Maison d’Innovation in Nantes

Beheizung über Abwärme

In der westfranzösischen Stadt Nantes gibt es, ähnlich wie in Paris, eine innerstädtische Insel, die Île des Nantes. Einst Standort des Schiffbaus und der Werftindustrie, entstanden im Ostteil der Insel bereits in den 1970er-Jahren erste Wohnriegel. Ende der 1980er-Jahre lief das letzte Schiff vom Stapel. In der Folge wurde das Areal schrittweise zu einem gemischt genutzten Stadtquartier transformiert. An einer zentralen Achse hat das Büro Baumschlager Eberle Architekten nun das Maison d’Innovation realisiert – ein Kompetenzzentrum für rund 1.200 IT-Fachkräfte und Forschende, betrieben von La Poste Immobilier. Wunsch des Bauherrn war ein Gebäude in Holzbauweise ohne konventionelle Klimaanlage mit ambitionierten Vorgaben für Energieverbrauch und CO₂-Emissionen.

Prägnante liegende und stehende Bogenelemente referieren auf die Vendée-Brücken über die Loire.
Die bronzefarbenen vertikalen und horizontalen Aluminiumelemente der Fassade erzeugen, je nach Lichteinstrahlung, eine Art kinetischen Effekt.
Nach Betreten des Gebäudes gelangt man zunächst in ein großzügiges, doppelgeschossiges Foyer.

Die Gestaltung des Neubaus reagiert auf den städtebaulichen Kontext: Seine Kubatur betont die perspektivische Wirkung des Boulevards Vincent Gâche, der axial auf die Stirnseite des Gebäudes zuläuft. Prägend ist die Fassade aus vertikalen, bronzefarben eloxierten Aluminiumschwertern, überwiegend aus Recyclingmaterial. Sie wird durch horizontale Bänder im Zweigeschossrhythmus gegliedert. Immer wieder durchbrechen prägnante, bogenförmige Elemente die Hülle, die die Gestalter*innen als Referenz an die Vendée-Brücken über die Loire verstehen. Im oberen Bereich sind diese Bögen als hängende Konstruktionen ausgebildet, im Erdgeschoss als stehende Elemente, die die dahinterliegenden Loggien markieren. Zur Platzseite hin formt ein großformatiger Bogen einen markanten Portikus.

Atrium als Zentrum

Im Inneren gelangt über einen großzügigen Foyerbereich in das zentrale, gebäudehohe Atrium, durch dessen obere Verglasung viel Sonnenlicht ins Innere dringt. Es dient als zentraler Kommunikations- und Aufenthaltsraum. Die Grundrisse in den Obergeschossen sind klassisch mit bedienender Mittelzone strukturiert, sodass die Arbeitsplätze flexibel entlang der Außen- und Innenfassaden angeordnet werden können. 

Der Wunsch des Bauherrn in Bezug auf Umweltfragen war klar definiert: ein beispielhaftes Gebäude in Holzbauweise ohne Klimaanlage mit reduziertem Energie- und Kohlenstoffverbrauch. Aus statischen Gründen sind der Sockel und drei Erschließungskerne in Stahlbeton gefertigt, der übrige Baukörper ist als Pfosten-Riegel-Holzkonstruktion über sechs Geschosse ausgeführt.  

Bioklimatische Gebäudehülle

Um den Anforderungen an den sommerlichen Komfort gerecht zu werden, wurde die Gebäudehülle nach bioklimatischen Gesichtspunkten konzipiert: Es gibt bewässerte Blumenkästen, urbane Landwirtschaft und eine Honigwiese auf dem Dach. Nistkästen, Fledermausquartiere und Insektenhotels ergänzen das ökologische Konzept. Die große Fassadentiefe ermöglicht eine passive Verschattung und reduziert solare Einträge; die Gebäudehülle fungiert somit als Klimapuffer mit begrenztem Öffnungsanteil.

Lowtech-Komfort

Der Innenraum wird über eine natürliche Luftzirkulation klimatisiert. Dazu sind an den Decken einfache Luftumwälzer (Deckenventilatoren) angebracht, die für eine gefühlte Temperatursenkung um ca. 2 °C im Sommer sorgen. Wichtiger Treiber der Luftzirkulation ist das Atrium, über das die warme, verbrauchte Luft wie in einem Kamin nach oben geleitet wird. Eine Lüftunganlage mit Rotationswärmetauscher gewinnt hier rund 80 Prozent der in der Abluft enthaltenen Wärme für die Vortemperierung der Zuluft zurück.

Für die Kühlung der Serverräume gibt es Kälteanlagen, deren Abwärme für die Gebäudeheizung sowie die Warmwasserbereitung rückgewonnen wird. Auf diese Weise kann etwa 75 Prozent des Heizbedarfs für die rund 15.300 m² Nutzfläche gedeckt werden. Der verbleibende Anteil wird über das städtische Biomasse-Fernwärmenetz ERENA bereitgestellt. Die Wärmeübertragung in den Räumen erfolgt über Deckenstrahlplatten. Der Primärenergiebedarf des Gebäudes beträgt (laut gemeinsamer Presseinformation von La Poste Immobilier und Baumschlager Eberle Architekten) 74,2 kWhep/m²·a bei einem Kohlenstoffindex von 976 kg CO₂eq/m² SDP. -tg

Bautafel

Architektur: Baumschlager Eberle Architekten, Lustenau, Büro Paris
Projektbeteiligte: Egis Bâtiments Centre Ouest, Nantes/Paris (TGA, Umwelt, Tragwerk); Sinopia, Nantes (Landschaftsarchitektur); Elioth, Montreuil (Fassade); Cycle Up, Paris (Kreislaufwirtschaft / Wiederverwendung); Tribu, Nantes (Nachhaltigkeit / Umweltberatung); ARP Astrance, Paris (Workspace); ITAC, Nantes (Akustik); Citae, Paris (BIM)
Bauherr*in: La Poste Immobilier, Nantes
Fertigstellung: 2024
Standort: 5 rue René Viviani, 44200 Nantes
Bildnachweis: Cyrille Weiner, Paris

BauNetz Architekt*innen

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