Lasst Pflanzen drüber wachsen: Weltkongress Gebäudegrün 2023
Rückschau auf drei spannende Tage Ende Juni in Berlin
Angesichts steigender Durchschnittstemperaturen in sich
ausbreitenden und zunehmend verdichteten Städten, ist die Begrünung
von Gebäuden und Freiflächen das Gebot der Stunde, ebenso wie der
Rückhalt von Regenwasser vor Ort. Wie das im Kleinen und im Großen
gelingen kann, wurde aus verschiedenen Perspektiven im Rahmen des
Weltkongress Gebäudegrün 2023 beleuchtet. Der Kongress fand
am 27. und 28. Juni im Hotel MOA in Berlin-Moabit statt und endete
mit Exkursionen am 29. Juni zu Bauwerken mit begrünten Dächern,
Fassaden- und Innenraumbegrünung. Fast 1.100 Teilnehmende aus 41
Ländern waren vor Ort und konnten zwischen 95 Fachvorträgen wählen.
An beiden Kongresstagen liefen meist fünf Vorträge parallel in
unterschiedlich großen Räumen. So war sicher für alle an Stadt- und
Grünraumplanung, Garten- und Landschaftsarchitektur, Architektur
und Freiraumgestaltung interessierten etwas dabei.
Grüne Architektur weltweit und lokal
Es gab Vorträge über grüne Architektur in Singapur und Taiwan, Gründächer in Portugal, vertikale Gärten in Madrid oder Begrünungskonzepte der Niederlande. Zahlreiche Bauwerke mit Gräsern und Blumen, Büschen und Bäumen, Efeu und Weinranken in Wien, Hamburg und Berlin wurden vorgestellt. Die Architektin und Professorin Almut Grüntuch-Ernst erzählte anschaulich und mit spürbarer Begeisterung vom Vorgefundenen – von überwucherten Altbauten, bewachsenen Höfen und idyllischen Schattenplätzen in Berliner Hinterhöfen. Sie stellte die Umwandlung eines ehemaligen Strafgerichts in Charlottenburg zum Hotel Wilmina vor, ein Projekt, bei dem die Natur wesentliches Gestaltungsmerkmal ist.
Der aus Australien stammende Architekt Richard Hassel, Mitbegründer des in Singapur tätigen Büros WOHA, erläuterte verschiedene Konzepte, wie Architektur und Grün bei großen Bauprojekten ineinandergreifen können: „Breathing Architecture” stand für Hochhäuser mit grünen Schluchten und Wohngebäude, deren Aussichten auf die Skyline durch Pflanzen gerahmt sind. „Architecture as Arbor”, „Architecture as Headland”, „Architecture as Grotto” sowie „Landscape as architectural finish” lauteten die Überschriften weiterer Konzepte – letzteres bezog sich auf den Singapur-Pavillon der Weltausstellung in Dubai 2020.
Industrie und Bautechnik
Neben den gestalterischen spielten technische Aspekte eine wichtige Rolle. Führende, aber auch weniger bekannte Hersteller stellten Referenzprojekte vor und erläuterten die Funktionsweise der Schichten im Aufbau einfacher und aufwendiger Dach- und Fassadenbegrünungen, von Monitoring- und Entwässerungssystemen.
Die Basis grüner Architektur, die kaum Grenzen zu haben scheint, aber auch die Voraussetzung für Begrünungen im Bestand sind statische Berechnungen und Ingenieure, die gestalterisch mitdenken. Selbstverständlich kamen auch diese zu Wort und wussten Spannendes zu berichten. Den Einstieg machte Christoph Ingenhoven: Er stellte unter anderem das Lufthansa Aviation Center in Frankfurt (2006) vor, ein Bürogebäude, dessen begrünte Atrien den Nutzenden primär in Erinnerung bleiben.
Der Einfluss von Planerinnen und Planern, aber auch von Kommunen
und städtischen Behörden liegt auf der Hand. Wichtige Impulse gehen
aber auch von lokalen städtischen Initiativen aus wie der Berliner
Regenwasseragentur oder der Wiener Kompetenzstelle für
Bauwerksbegrünung Grünstattgrau.
Berliner Beispiele zum Begehen, Sehen, Hören, Riechen, Anfassen
Ein Vortrag befasste sich speziell mit der Situation in Berlin: Es ging um das Potenzial noch ungenutzter Dächer ebenso wie um Förderinstrumente und Fortschritte der vergangenen Jahre. Einige Beispiele gab es am dritten Veranstaltungstag zu besichtigen. Bei einer Exkursion zu verschiedenen Gründächern waren ein Kindergarten auf einem bestehenden Parkhaus, das Solar-Gründach einer Bank, eine Parkanlage und Wohnbebauung oberhalb einer Mall, ein Forschungsinstitut sowie eine genossenschaftliche Wohnanlage zu besichtigen. Das war vielfältig und aufschlussreich: In der Praxis zeigt sich vieles anders als auf Bildern. Zu erleben war, wie wertvoll Dachflächen in der Stadt sind (dass sie auch Bienenstöcken Platz bieten) und welche individuellen Qualitäten ein Grünraum in luftiger Höhe haben kann. -us
Fachwissen zum Thema
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