Kulturquartier Silent Green in Berlin

Umnutzung vom Krematorium zum Veranstaltungsort

Dass sich in Berlin Kultur gern an exotischen Orten ansiedelt, ist allgemein bekannt. Die Transformation eines ehemaligen Krematoriums – eines Ortes des Abschieds – zum Kultur- und Veranstaltungscampus ist jedoch auch in diesem Kontext ungewöhnlich. Die Bauten, die nun das Silent Green Kulturquartier beherbergen, waren in ihrer ursprünglichen Nutzung ihrer Zeit voraus: Zwischen 1909 und 1910 wurde das Krematorium, entworfen vom Architekten William Müller, als erste derartige Einrichtung in Berlin und als dritte in ganz Preußen erbaut. Damals galt sie als eine der leistungsfähigsten Feuerbestattungsanlagen Europas. Heute verbirgt sich hinter den historischen, denkmalgeschützten Mauern des Krematoriums in Wedding auf über 6.000 m² ein Ort der Begegnung und Partizipation, der unterschiedlichen Kunstschaffenden die Möglichkeiten der Entwicklung und des Austausches bietet.

Auf über 6.000 m² wurde ein Ort der Begegnung und Partizipation geschaffen, der Kunstschaffenden die Möglichkeiten der Entwicklung und des Austausches bietet.
Das Herz der Anlage bildet die 17 Meter hohe Kuppelhalle mit umlaufend in den Wänden angelegten Nischen, in denen einst die Urnen aufbewahrt wurden.
Angehörige fanden hier einen intimen und zurückgezogenen Raum, um von den Verstorbenen Abschied zu nehmen.

Feuerbestattungen wurden im Mittelalter von der Kirche verboten. Die rigoros ablehnende Haltung zur Leichenverbrennung änderte sich allmählich ab der Französischen Revolution, Vorreiter der Feuerbestattung im Deutschen Kaiserreich waren die Freidenkerbewegungen. Krematorien existieren in Deutschland seit etwa 1880 und waren seinerzeit ein Zeichen von Fortschritt und Säkularisierung. Das Gebäude in Berliner Bezirk Wedding konserviert seit über einem Jahrhundert den gesellschaftspolitischen Wandel der Bestattungskultur in Deutschland.

Nachdem der Betrieb 2002 eingestellt worden war, standen die Bauten mehr als ein Jahrzehnt leer, bis das Silent Green Kulturquartier 2013 einen Zuschlag für das Konzept der kulturellen Umnutzung erhielt. Der Veranstaltungsort umfasst das introvertierte Hauptgebäude, in dem sich heute neben der Kuppelhalle ein Gastronomiebereich sowie separate Tagungsräume befinden, die unterirdische Betonhalle, die ursprünglich als Leichenhalle diente, sowie das Atelierhaus, einen länglichen Bau, der im Zuge der Umnutzung neu entstanden ist. Letzterer wurde vom Berliner Architekturbüro Kombinativ entworfen, sitzt über der Zufahrt zur Betonhalle und beherbergt fünf mietbare Atelierräume. Die Erschließung erfolgt über einen langen Zugangsweg, der am Atelierhaus vorbei zum zentralen Altbau führt. Das ehemalige Krematorium wird von Grünflächen und einem kommunalen Friedhof umgeben.

Kuppelhalle als Herzstück
Bis zur Eröffnung im Jahr 2015 wurde zunächst das Hauptgebäude von Michael Vierling, Gernot Wagner, Max Denger und Gunhild Niggemeier zusammen mit dem Statiker Michael Beier in enger Kooperation mit dem Denkmalschutz umfassend saniert. Das Herz der Anlage bildet die 17 Meter hohe Kuppelhalle unter einem pyramidenförmigen Mansardendach. Mit ihrem achteckigen Grundriss und den umlaufend in den Wänden angelegten Nischen, in denen die Urnen aufbewahrt wurden, zeugt sie von der ursprünglichen Nutzung als Kolumbarium. Angehörige fanden hier einen intimen und zurückgezogenen Raum, um von den Verstorbenen Abschied zu nehmen. Der historische Terrazzoboden ist vollständig erhalten und zeigt mythische und zum Teil kryptische Symbole. Heute finden hier unterschiedliche Veranstaltungen statt – von Konferenzen und Kongressen bis hin zu Filmvorführungen und Konzerten. Bestuhlung sowie Bühne lassen sich flexibel an die jeweiligen Anforderungen anpassen.

Unterirdische Betonhalle
Von außen unsichtbar verbirgt sich unter der Erde die 1.600 m² große Betonhalle, die in den 1990er-Jahren erbaut wurde und Raum für ein vollautomatisches Sarglager bot. Zwei Jahre, von 2017 bis 2019, dauerte der Umbau zum Veranstaltungssaal. Mit den fensterlosen, dunklen Wänden und dem industriellen Charakter wirkt der große Raum wie eine Black Box – prädestiniert dafür, Video- und Lichtkunst zu präsentieren. Die Halle teilt sich in drei Ebenen auf, wodurch sie unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden kann. Die ursprünglich offene Zufahrtsrampe wurde mit dem Atelierhaus überbaut. Insbesondere für lichtkünstlerische Eingriffe bietet die Geometrie des Tunnels ideale Bedingungen. Daneben verfügt der unterirdische Bau über eine Betonbar für kleinere Veranstaltungen oder Dinner, ein kleines Studiokino sowie die L-förmige Betonhalle, den größten Raum im Untergeschoss mit einer Kapazität für bis zu 1.000 Personen. Als Erinnerung an die frühere Nutzung wurden in der Wand zwischen Betonbar und -halle die Öffnungen erhalten, durch die ehemals die Särge in die große Halle transportiert werden konnten.

Raumakustische Maßnahmen im Zuge der Umnutzung
Aufgrund ihrer Geometrie musste der Akustik in der Kuppelhalle besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden: Konkav gekrümmte Flächen konzentrieren den Schall auf einen Punkt. Diese fokussierende Wirkung ist vor allem bei großen Räumen raumakustisch kritisch. Außerdem sollte der Raum multifunktional genutzt werden, was zusätzlich variable akustische Maßnahmen erforderte. Um diese komplexen Eingriffe planen zu können, wurden im Voraus raumakustische Berechnungen an einem 3D-Modell vorgenommen.

Es wurden umlaufend Tiefenabsorber sowie Bassfallen und Mittenabsorber angebracht, zudem ließ man in die Fenster Schallschutzglas einbauen. Dadurch, dass die Oberfläche der Kuppeldecke sehr porös ist, konnte direkt auf die Oberseite Mineralwolle aufgelegt werden, die den einwirkenden Schall absorbiert. Darüber hinaus wurden auf beiden Rängen Schallschutzteppiche verlegt, die einen Großteil der Reflexionen aus der Kuppel aufnehmen. Um die Mehrzwecknutzung gewährleisten zu können, werden im Erdgeschoss zusätzlich Vorhänge eingesetzt. Bei einer Raumnutzung, bei der vor allem gesprochen wird, also Konferenzen oder Diskussionsrunden, sollten sie möglichst geschlossen gehalten werden. Bei einer Beschallung mit Musik sind die Vorhänge für einen optimalen Raumklang zu 70 Prozent zu öffnen.

Auch die Akustik der Betonhalle im Untergeschoss wurde der neuen Nutzung angepasst: Die gesamte Decke ließ man vollflächig mit Akustikplatten belegen, was die Empfehlung der beratenden Akustikplaner sogar überstieg. Zusätzlich wurden mehrere Schallschutzvorhänge eingesetzt. -si

Bautafel

Architektur: Kombinativ, Berlin
Projektbeteiligte: GeProBau, Berlin (Projektsteuerung und Bauleitung); Michael Vierlich, Berlin (Architektur); Gernot Wagner, Berlin (Architektur); Max Dengler, Berlin (Architektur); Gunhild Niggemeier, Hannover (Architektur)
Standort: Gerichtstraße 35, 13347 Berlin
Bauherr: Silent Green Kulturproduktionen
Fertigstellung: 2019
Bildnachweis: Cordia Schlegelmilch, Berlin; Bernd Brundert, Berlin; silent green Kulturproduktionen, Berlin

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