Natural History Museum in Shenzhen
Öffentlicher Landschaftspark auf dem Dach
Das am Ufer des Yanzi-Sees im Shenzhener Bezirk Pingshan gelegene Shenzhen Natural History Museum widmet sich 4,6 Milliarden Jahren Erdgeschichte – von den Ursprüngen des Universums über die Entstehung des Lebens und die Welt der Dinosaurier bis hin zur menschlichen Evolution und den Ökosystemen, die Shenzhen und die Welt prägen. Das Museum präsentiert Tier-, Pflanzen-, Mineralien- und Fossilienexponate sowie großformatige Installationen und mediale Erlebnisräume, die globale Erzählungen der Naturgeschichte mit der spezifischen Berg-, Fluss- und Meereslandschaft Südchinas verknüpfen. Neben den Ausstellungsbereichen umfasst der von den Architekturbüros 3XN, B+H Architects und Zhubo Design realisierte Neubau auch Räume für Wissenschaftsvermittlung und Forschung sowie weitläufige Außen- und Parkanlagen.
Kooperative Planung
Das Planungsteam aus den drei Büros gewann 2020 den Wettbewerb für das Shenzhen Natural History Museum. Das dänische Architekturbüro 3XN verantwortete den Entwurf, während das international tätige Architektur- und Planungsbüro B+H Architects die Planungskoordination, die Ausführungsplanung und die Landschaftsarchitektur übernahm. Das chinesische Architektur- und Ingenieurplanungsunternehmen Zhubo Design war für die lokale technische Planung sowie die Abstimmung mit den geltenden Bauvorschriften und Genehmigungsanforderungen zuständig.
Architektur und Materialkonzept
Von der Stadt aus betrachtet erscheint das Museum als fließende geologische Formation. Seine dynamische Silhouette nimmt Bezug auf das naheliegende Flussdelta und die umgebende Hügellandschaft. Der Museumsbau verfolgt außerdem eine Nachhaltigkeitsstrategie, die sich auf drei zentrale Ansätze stützt: zirkuläres Bauen, Gesundheit und Wohlbefinden sowie blau-grüne Infrastruktur. In diesem Sinne setzt der Entwurf des Gebäudes auf eine robuste, langlebige Materialität, darunter wiederverwendete und lokal gewonnene Materialien. Darüber hinaus ist die Konstruktion modular und demontierbar konzipiert. Dadurch entstehen flexible und vielfältig nutzbare Räume, die unterschiedliche Programme und Nutzungen aufnehmen können.
Vertikale Granitlamellen verleihen der Fassade eine stark plastische Struktur, die an die zerklüfteten Küstenlandschaften der Region erinnert. Öffnungen scheinen wie aus dem massiven Gestein herausgeschnitten und geben punktuelle Einblicke in die dahinterliegenden Ausstellungsräume. Als weiteres regional verankertes Material kommt lokal gewonnener Ton zum Einsatz. Er verweist auf die jahrtausendealte Tradition chinesischer Terrakottaziegel, die bis in die Zhou-Dynastie zurückreicht.
Räumliche Inszenierung
Im Inneren strukturieren fünf kegelförmige Baukörper die zentralen Ausstellungssäle und prägen den räumlichen Charakter des Museums. Die Besucher*innen erleben eine Abfolge von höhlenartigen Passagen, Atrien, Terrassen und gezielt gerahmten Ausblicken. Die Erzählung der Naturgeschichte wird so zu einer immersiven räumlichen Reise durch Form, Licht und Landschaft. Im gesamten Museum verweben sich Exponate, großformatige Installationen und filmische Medien mit der Architektur. Mit einer Fläche von mehr als 100.000 Quadratmetern ist die Institution das größte Naturkundemuseum Südchinas und zählt zugleich zu den größten in jüngerer Zeit fertiggestellten Museen dieser Art weltweit.
Gründach als öffentlicher Landschaftsraum
Als Ort der Begegnung bietet das Museum vielfältige öffentlich zugängliche und begrünte Aufenthalts- und Erholungsräume sowie Elemente blau-grüner Infrastruktur. Die Landschaft auf und um das Gebäude folgt dabei biophilen Gestaltungsprinzipien: Sie stärkt die heimischen Ökosysteme und schafft zugleich ruhige, naturnahe Außenräume, die zum Verweilen und zur unmittelbaren Begegnung mit der Natur einladen.
Ein zentrales Element des Entwurfs ist der begehbare Dachpark, der die umgebende Landschaft über das Museum hinweg fortführt. Die von B+H entwickelte Landschaftsstrategie verknüpft das Gebäude mit dem Yanzi-See, dem angrenzenden ökologischen Park sowie dem weitläufigeren Netzwerk aus Flüssen, Feuchtgebieten und Berglandschaften der Region.
Gleichzeitig erweitert das Gründach den Bildungs- und Vermittlungsauftrag des Museums in den Außenraum. Der geschwungene und barrierearme Weg auf dem Dach führt die Besucher*innen durch eine Abfolge bepflanzter Terrassen, grüner Aufenthaltsbereiche und Aussichtspunkte. Unterschiedliche thematische Landschaftsräume vermitteln die Evolution des Lebens und die Naturgeschichte der Region als räumliche Entdeckungsreise. Die Flora und Fauna wird dabei nicht allein zum Gegenstand der Betrachtung, sondern unmittelbar erlebbar. Die Landschaft fungiert hier als ordnendes und verbindendes Element zwischen dem kulturellen Programm des Museums und seinem ökologischen wie städtischen Umfeld.
Nachhaltiges Wassermanagement
Neben der Dachbegrünung durchzieht ein öffentlicher Platz das Gebäude in Nord-Süd-Richtung. Er bildet die fußläufige Verbindung zu einem Mangrovenpark, der das Museum mit den Naturräumen des Yanzi-Bergs, nordwestlich des Yanzi-Sees, und dem nördlich gelegenen Pingshan-Fluss verknüpft.
Die Lage am Ufer des Yanzi-Sees bildet zudem die Grundlage für ein umfassendes Wassermanagement. Die Landschaftsgestaltung ist darauf ausgerichtet, Starkregen abzufedern, die Kanalisation zu entlasten, den Aufwand für die Regenwasserbewirtschaftung zu reduzieren und zur natürlichen Grundwasserneubildung beizutragen. Gleichzeitig wird Regenwasser auf den Dachflächen gesammelt, gespeichert und aufbereitet, bevor es unter anderem für Kühlung, Bewässerung und Toilettenspülung wiederverwendet wird.
Bautafel
Architektur: 3XN, Dänemark
Projektbeteiligte: B+H Architects (Generalplanung, ausführende Architektur, Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur), Zhubo Design (Technische Planung, Genehmigungsplanung, Tragwerksplanung), Atelier Brückner und Museum Studio (Ausstellungsdesign)
Bauherr*in: Zentrum für Ingenieur- und Planungsmanagement der Shenzhen Municipal Construction and Public Works Administration
Fertigstellung: 2026
Standort: Shenzhen, China
Bildrechte: Adam Mørk (Fotos); 3XN (Pläne)
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