Mehrfamilienhaus Okamura in Prag

Ein Labyrinth hinter rohen Backsteinwänden

Das unkonventionelle Mehrfamilienhaus in Prag 6 liegt in einer verkehrsberuhigten, gutbügerlichen Straße, mit einigen Villen und viel Grün drumherum – nicht unbedingt der Ort, an dem man architektonische Wagnisse vermutet. Aber genau das ist Haus Okamura: Es erinnert einerseits an ein Disneyschloss im Rohbau und andererseits an Basteleien aus Klopapier-Papprollen – was keineswegs abwertend gemeint ist. Sofort fragt man sich, wie es sich wohl in einem Haus aus 15 zylinderförmigen Türmchen ohne einen einzigen rechten Winkel wohnt. 

Entworfen wurde das dreistöckige Gebäude vom Büro Christian Kerez.
Die 15 Zylinder aus unverputztem, rotem Backstein unterscheiden sich in Höhe und Durchmesser.
Die umliegenden Häuser sind konventionell gestaltet.

Ein Labyrinth aus 58 Räumen

Entworfen wurde das dreistöckige Gebäude vom Zürcher Büro Christian Kerez. Die Zylinder aus unverputztem, rotem Backstein unterscheiden sich in Höhe und Durchmesser. Insgesamt hat das Haus 39 Räume mit einer Größe zwischen 4 und 18 Quadratmetern und Höhen von 2,35 bis 4,9 Metern. Zusätzlich gibt es 19 polygonale Zwischenräume mit konkaven Wänden. Als wäre das nicht alles schon komplex genug, wechseln die insgesamt drei, 90 bis 110 Quadratmeter großen Wohneinheiten von Etage zu Etage ihre Position. Man kann nur mutmaßen, wie lange es dauert, bis man sich in der eigenen Wohnung zurechtfindet.

Alle Räume einer Wohnung gehen offen ineinander über; lediglich der Aufzug, die Abstellräume und die Bäder lassen sich durch Türen vollständig schließen. Die Anordnung der Durchgänge scheint wie zufällig, sodass eine labyrinthartige Struktur entsteht.

Ziegel, Mörtel und Beton

In das Mauerwerk sind unterschiedlich große, stehende Fenster eingeschnitten – allesamt rechteckig. Die Lasten der Ziegel-Zylinder werden von einer ebenfalls rechteckigen Tiefgarage aus Stahlbeton aufgenommen. Hier befinden sich außerdem die Technikräume und eine Sauna. Den oberen Abschluss der Zylinder bildet jeweils ein Betondach, das sich als heller Ring vom Rot der Mauersteine abhebt. 

Die Backsteine haben Modulformat und sind im Läuferverband vermauert. Dabei sind die Stoßfugen etwas breiter ausgebildet, um die Rundungen besser ausformen zu können. Das zweischalige Mauerwerk ist sowohl außen als auch innen sichtbar belassen; in den Innenräumen zudem mit deutlichen Mörtelspuren. Auch die Betondecken sowie die Türstürze aus Beton sind unverputzt. Dieser rohe, fast etwas unfertig wirkende Charakter der Innenräume erhält durch das Rot der Ziegel eine warme Komponente.

Mit seinen konsequent runden Räumen und rohen Materialien ist Haus Okamura ein kühnes Statement gegen Konventionen – und eine Herausforderung für seine Bewohner*innen. -sas

Bautafel

Architektur: Christian Kerez, Zürich und Mailand
Team: Martin Kugelmeier, Nathanael Weiss, Werner Schührer, Miroslav Malý, Martin Binder, Jonathan Schönberger, Zdeněk Chmel, Ernest Babyn, Marina Montresor, Francesca d’Apuzzo, Patrick Perren, Bartosz Bukowski, Caio Barboza, Lou Dumont d’Ayot, Michelle Nägeli
Projektbeteiligte: Cobra ateliér, Prag (Statik); AMO, Prag (Generalunternehmer); Osamu Okamura, Prag (Beratung)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2021
Standort: Prag, Tschechien
Bildnachweis: Maxime Delvaux

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