Maison des Matériaux II in Esch an der Alzette

Streng gerastertes Klinkerrelief und Filtermauerwerk

Fast vierzehn Jahre dauerte es bis der im Jahr 2009 mit dem ersten Preis ausgezeichnete Wettbewerbsbeitrag des Berliner Architekturbüros Behles & Jochimsen für das Maison des Matériaux II  (dt.: Haus der Materialien II) im Stadtbezirk Belval der luxemburgischen Stadt Esch an der Alzette realisiert wurde. Standort dafür ist das seit 2005 auf der ehemaligen Industriebrache entstehende urbane Quartier Cité des Sciences (dt.: Stadt der Wissenschaften). Wohnungen, Büros, Dienstleistungen sowie Parks und ein großer Universitätscampus sollen hier entstehen und mit den Relikten des ehemaligen Stahlwerks koexistieren. Auf dem über 120 Hektar großen Grundstück finden sich beeindruckende, mittlerweile denkmalgeschützte Hochöfen aus den Jahren 1965 und 1970 sowie mehrere historische Gebäude, darunter die Gebläsehalle des Hüttenwerks Esch-Belval. Die Spuren der Schwerindustrie sollen bewahrt werden und die Geschichte des Geländes auch in seiner neuen Nutzung weitererzählt werden.

Das Gebäude dient als Vorratsbau für die Universität Luxemburg und das Luxembourg Institute of Science and Technology.
Das Haus der Materialien II schmiegt sich an seinen gleichnamigen Nachbarn an und ergänzt ihn. Beide Gebäude dienen als Bildungsbau mit Laboreinheiten, wobei die Architekt*innen den Südbau des Büros Behles&Jochimsen besonders flexibel planten.
Durch zweigeschossige Kolonnaden werden Nutzer*innen in den rückwärtigen Hof des Gebäudes geführt.

Das Maison des Matériaux II (MdMII) ist eines von insgesamt 27 Baumaßnahmen. Seinen prominenten Standort am westlichen Rande des Place de l´Université teilt sich der Neubau mit seinem gleichnamigen Nachbarn, dem Maison des Matériaux I (MdMI), entworfen von dem in Luxemburg ansässigen Planungsbüro Architecture et Aménagement. Trotz der unterschiedlichen Urheber schließen die beiden Forschungsgebäude aneinander an und teilen sich sogar den gleichen Grundriss. Gespiegelt und leicht zueinander versetzt, ordnen sich die zwei L-förmigen Baukörper auf ihrem Bauplatz an und schaffen so großzügige Hofsituationen. Gemeinsam bilden die Klinkerbauten das Zentrum für Wissenschaften, Umwelt und Materialien. Während der nördliche Baukörper (MMI) sich mit einem Hof der Avenue des Hauts-Fourneaux zuwendet, stellt der südliche (MMII) durch weite Durchgänge und markante, zweigeschossige Kolonnaden einen Bezug zum öffentlichen Raum her.  

Flexible Nutzung 

Bei der Umsetzung des Gebäudes legten sowohl die Bauherrschaft als auch die Planenden großen Wert auf eine flexible Grundrissgestaltung. Das sechsgeschossige Gebäude soll Büro- und Laborflächen für die Universität Luxemburg bieten und als Vorratsbau für das Luxembourg Institute of Science and Technology dienen. Da beide Institutionen sich während der Planung noch im Aufbau befanden, galt es flexible und zugleich ökonomisch zu bewirtschaftende Flächen zu generieren, die möglichst schnell und mit geringem Aufwand an wechselnde Nutzungen angepasst werden können.  

Durch die maximale Grundstücksausnutzung schufen die Planenden neben Büroräumen Fläche für Nutzungseinheiten mit bis zu 530 Quadratmetern. Diese können je nach Erfordernis flexibel unterteilt werden. Pro Geschoss werden die Einheiten von jeweils drei Service- und Kommunikationskernen flankiert. Während das Erdgeschoss mit einer großzügigen, Eingangssituation und einsehbaren Laborräumen einen repräsentativen Charakter einnimmt, spielt das 1. Obergeschoss besonders für die interne Organisationsstruktur des Gebäudes eine wichtige Rolle. Hier erfolgt die horizontale Verteilung auf insgesamt vier Erschließungskerne, über die die darüber angeordneten Labore, Seminarräume und Büros zu erreichen sind. Für besondere Flexibilität sorgen die tragenden Außenwände und zentral angeordnete Installationskerne; diese ermöglichen eine stützenfreie Geschossplanung mit Großraumlaboren und zwei- und dreibündigen Büroeinheiten. Die Installationskerne sind begehbar und lassen sich durch die Einplanung einer Grundinstallation für spezielle Labornutzungen nachrüsten. 

Die Innengestaltung des Gebäudes mit warmen Eichenholzvertäfelungen, lebendig strukturierten Bodenfliesen aus Gneis und einem anspruchsvollen Lichtkonzept kreiert qualitätsvolle Aufenthaltsbereiche.

Verblendmauerwerk mit Tiefe 

Während die tragenden Außenwände aus Ortbeton erstellt wurden, verleiht eine vorgemauerte Klinkerfassade im dreidimensionalen Blockverband dem Gebäude einen besonderen Charakter. Um mehrere Zentimeter auskragende Binder aus warmgrauem Klinker lassen ein streng gerastertes Relief entstehen, das Bezug auf den industriellen Kontext nehmen soll. Eingefärbte und teilweise verklinkerte Betonfertigteile – etwa als Gesims oder Fensterbank – komplettieren das markante Fassadenbild. Im Dachgeschoss, wo die Technikzentrale angeordnet ist, wird die Fassade zu einem perforierten Mauerwerk invertiert. So gelingt die Luftzu- und -abfuhr. Befestigt ist das Filtermauerwerk mit einer filigranen Unterkonstruktion, aus vertikal angeordneten Rechteckrohren und Kragarmen aus Flachstahlprofilen, die zwischen den großzügigen Fassadenöffnungen spannt.

Ein optimierter Öffnungsanteil in der Fassade sowie Dreifachverglasungen und ein außenliegender Sonnenschutz in der Dämmebene unterstützen den niedrigen Energieverbrauch des Maison Matériaux II. -sm

Bautafel

Architektur: Behles & Jochimsen Architekten
Projektbeteiligte: WW +architektur + management, Esch-sur-Alzette (Ausschreibung und Bauleitung); Schroeder & Associés, Kockelscheuer (Tragwerksplanung); Felgen & Associés, Luxembourg (TGA)
Bauherr*in: Le Fonds Belval, Esch-sur-Alzette
Fertigstellung: 2022
Standort: 28, Avenue des Hauts-Fourneaux L-4362 Esch-sur-Alzette
Bildnachweis: Marcus Bredt; Behles & Jochimsen Architekten, Berlin


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