Kultur- und Bildungszentrum Gampa und Sféra in Tschechien
Neubau am Technikdenkmal
Über hundert Jahre wurde in der Winternitzer Automatik-Mühle im tschechischen Pardubice Getreide gemahlen. Das Mehl wurde über die benachbarte Chrudimka weiter über die Elbe bis nach Mittel- und Westeuropa verschifft. Sie ist eine der größten Mühlen Tschechiens und mit ihrer Höhe und ihrer Ziegelarchitektur fest im Stadtbild verankert. Entsprechend waren die Mühle und das daran angeschlossene Silo für die Region wirtschaftlich sowie baulich bedeutend und blieben es auch nach ihrem Betriebsende 2013: Das Ensemble wurde renoviert und zum Technikdenkmal sowie sukzessive zum Ort für Bildung und Kultur.
Neubau
Seit 2023 markiert ein Neubau die nördliche Grundstückskante. Das Gebäude beeindruckt mit seiner Masse, die sich anscheinend mühelos in den Himmel stemmt. Die Architektur stammt vom Prager Architekturbüro Šépka. Dem Team gelang es, mit einem gut strukturierten Aufbau Gegensätzliches zu verbinden: So ist der Neubau in Höhe und Masse an die Dimensionen der Mühle angepasst, erhält aber durch seine Teilung und Öffnung einen menschlichen Maßstab und eine Durchlässigkeit, ohne sich im Kleinteiligen zu verlieren.
Galerie Gampa
Das Team gliederte das Gebäude horizontal in zwei unabhängige Nutzungseinheiten. Die zwei Geschosse des Sockels belegt die städtische Kunstgalerie Gampa mit mehreren Ausstellungsräumen im Erdgeschoss. Diese lassen sich zum Platz gen Süden öffnen und ermöglichen einen direkten Übergang vom Kunst- zum Stadtraum. Im ersten Obergeschoss liegen die Verwaltungsbüros der Galerie und eine Gästewohnung für Künstler*innen.
Bildungszentrum Sféra
Der obere Baukörper fasst auf zwei Geschossen das Bildungszentrum Sféra mit seinen polytechnischen Werkstätten für Kinder und Jugendliche. Hier liegen auf der unteren Etage, im vierten Geschoss, eine Eingangshalle und die Werkstätten, in denen die Kinder mit Holz, Stoff und Metall oder grafisch arbeiten können. Im oberen Geschoss befinden sich die naturwissenschaftlichen Unterrichtsräume und Labore. Zentrum des Sféra ist ein zweigeschossiger Gemeinschaftsraum mit einer mittig hängenden Kugel, einem wandelbaren Erdmodell, auf das Bilder von Naturereignissen projiziert werden.
Dachterrasse
Zwischen beiden Baukörpern liegt eine geschossweite Aussichtsterrasse. Sie ist über eine Außentreppe zugänglich, die von einem zum Platz geöffneten Hof hinaufführt. Die Treppe hat Sitzstufen und lässt sich mit einer stählerne Klapptreppe erweitern. Auf diese Weise entsteht im Herzen des Sockels ein frei zugängliches, wettergeschütztes und in der Größe variables Freilichttheater, das die Grenzen zwischen Platz und Kulturraum aufweicht und den öffentlichen Raum bis auf die Terrasse erweitert.
Gebäudestatik
Nicht nur funktional, auch statisch und in Konstruktionsweise ist das Gebäude zweigeteilt. Der obere, über der Terrasse scheinbar schwebende Gebäudeteil ständert sich auf zwei Treppenkernen aus Beton auf. Er ist in Stahlbetonskelettbauweise errichtet, was die für den Schwebeeffekt große Auskragung ermöglicht: Die Geschossdecken liegen auf einem Balkenraster von drei mal drei Metern auf. Dabei sind die einzelnen Rippen einen Meter hoch und liegen an den Gebäudekanten auf X-förmigen Stützen. Es entsteht eine gewaltige Betonkonstruktion, die den gesamten oberen Baukörper zu einer sehr tragfähigen, ausgesteiften Einheit verbindet. Diese kann weit auskragen und bleibt trotzdem im Innern weitgehend stützenfrei und frei einteilbar. Statisch ist dieser Baukörper unabhängig vom Sockel und wurde zuerst errichtet. Der Sockel wurde danach um die Treppenkerne und den Hof herum und mit nur wenigen Öffnungen nach Süden gemauert.
Offene Fügung
Als Reminiszenz an die Geschichte des Ortes sollte auch die Architektur das Handwerklich-Industrielle widerspiegeln. Das tut sie über zwei Aspekte: Fügung und Farbe. Das Architekturteam plante, alle konstruktiven und funktionalen Bauteile wie das tragende Ziegelmauerwerk und die statisch wirksamen Betonträger- und stützen sichtbar zu lassen. Die Rohrinstallationen samt Ablufthaube sind offen unter den Betondecken montiert, verlaufen durch die Aussparungen in den Betonrippen und glänzen in Alukaschierungen. Elektroleitungen sind mit einfachen Kabelschellen auf den Wandoberflächen montiert, an der Decke sorgen Leuchtstoffröhren und -stäbe sowie einige Spots für funktionales Licht. Zu dieser industriellen Einfachheit passen die Lichtschalter aus Aluminium. Der rohe Charakter durch sichtbare Fügungen ist also einer von zwei Aspekten.
Rostrote Farbe
Der andere ist die rostrote Farbe, die der Ziegelarchitektur in Alt- und Neubau entlehnt ist, und die ein einheitliches, harmonisches Bild erzeugt. Der Abstimmung der Farben widmete das Architekturteam viel Zeit; allein dreißig Betonwürfel wurden als Farbproben gegossen, bis man den zum Mauerwerk passenden Ton fand. Die Würfel sind als Wandrelief im Mauerwerk verbaut, sodass der handwerkliche Prozess der Farbfindung fest mit dem Gebäude verbunden und in Erinnerung bleibt. Andere Bauteile, wie Treppen, Geländer, Türen, Verkleidungen und Sonnenschutz bestehen aus Kortenstahl.
Belichtung
Der Belichtung der Räume kommt eine große Bedeutung zu: Denn die monolithische Außenwirkung und die Nutzung für Ausstellungen verlangen nach großen, weitgehend geschlossenen Wandflächen im Sockel. Dessen Belichtung übernehmen begehbare Oberlichter, die in die Geschossdecke zur Terrasse eingelassen sind. Das von oben einfallende Licht betont die Haptik der Ziegelwände und sorgt für eine gleichmäßige Tageslichtausleuchtung. Auch die Labore im obersten Geschoss werden vor allem über dachseitige Oberlichter erhellt, um konzentriertes und blendfreies Arbeiten im Innern zu ermöglichen. Die Dachfenster sind je mit einem pyramidenförmigen Sonnenschutz aus Kortenstahl überbaut. Zudem sind Fenster zwischen die Betonbalken gesetzt, deren Rahmen von der Konstruktion überdeckt werden. Sie erzeugen den Eindruck einer lichten, offenen Konstruktion mit Sichtschutzwänden. Fenster mit Ausblick gibt es vor allem zum Platz hin und im Werkstattgeschoss. Doch auch hier sorgen rostrote Sonnenschutzrollos für die monolithische Wirkung, sofern die Rollos herabgezogen sind.
Bautafel
Architektur: Šépka architekti / Jan Bárta, Marek Fischer, Jan Šépka, Prag
Planungsbeteiligte: JUNG, Schalksmühle (Schalter)
Bauherr: Nadace Automatické mlýny (Foundation of the Automatic Mills)
Fertigstellung: 2023
Standort: Automatické mlýny 1963, 530 03, Pardubice
Bildnachweis: Aleš Jungmann, Prag
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