Lernzentrum der Stiftung Save the Children in Madrid

Fassadenmarkisen mit Botschaft

Fassadenfläche ist Möglichkeitsraum. Das haben die nordamerikanischen Architekturtheoretiker Denise Scott Brown und Robert Venturi besonders deutlich gemacht, als sie im Zuge ihrer Studie über den Las Vegas Strip Ende der 1960er-Jahre zwischen zwei Gebäudetypologien unterschieden: „Duck“ und „Decorated Shed“. Während Erstere die Gebäudefunktion über die äußere Form – zum Beispiel die einer Ente – kommuniziert, so bezeichnet die andere eine generische Architektur, etwa eine Box, über deren Inhalt außen angebrachte Banner so auffällig wie möglich informieren. Madrid ist nicht Las Vegas, aber auch in der spanischen Hauptstadt ist ein Paradebeispiel eines Decorated Shed zu finden: das frisch renovierte Lernzentrum der Stiftung Save the Children. Das Haus aus den 1950er-Jahren wurde durch die Architekten des ortsansässigen Büros Elii kernsaniert und mit einer Reihe Erweiterungen versehen. Neben einem neuen Versorgungskern und Dachgeschoss erhielt es eine zweite Haut aus textilen Senkrechtmarkisen, die prominent den Institutsnamen in roten Buchstaben zum Platz hin kommunizieren.

Um das Gebäude für dessen wichtige Aufgabe zu ertüchtigen, ummantelten es die  Architekten mit einer Reihe von Erweiterungen
Am auffälligsten ist das neue Sonnenschutzsystem an der platzseitigen Fassade
Bestehend aus Sonnendächern und Fassadenmarkisen kommuniziert es den Namen der Stiftung wirkungsvoll in den Stadtraum

Die 1919 gegründete Stiftung setzt sich international für die Rechte von Kindern ein. Neben Gesundheit und Schutz ist der Zugang zu Bildung ein Hauptthema. So dient das sechsgeschossige Haus in Madrid als Lern- und Betreuungszentrum für junge Menschen aus der Nachbarschaft. Aufgrund der geringen Grundstücksgröße befindet sich auf jeder Etage jeweils nur ein Klassenraum. Der für Kleinkinder eher ungeeigneten vertikal organisierten Raumdisposition begegneten die Planer mit dem Fokus auf die Erschließungszone: Teile des rückwärtigen Altbaus wurden abgerissen und stattdessen ein größer dimensionierter Versorgungs- und Kommunikationskern angebaut, in dem neben Treppenhaus und Fahrstuhl auch Küche, Toiletten, Ess- und kleinere Arbeitsräume untergebracht sind. Die gestapelten Klassenzimmer werden dadurch zu einer Einheit zusammengefasst und eine geschossübergreifende Nutzung angeboten.

Einen edukativen Effekt versprechen sich die Planer von der Innenausstattung: Rohmaterialien wie Holz und Naturstein laden zur haptischen Erkundung durch Kinderhände ein. Pflastersteine am Boden der Eingangshalle sind auch im Madrider Straßenraum zu finden und verbinden Außen- und Innenraum. Die vielen Hängepflanzen in den Räumen sollen die jungen Nutzer zur Übernahme von Verantwortung anregen, die fahrbaren Bücherregale und bewegliche Wandmodule dazu, gemeinschaftlich Entscheidungen zu treffen und sich die Räumlichkeiten anzueignen. Auch Ideen, die die Kinder im Vorfeld formulierten, flossen in den Entwurf mit ein. Der Wunsch beispielsweise, Sterne zu sehen, wurde anhand von Oberlichtern im Steildach des neuen Dachgeschosses umgesetzt.

Sonnenschutz

Bei der Planung war auch die Verbesserung der Energieeffizienz zu beachten. Sowohl sommerlicher als auch winterlicher Wärmeschutz waren beim Vorgängerbau mangelhaft. Das neue Dachgeschoss isoliert das Gebäude nach oben. Rückwärtig übernimmt dies der neue Versorgungskern. Die alte straßenseitige Fassade wurde grundüberholt und neu gedämmt.

Zusätzlich erhielt das Gebäude ein vorgehängtes Sonnenschutzsystem bestehend aus Sonnendächern und Senkrechtmarkisen, welche die dahinter angeordneten Klassenräume fast lückenlos verschatten können. Gemeinsam mit den integrierten Pflanzenkübeln und der zu erwartenden Vegetation verhindern sie emissionsfrei das Aufheizen der Räumlichkeiten im Sommer. Im Winter dient dieser Klimavorhang als zusätzliche Isolationsschicht.

Einen noch größeren Nutzen für die Stiftung stellen aber fraglos die Monumentallettern dar, die auf jeweils eine der Textilbahnen der Senkrechmarkisen gedruckt sind. Wie es sich für einen Decorated Shed gehört, sind sie nicht nur Informationsträger, sondern auch eine Intervention im Stadtraum, die die Blicke auf sich zieht. Eine Entwurfsentscheidung, die vor allem angesichts der Tatsache sinnvoll erscheint, dass sich die Stiftung weitestgehend über Spendengelder finanziert. -sr

Bautafel

Architekten: Elii Oficina de Arquitectura, Madrid
Projektbeteiligte: Mecanismo Structural Engineering, Madrid (Tragwerke); Úrculo Ingenieros, Madrid (Technische Beratung); Diadec, Madrid (Bauausführung); Cushman & Wakefield / Iván Martín, Madrid (Projektleitung)
Bauherr: Stiftung Save The Children
Fertigstellung: 2017
Standort:
Plaza Puerto Rubio 28, 28053 Madrid, Spanien
Bildnachweis: ImagenSubliminal (Miguel de Guzmán + Rocío Romero) www.imagensubliminal.com

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