Mirasol House in Valencia

Oberlichter zur Modulation des Sonnenlichts

Valencia hat als Hafenstadt am westlichen Mittelmeer eine lange römische, westgotische, arabische und spanische Geschichte. El Cabanyal, das Stadtviertel, in dem zwei junge spanische Architekten ein historisches kleines Reihenhaus zu einem puristisch reduzierten Raumkontinuum umbauten, ist ebenfalls eng mit dem Meer verbunden. Das Sonnenlicht, das sich den Tag über durch die Lichtreflexe des Meeres verändert, ist das Thema der architektonischen Transformation des ehemaligen Fischerhauses, jetzt Mirasol House genannt.

Das Fischerhaus, das von Iterare Arquitectos saniert und umgebaut wurde, steht genau in der geplanten Abrißschneise unweit der alten Markthalle.
Die straßenseitige Fassade wurde instand gesetzt, jedoch aus Respekt vor der Typologie des Viertels ohne gestalterische Eingriffe beibehalten.
Nur die hellgrauen Steinlamellen im Fenster neben der Haustür ...

Spanischer Jugendstil 

In El Cabanyal entstand im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ein rechtwinkliges enges Geflecht aus schmalen Gassen und ein- bis zweigeschossigen Reihenhäusern für Fischer und Handwerker. Die Häuserzeilen zeigen zwar Elemente des spanischen Jugendstils mit Fenstertüren, verzierten Balkongittern, farbigen Akzenten bei Fensterfaschen und gemusterten Kacheln, sind aber ansonsten recht schlicht.


Abrisspläne und Verfall

Um die 2000er Jahre wurde ein städtebaulicher Masterplan beschlossen mit der Maßnahme, das historische aber eher ärmliche Viertel in einer großflächigen Schneise abzureißen, um den Prachtboulevard des modernen Valencias, die Avenida de Blasco Ibanez, bis ans Meer zu verlängern. Dieser Masterplan gründete auch darauf, dass sich der südlich angrenzende ursprüngliche Fischerhafen zu einem prosperierenden Seehafen mit zahlreichen Terminals für Container- und Kreuzfahrtschiffe entwickelt hatte. Angesichts dieser stadtplanerisch wie auch politischen Entscheidung war das alte Viertel der Fischer dem Untergang geweiht. Es unterblieben Renovierungen, Häuser verfielen, vereinzelter Leerstand führte zu noch mehr aufgelassenen Bauten. Fenster und Türen wurden zugemauert, das Viertel begann zu sterben.

Protest und Reanimation

Allerdings formierte sich auch Protest. Der Konflikt zwischen dem Erhalt eines historischen Viertels mit authentischer Bausubstanz einerseits und dessen Zerstörung zugunsten einer um die 100 Meter breiten Straße andererseits wurde öffentlich ausgetragen. Vehement kritisierten Bürger die Stadtplanung als nur vermeintlich zeitgemäß. 2015 wurden die Abrisspläne und auch die Planungen zur Verlängerung der Avenida aufgegeben. Die folgenden Sanierungsmaßnahmen in El Cabanyal umfassten nicht nur die Fischer- und Handwerkerhäuser, sondern auch Fisch- und Markthallen sowie kommunale Treffpunkte. Das Viertel wurde nicht nur wortwörtlich reanimiert, sondern hip mit schicken Bodegas für Tapas, Wein und Cocktails zwischen Stadt und Strand.

Fassade als Blende und innere Neuorganisation

Das Fischerhaus, das von Iterare Arquitectos saniert und umgebaut wurde, steht genau in der geplanten Abrissschneise unweit der alten Markthalle. Die straßenseitige Fassade wurde instandgesetzt, jedoch aus Respekt vor der Typologie des Viertels ohne gestalterische Eingriffe beibehalten. Nur die hellgrauen Steinlamellen im Fenster neben der Haustür lassen die innere Transformation des nur 80 Quadratmeter großen Hauses erahnen. Die straßenseitige Fassade ist somit eine Art Maske oder Blende vor einer räumlichen Intervention und Transformation zu einem Raumkontinuum.

Einer strengen orthogonalen Geometrie folgend befindet sich im Erdgeschoss ein zusammenhängender Raum mit Ess-, Küchen- und Wohnbereich, der sich mit einer raumhohen gläsernen Schiebetür zum Patio öffnet. Eine seitliche einläufige Treppe, unter der ein WC und eine Abstellkammer versteckt sind, führt ins Obergeschoss. Hier sind zwei Schlafbereiche, die sich mit Schiebetüren abtrennen lassen, ein Bad und eine Galerie um einen Luftraum angeordnet.

Mirasol

Dieser sehr hohe Luftraum ist das dominierende Element der räumlichen Intervention. Zwischen Gasse und rückwärtigem Patio überhöht er als turmartiges Bauteil mit Oberlichtern das Haus und überragt als weißer Kubus die angrenzenden Reihenhäuser. Die Architekten nennen dieses Gebilde Mirasol, übersetzt etwa ein Ausguck zur Sonne. In gewisser Weise ähnelt diese Konstruktion den traditionellen persischen Badgirs und Malqafs, Windtürmen und Windfängern, die mittels Luftzirkulation und Thermik die Innenräume auf natürliche Weise kühlen. Über den Patio wird kühlere Luft vom Meer oder auch wärmere Luft von der Landseite durch den Mirasol ventiliert und damit das Haus sowohl belüftet als auch temperiert. 

Licht und Farbe

Diese Verbindung aus Turmaufsatz und atriumartigem Luftraum dient außerdem der Lichtlenkung. Das Sonnenlicht, dass durch ein großes Oberlicht oberhalb der benachbarten Dächer unverschattet einfällt, wird durch weiße Wandoberflächen weich gebrochen und durch das ganze Haus gelenkt. Sämtliche Oberflächen im Hausinneren und im Patio sind entweder weißer Glattputz, sandfarbener Naturstein-Belag oder hellbeiges Holz. Selbst die Schränke in der Küchenzeile und den Bädern ordnen sich diesem achromatischen Farbkonzept mit einer Reduktion auf Weißtonstufen unter.
 
Farben und insbesondere Farbwechsel werden stattdessen ausschließlich durch das in den Mirasol einfallende und reflektierte Sonnenlicht erzeugt. Von einem hellen gleißenden Weiß über Cremetöne, gelbliche Bernstein- bis zu Goldbraun-Nuancen verwandeln sich Farbe, Licht und Schatten. So moduliert das Licht von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang die Atmosphäre und das Haus interagiert mit den Farben und Stimmungen von Himmel und Meer. -sj  

Bautafel

Architektur: Iterare Arquitectos, Valencia
Projektbeteiligte: Pedro Ponce, Rubén Gutierrez, Lidon Sánchez (Team)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2022
Standort:
Carrer del Rosario 114, El Cabanyal, Valencia, Spanien
Bildnachweis: David Zarzoso, Valencia; Iterare Arquitectos, Valencia

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Bauphysik

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Sonnenlicht ist eine unverzichtbare Grundlage für das Wohlbefinden von Menschen. Balkone und Fensterflächen sorgen für Lichteinfall (Lokdepot, Berlin).

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Planungsgrundlagen

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Wohnen/​EFH

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