Umständen nicht realisierbar war, wurde die tragende Struktur aus einem Betonsteinmauerwerk erstellt. Die Steine messen 215 × 102 × 50 mm und sind teilweise mit Beton verfüllt. Die Außenwände sind zweischalig aufgebaut: Auf eine Kerndämmung aus Mineralwolle folgt als äußerste Schicht ein Sichtmauerwerk aus weißen Klinkern. Diese wurden im Flämischen Verband vermauert, wobei die Binder um einige Zentimeter vorgezogen wurden. Dadurch ergibt sich eine gleichmäßig reliefierte Oberfläche. Die scheinbar bruchraue Haptik der Steine verstärkt diese robuste und wehrhafte Wirkung des Fassadenbildes noch.
Materialwahl und Gestaltung bringen die für ein solches Projekt wichtige Balance zwischen Schutz, Stabilität und Offenheit zum Ausdruck.
Bautafel
Architektur: Atelier du Pont, Paris
Projektteam: Cécile Bouchet, Stéphane Correia, Zoé Leboeuf, Loïc Morin-Bogas, Marion Rousselet
Projektbeteiligte: Quadriplus Groupe, Paris (Ingenieurteam); Demathieu Bard, Paris (Generalunternehmer)
Bauherr*in: Vilogia Paris
Standort: Paris, Frankreich
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Frédéric Delangle
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