Labyrinth Teil 1: Ursprünge, Interpretation, Beispiele

Mythos Minotaurus-Labyrinth, Rasenlabyrinthe

Labyrinthe und ähnliche Formen wie Spiralen, Wirbel, Mäander und Knoten – etwa der chinesische Endlosknoten Pán Cháng Jié – existieren seit Jahrhunderten, vielleicht sogar seit Jahrtausenden, und in allen Kulturen der Welt.

Der vierte Knoten, Albrecht Dürer, Nürnberg vor 1521, nach einer Vorlage von Leonardo da Vinci
Pflaster in Lissabon mit Knoten-Muster
Theseus und Ariadne vor dem Labyrinth des Minotaurus auf Kreta, Crispijn van de Passe etwa 1602-1607, Stich 81 mm x 131 mm

Das Labyrinth des Minotaurus

Der altgriechische Mythos vom Labyrinth des Minotaurus auf Kreta hat eine besonders lang anhaltende und einflussreiche Bedeutung. Dichter wie Ovid, Plutarch, Vergil und Jorge Luis Borges widmeten sich der Geschichte mit Theseus, Ariadne und dem Minotaurus. Zahlreiche Künstler – darunter Tizian, Antonio Canova, Edward Burne-Jones, Gustave Moreau, Gustav Klimt, Piet Mondrian, Pablo Picasso und Joan Miró – interpretierten das Thema mit Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen. Selbst Video- und Computerspiele beziehen sich auf die mythische Geschichte.

Streng genommen war das Minotaurus-Labyrinth kein Labyrinth, sondern ein Irrgarten. Die Kunst- und Architekturgeschichte unterscheiden die beiden nach der Anzahl ihrer Wege: Bei einem Labyrinth führt ein einziger Weg mit zahlreichen Windungen zum Ziel, während ein Irrgarten ein verzweigtes Netz aus mehreren Wegen aufweist, von denen einige in Sackgassen münden. Die zentrale Handlung des Mythos besteht ja darin, dass der Minotaurus keinen Ausweg findet. Und auch Theseus benötigt den berühmten Faden, den Ariadne ihm gibt, um wieder zum Eingang bzw. Ausgang zu gelangen.

Archäologische Forschungen lassen vermuten, dass das Minotaurus-Labyrinth Teil des Palastes von Knossos war. Möglicherweise handelte es sich um einen Kerker mit Stein- oder Mauerwerkswänden in einem Gefüge mehrerer Kammern. Spätere Darstellungen zeigen es oft als freiliegendes, eckiges oder rundes Stein- oder Heckenlabyrinth, das von einer gartenähnlichen Landschaft umgeben ist.

Rasenlabyrinthe

Noch älter als das Minotaurus-Labyrinth sind geritzte Stein- und Rasenlabyrinthe aus keltischer Zeit, deren Spuren sich an kultischen Orten finden. Ihre ursprüngliche Bedeutung ist unklar, doch vermutlich dienten sie Prozessionen oder Ritualen. Im Mittelalter und in der Renaissance pflanzte man Rasenlabyrinthe häufig in Kloster- und Kirchengärten. Dort waren sie Orte für Meditation und Kontemplation, sehr viel später Gartendekoration. Formal sind sie mit Kräuterspiralen, Knotengärten und Broderien vergleichbar.

Rasenlabyrinthe wurden reliefartig aus niedrigen grasbewachsenen Wällen, linearen Beeten oder mit Wegen aus gestampfter Erde, Steinen oder Kies geschaffen. Manchmal kehrte man das Prinzip um und legte gleich große Trittsteine auf eine Wiese, die das Labyrinth bilden. Diese ähneln oft Bodenlabyrinthen aus hellen und dunklen Steinen, wie sie in den Kathedralen von Chartres, Amiens, Reims und anderen gotischen Kirchen zu sehen sind.

Historische, rekonstruierte und neu angelegte Stein- und Rasenlabyrinthe lassen sich bis heute besichtigen, beispielsweise auf den Scilly-Inseln, bei englischen Turf Mazes wie der City of Troy bei Dalby in Yorkshire oder dem Earth and Wildflower Labyrinth bei Chesterfield, in Skandinavien bei der Trojaborg nahe Visby auf der Insel Gotland sowie in Deutschland das Eilenriede-Rad im Stadtwald von Hannover.

Autorin: Prof. Dr.-Ing. Susanne Junker, Berlin

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