Kreislaufhaus in Zürich

Wohnhaus aus rückbaubaren Stahlfertigteilen

Beim Stahlbau denken die meisten an Ingenieursbauten, wie Hallen und Brücken. Nur selten werden standardisierte Fertigbauteile aus Stahl für die Haupttragstruktur anderer Bautypologien verwendet – dabei bietet die Konstruktionsweise große Potenziale für die Nachhaltigkeit und den langfristigen Nutzungskomfort von Gebäuden.

Die Teilung der Parzellen bildet sich in der Grundstruktur des Gebäudes ab. Eine Brandwand aus Beton zieht sich durch die Längsseite des Gebäudes und teilt es in die unterschiedlichen Nutzungseinheiten der beiden Eigentümer-Familien.
Das Stahlgerüst lehnt sich wie ein herkömmliches Hochlagerregal an die aussteifende Betonscheibe an und bildet das Grundgerüst für den Ausbau. Für die Montage wurden somit keine weiteren Gerüste benötigt.
Die Stahlstützen sind durchlaufend und werden nur im Bereich der Auskragung von Trägern durchtrennt, da diese genügend Auflagerfläche benötigen.

Diese Eigenschaften machte sich das Schweizer Architekturbüro Graser Troxler zunutze, als es im Züricher Stadtquartier Oerlikon einen fünfgeschossigen, hybriden Wohnungsbau aus Stahl, Holz und Beton plante. Das von außen wie eine Einheit wirkende Gebäude ist innen in klare Zonen gegliedert. Grund dafür ist die ungewöhnliche Ausgangssituation des Neubaus, an dessen Stelle zuvor ein Doppelhaus stand.

Das neue Doppelhaus

Die Besitzer der jeweiligen Doppelhaushälfte beauftragten das ortsansässige Architekturbüro mit einer Machbarkeitsstudie, die eine wirtschaftliche und vor allem komfortable Nutzungslösung für beide Parteien untersuchen sollte. Die Teilung des etwa 690 Quadratmeter großen Grundstücks in zwei Parzellen sollte beibehalten werden. Um den Anforderungen gerecht zu werden, entschieden sich die Architekt*innen für eine Neuinterpretation des Doppelhauses.

Die Grenze zwischen den beiden Einheiten bildet eine längs durchschneidende Brandwand mit anliegendem schmalen Erschließungskern. Entstanden sind zwei längliche Gebäudeflügel mit insgesamt dreizehn Wohnungen, die sich in ihrer Einteilung deutlich voneinander unterscheiden. Während die nördliche Hälfte des Hauses von den Eigentümern selbst bewohnt und entsprechend großzügig gestaltet ist, sind in der südlichen Haushälfte mehrere kleine Mietwohnungen untergebracht. Die verschiedenen Nutzungskonzepte ließen sich durch ein flexibles Tragwerkskonzept umsetzen.

Designed for disassembly

Die Grundstruktur des Gebäudes ist in klare Abschnitte gegliedert, die auch den Bauablauf bestimmten. Eine Unterkellerung sowie die Brandachse aus Beton sorgen für die Aussteifung des Gebäudes. Die Stahlkonstruktion aus vorkonfektionierten HEB 160 Trägerprofilen bildet die tragende Struktur, auf der Decken und Wände aufliegen.

Das wie ein konventionelles Hochregal konstruierte Gerüst ist dank simpler Verbindungen durch Schrauben und Bolzen reversibel und kann nach Bedarf angepasst werden. Die weiß lackierten Träger und Stützen sind im Innenraum sichtbar. Um die Außenwandkonstruktion aus Holzständern befestigen zu können, wurden die Kammern der fassadenseitigen Stahlbauteile mit Holzbalken ausgefacht, die bündig zum Ober- und Unterflansch der Profile eingebaut wurden. Auf diese Weise konnten mit wenig Aufwand konstruktive, nachhaltige wie auch bauphysikalischen Anforderungen an die Außenwand erfüllt werden.

Keine Überschneidungen auf der Baustelle

Die enge Zusammenarbeit mit dem Ingenieurbüro Büeler Fischli ermöglichte eine frühzeitige Planung des statischen Konzepts, wodurch der Einsatz von Ressourcen sowie der Gesamtablauf der Bauabschnitte erheblich effizienter gestaltet werden konnte. Alle Bauteile wurden so geplant, dass sie von Beton-, Stahl- und Holzbauern in gewohnter Art verbaut werden konnten. Die klare Trennung der Gewerke führte zu einer schnellen Bauausführung ohne Einschnitte oder Abhängigkeiten.

Das Kreislaufwohnhaus demonstriert, wie nachhaltig und einfach Architektur auf vielen Ebenen funktionieren kann. Die unkonventionelle Kombination aus gewöhnlichen Konstruktionsarten vereint die Qualitäten der verschiedenen Baustoffe, unterstützt eine sortenreine Rückbaubarkeit und erlaubt das Anpassen der Baustruktur bei sich ändernden Bedürfnissen der Bewohner*innen. Die Bauteile wurden dabei so eingesetzt, dass sie in ihrer Position möglichst viel Nutzen für die Gesamtstruktur haben. Die frühzeitige logistische Planung ermöglichte den schonenden Umgang mit Ressourcen und eine effiziente Bauabwicklung.

Bautafel

Architektur: Graser Troxler Architekten, Zürich
Projektbeteiligte: Büeler Fischli Bauingenieure, Zürich (Tragwerk); NBG Ingenieure, Bern (HLKS); HHM, Bern (Elektroplanung); Herrmann Partner, Andelfingen (Bauphysik)
Bauherr*in: Privat
Fertigstellung: 2021
Standort: Herbstweg 6, 8050 Zürich-Oerlikon
Bildnachweis: Philip Heckhause, Zürich; Gauch & Schwartz Architekten, Zug

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