No-Wall-Appartement, Prag

Umbau für flexible Nutzungen

Was zuerst ins Auge fällt, ist das viele Tageslicht: Es durchdringt die Prager Wohnung von zwei Seiten und gelangt über weite Sichtachsen in die hintersten der 98 Quadratmeter. Mit der Sanierung dieser Wohnung realisierte das Architekturbüro RDTH Architekti das von ihnen sogenannte No-Wall-Appartement.  

Wohnraum, Küche, Bad und Schlafraum gehen fließend ohne Türen ineinander über.
Vorhänge trennen die Bereich flexibel ab.
Hinter einem Einbaumöbel und einem weiteren Vorhang liegt versteckt die Küchenzeile.

Entkernung des Grundrisses

Wo einst eine klassische Vierzimmerwohnung war, mit Wohnküche, innenliegendem Bad, Toilette und Abstellraum sowie drei Schlafzimmern und einer zentralen Flurerschließung, findet sich heute eine ineinanderfließende Abfolge von offenen Nutzungszonen. Die Idee des Architekturteams war, Licht, Weite und Flexibilität in den Bestand zu bringen. Dafür wichen alle Wände. Außerdem sollten sich so die Räume für zukünftig wechselnde Nutzungen besser anpassen lassen. Das Team plante den Rückbau der Wohnung bis auf die Stahlbetonskelettstruktur und die Installationsschächte und entwickelte dann ein langes Multifunktionsmöbel, mit dem es die nun entstandene freie Fläche zonieren konnte. Dieses steht im schrägen Winkel auf dem Grundriss, sodass sich der Raum vom Eingang aus in zwei Bereiche gliedert.  

Flexible und halbtransparente Raumteiler

So entsteht auf einer Seite eine größere Fläche, auf die der Blick direkt gelenkt wird: Hier liegt der Wohn- und Essbereich. In der hinteren, etwas versteckteren Zone liegt derzeit das Schlafzimmer. Beide Nutzungen können beliebig wechseln. Die offenen Flächen lassen sich teilweise über Vorhänge flexibel unterteilen. Rückwärtig an der Wand, hinter dem Einbaumöbel, befinden sich Küche und Bad, die zudem mit Vorhängen und Glasbausteinen sichtgeschützt, aber nicht gänzlich vom Rest des Raumes abgetrennt sind. Nur die Toilette ist mit einer Tür separiert, soviel Privatsphäre muss sein. Das trennende Einbaumöbel dient nicht nur als Regal und Schrank, sondern ist zudem mit zwei Waschbecken und Leuchten ausgestattet. 

Sanitärinstallationen

Bei einem offenen, flexibel genutzten Grundriss stellt sich die Frage nach den Installationen, vor allem, wenn wie hier die Rohbaustruktur sichtbar bleiben soll. Der bestehende Installationsschacht an der rückwärtigen Wand blieb erhalten, für die Verlegung der daran anschließenden Zu- und Abwasserleitungen jedoch musste ein alternativer Platz gefunden werden, da die wenigen Innenwände vor allem aus Glasbausteinen bestehen. Also ließ das Team den Boden im Sanitärbereich aufdoppeln und verlegte die Rohre in diesem bodenseitigen Hohlraum sowie in den daran anschließenden Einbau- und Küchenmöbeln. Lediglich die Heizungsrohre sind wandintegriert, die Heizkörper selbst sind ein Gestaltungselement.  

Elektroinstallationen

Die Verlegung der Gebäudeelektrik ist ohne Innenwände komplizierter, denn Licht, Schalter und Steckdosen werden da benötigt, wo Aktionen im Raum stattfinden oder wo Räume betreten werden, also in Raummitte und an den Durchgängen. Ein Großteil der Steckdosen ist auch hier herkömmlich in die raumbegrenzenden Wände der Wohnung integriert. Das mittig gelegene Einbaumöbel übernimmt ebenfalls technische Funktionen: Steckdosen sind im Innern der Schrankfächer integriert, ebenso wie LED-Leisten, die Arbeitsflächen, Waschtische und Regale ausleuchten. Die Grundausleuchtung der Räume funktioniert über Deckenleuchten, die über ein einziges unter der Decke verlaufendes Kabel und damit über einen gemeinsamen Stromkreis miteinander verbunden sind. Einige Leuchten lassen sich per Schalter bedienen; doch in Ermangelung von Innenwänden und damit ausreichend Schalterplätzen sind alle Deckenleuchten digital über das Mobiltelefon oder Tablet steuerbar. So lassen sich Beleuchtungsszenarien oder einzelne Leuchten einstellen. 

Andere Wohnroutinen

Weil Flexibilität maßgeblich für den Entwurf war, entwickelte das Architekturteam ein weiteres Nutzungsszenario mit einem zusätzlichen Raum. Tatsächlich hat die Idee der freien Fläche viele Vorteile: von der Belichtung, den weiten Blickachsen, spannenden Raumbezügen und der befreiten Loft-Atmosphäre. Aber die Flexibilität erreicht mit diesem einen weiteren abgetrennten Zimmer ihre Grenze. Mehr Räume und Stauraum für mehr Personen gibt der Grundriss nicht her – trotz seiner Größe – und das Einbaumöbel mit seinen aufwendigen technischen Funktionen kommt einer fest eingebauten Trennwand gleich. Letztlich geht es darum, Wohnroutinen grundsätzlich zu hinterfragen, denn nur das ermöglicht eine neue Perspektive auf Räume und Umnutzungsstrategien. Das ist in diesem Projekt gelungen.

Bautafel

Architektur: RDTH architekti, Prag; René Dlesk, Tamara Kolaříková
Projektbeteiligte: David Koubek, Prag (Generalunternehmer); Mutina, Fiorano Modenese (Keramische Fliesen); Mramorit, Brno (Waschbecken); Isan, Velké Bílovice (Heizkörper); Tres, Vallirana (Armaturen); JUNG, Schalksmühle (Elektroinstallationen); String, Malmö (Stauraumsystem); Ligne Roset, Briord
 (Sitzmöbel); USM, Münsingen (Schranksystem); Philips Hue, Eindhoven (Beleuchtung)
Bauherr: privat
Fertigstellung: 2026
Standort: Prag, Tschechische Republik
Bildnachweis: Filip Beránek, Prag

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