Mühle Grüsch im Kanton Graubünden

Wohnen im Industrieensemble

Die Gemeinde Grüsch im Kanton Graubünden liegt in einem Tal, etwa 1,5 Stunden Fahrtzeit mit Auto oder Bahn von Zürich entfernt. Alpengipfel wie der Girenspitz (2.393 m), der Hochwang (2.532 m) und der Vilan (2.376 m) mit Seilbahnen für Ski- und Paragliding-Tourismus prägen die Landschaft.

Die Ursprünge der Mühle reichen bis ins 16. Jahrhundert.
Ziel war es, ein Modellprojekt für zirkuläres Bauen mit ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten zu schaffen.
Die Mühle wurde im Laufe der Zeit mehrfach umgebaut und erweitert. 1939 wurde ein 30 Meter hohes Getreidesilo ergänzt.

Leerstand von Mühle und Silo

An einem Bach mitten im Ort stand eine Mühle, deren Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert reichen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie mehrfach umgebaut und erweitert, zuletzt in den 1930er-Jahren. 1939 kam ein rund 30 Meter hohes Silo zur Getreidelagerung hinzu. Doch wie viele Mühlen in Westeuropa musste auch diese 2010 aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Verschiedene Pläne für eine Nachnutzung wurden diskutiert, verworfen und nie umgesetzt. In der Zwischenzeit nutzte die lokale Graffiti-Szene den Leerstand.

Nachhaltiges Modellprojekt

2021 kaufte ein Schweizer Unternehmen aus der Bau- und Immobilienbranche das leerstehende Gebäudeensemble. Ziel war es, ein Modellprojekt für zirkuläres Bauen zu schaffen, das Mühle und Silo ökologisch, ökonomisch und sozial neu beleben sollte. Geplant waren bezahlbare Mietwohnungen in verschiedenen Größen, darunter auch Kleinstwohnungen. Der Bedarf war da: Grüsch wächst, und die Beschäftigten der mittelständischen Betriebe suchen Wohnraum.

Umbau der Mühle

Das viergeschossige Mühlengebäude wurde in ein Mehrfamilienhaus umgewandelt. Entstanden sind 15 Wohnungen mit 2,5 bis 3,5 Zimmern und maximal 147 Quadratmetern. Das vorhandene Tragskelett aus Beton und Mauerwerk wurde ebenso erhalten wie die typischen liegenden Fensterformate der 1930er-Jahre. Eine vorgestellte Holzkonstruktion an der Südostfassade erweitert die Wohnungen um Balkone und Loggien. Graffitis aus der Zeit des Leerstands wurden nicht entfernt, sondern als „Patina“ und „charmante Details“ integriert. Auch die Oberflächen blieben weitgehend roh, um den Eingriff minimal zu halten (Quelle Zitate: https://www.espazium.ch/de/aktuelles/muehle-gruesch-sanierung-dgnb-interview).

Rück- und Neubau des Silos

Der Siloturm konnte nicht erhalten werden. Er hatte keine Öffnungen, die als Fenster geeignet gewesen wären, und die Wände waren statisch zu gering dimensioniert für eine Umnutzung. Obwohl der Turm mit seiner Höhe und den Proportionen nicht ins städtebauliche Gefüge der kleinen Gemeinde passte, wurde er von den Einwohnern als Landmarke geschätzt. Nach seinem unausweichlichen Abriss wurde einvernehmlich beschlossen, einen neuen Turm in den ursprünglichen Umrissen des Silos zu errichten.

Der neue Turm

Im neuen Turmgebäude verteilen sich auf elf Geschossen 37 Wohnungen mit Größen von 30 bis 89 Quadratmetern. Jede Wohnung verfügt an den Ecken über eine Loggia als Freisitz. Raumhohe Schiebefenstertüren verbinden Innen- und Außenraum und erweitern die Wohnfläche ins Freie. Dazu kommen bodentiefe, doppelflügelige französische Fenster mit Brüstungsgeländer in allen Aufenthaltsräumen. Sie schaffen Großzügigkeit und bieten weite Ausblicke auf das Tal und die umliegenden Berge. Die Erschließung erfolgt über einen Kern mit Treppenhaus und Aufzug.

Solarenergie

Die Höhe des Turms wird durch vertikale Streifen aus schwarz schimmernden Solarpaneelen an der Fassade betont. Sie erstrecken sich über die Nordost-, Südost-, Südwest und Nordwestseite. Mit einer Fläche von 337 Quadratmetern erzeugt die Solaranlage jährlich 84.920 kWh Strom.

Recycling und zirkuläres Bauen  

Im Sinne des nachhaltigen Modellprojekts wurde das Silo sehr sorgfältig mit sortenreiner Trennung von mineralischen und nichtmineralischen Materialien und Bauelemente rückgebaut. Der Beton des Neubaus besteht zu 60 Prozent aus recyceltem Material der alten Silowände. Zuschlagsstoffe wurden lediglich aus statischen Gründen hinzugefügt. Weitere Baumaterialien wie Steinwolle und Holz stammen überwiegend aus der Region und sind ECO-zertifiziert.

Der neue Turm erfüllt den Minergie-P-Standard und erhielt eine DGNB-Auszeichnung in Gold. Ein Gebäuderessourcenpass dokumentiert alle Bauteile, um sie bei künftigen Umbauten erneut verwenden zu können. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 22 Millionen Schweizer Franken bei einer Bruttogeschossfläche von knapp 6.000 Quadratmetern. -sj

Bautafel

Architektur, Tragkonstruktion und Solartechnik: Ritter Schumacher AG, Chur
Projektbeteiligte: Züst Ingenieurbüro Haustechnik, Grüsch (Heizungs-, Lüftungs-, Bauphysik-, Sanitärplanung); Simone Blum (Landschaftsarchitektur); Zindel, Chur (Verwaltung); Brandsicher, Chur (Brandschutz); Maissen Elektroplanungen, Pontresina (Elektroplanung); Bribag, Chur (Beton); Mettler Prader, Maienfeld (Demontage); Elberi Holzbauplanung und LC Holzbau, Pragg-Jenaz (Holz- und Zimmermannsarbeiten); Flumroc, Flums (Dämmung)
Bauherr*in: GUTGRÜN, Chur; Arella Immobiliendienstleistungen, Chur (Gesamtdienstleister)
Standort: Grüsch, Kanton Graubünden, Schweiz
Fertigstellung: 2025
Bildnachweis: Daniel Amman; Yanik Bürkli; Ritter Schumacher, über Gisela Graf Communications, Freiburg 

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Die Kriterien der DGNB Zertifizierung sind mit den Anforderungen des Qulitätssiegels Nachhaltiges Gebäude (QNG) harmonisiert.

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Nachweise/​Zertifikate

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Fenstertüren werden oft als Balkon- oder Terrassentüren eingesetzt. Im Bild das Beispiel einer Glas-Faltwand mit Holzrahmen (Serie Woodline von Solarlux).

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Eine wesentliche Maßnahme des Rückbaus ist der gezielte Ausbau von Elementen und Materialien, die zugunsten einer weiteren Nutzung vor der Entsorgung gerettet werden.

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Schiebefenster bestehen aus einem Blendrahmen und Flügeln, die in einem Schienen- bzw. Nutsystem seitlich verschoben werden (im Bild: großformatige Schiebefenster cero-III von Solarlux mit schmalen Rahmen)

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Schiebefenster

In Metropolen auf der ganzen Welt verknappt sich die Ressource Wohnraum in Relation zu der zur Verfügung stehenden Fläche, und dies nicht nur finanziell sondern auch geometrisch-mathematisch sowie physisch (im Bild: Studenteinwohnheim Woodie in Hamburg, Sauerbruch Hutton).

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Büro/​Verwaltung

Kornversuchsspeicher in Berlin

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