Kindertagesstätte in Illzach

Wie Architektur zum Schutzraum wird

Im elsässischen Illzach, am nördlichen Rand von Mulhouse, plante das Büro Dominique Coulon & Associés eine Kindertagesstätte für fünfzig Krippen- und Kindergartenkinder. Das Gebäude schaffte es allein wegen seiner kräftigen Farbigkeit in sämtliche Architekturzeitschriften, doch in den Berichten wird meist übersehen: Im Kern geht es bei diesem Bau nicht um die bildstarke, grafisch anmutende Gestaltung in Rosa-Rot-Orange – die ist natürlich ein Hingucker. Es geht vor allem um Schutz. Dem Architekturteam gelingt ein Gebäude, das vor Sonne und Hitze, Wind und Lärm und vor Straßenverkehr schützt und sich zugleich mit der Nachbarschaft verbindet. Letzteres erfolgt zum Beispiel über die gradlinige Architektur, die mit hoher Attika und noch höher aus dem Dach ragenden Oberlichtaufsätzen sowie breiten, tiefen Vordächern mehr Masse bekommt. So fügt sie sich in Maßstab und geometrischer Kubatur in die Nachkriegsarchitektur des Stadtteils.  

Das Besondere ist aber auch der Umgan mit den Übergangszonen, den Schwellen zwischen öffentlichem und geschützem Raum.
So wie hier beim Haupteingang an der Nordseite des Gebäudes, wo das große Vordach vor Wetter schützt und einen Rahmen bildet für die täglichen Begegnungen beim Bringen und Abholen der Kinder.
Das Gebäude ist nur eingeschossig, wirkt aber mit seinen Auskragungen, der hohen Attika und den Dachaufbauten massiger und passt so besser zu der nachbarschaftlichen Bebauung.

Graduelle Übergänge und harte Grenzen 

Die Vordächer haben darüber hinaus eine funktionale Aufgabe: Sie dienen als wettergeschützte Spiel- und Aufenthaltsräume und bewahren die Räume dahinter vor hochstehender Mittagssonne und Überhitzung. An den Übergängen zwischen öffentlicher Straße und Kita entstehen zudem klar ablesbare Schwellenbereiche. Sie schaffen Distanz zur Umgebung und markieren zugleich für die Kinder den Wechsel zwischen Außenwelt und geschütztem Kita-Bereich. Natürlich gibt es auch harte Grenzen, in diesem Fall Betonmauern, die die drei Kita-Gärten schützend umfassen und Offenheit im Innern erst ermöglichen: Denn innerhalb des umfassten Bereiches verbinden sich Außen- und Innenraum transparent über eine geschosshohe Glasfassade und über einen direkten Zugang mit den überdachten Terrassen. 

Soziale Mitte 

Auch die Oberlichter haben zwei funktionale und raumdefinierende Aufgaben: Sie bringen zenitales Licht und Großzügigkeit in die Gebäudemitte und unterstützen durch ihre hoch liegenden Öffnungen den thermischen Auftrieb und damit die natürliche Belüftung und Kühlung des Gebäudes. Sie markieren zudem die zentrale Halle als räumlichen Mittelpunkt und sorgen für eine erkennbare Abfolge der angrenzenden Räume: alle Gruppenräume, der Bewegungsraum, die Küche und der Essraum sowie das Verwaltungsbüro. Große Glasfenster ermöglichen den wechselseitigen Blick in und aus jedem Gruppenraum. Es gibt also keine langen Flure, stattdessen kurze Wege, direkte Sichtbezüge und eine gemeinsame organisatorische Mitte der drei Kitagruppen. Hier kommen die Kinder morgens an, hier verabschieden sie sich nachmittags voneinander und dazwischen werden hier Rituale und Feste gefeiert. Der Grundriss ist also nicht nur funktional und effizient, sondern wirkt vor allem auf das soziale Miteinander. Er hilft den Kindern bei der Orientierung im Alltag und sorgt zugleich für Gemeinschaft, Transparenz und eine bessere, gegenseitige Wahrnehmung. Insofern hat der Grundriss einen enormen Einfluss auf die soziale Sicherheit und ein aufmerksames, schützendes Miteinander. 

Warme Farbe, wuseliger Raum 

Die Farbigkeit mag plakativ anmuten, hat aber ebenfalls eine räumlich-psychologische Funktion: Denn sie betont vor allem die Schwellen- und Gemeinschaftsräume, also die Orte der Ankunft, Begegnung und großen Gemeinschaft. Die Farbigkeit geht mit steigender Privatheit und sinkendem Aktivitätslevel zurück: So lassen die neutral gehaltenen Gruppenräume großflächig eigene, bunte Bilder und Dekorationen sowie unterschiedliche Aktivitäten zu, während die Schlafräume in einem reizarmen Beige gestaltet sind. Kinder können so das Gebäude und seine Funktionsbereiche besser erfassen und sich dadurch möglicherweise leichter an die jeweiligen Situationen anpassen.  

Versteckte Technik  

Bei der Ausgestaltung der Technik und der Details galt es, diese Einfachheit, Ablesbarkeit und die grafische Anmutung beizubehalten. Daher wurden Garderobenmöbel in Wandnischen und Regale als teils raumhohe Einbaumöbel verbaut und farblich passend lackiert. Sogar Lichtschalter sind in Alpinweiß oder Rosé vif an die Farbigkeit der Räume angepasst. Leuchten wurden als LED-Leiste in die Möbel, überwiegend als Spots oder Rasterleuchten in die Decken integriert. Diese sind vollflächig akustisch wirksam und verbergen die Gebäudetechnik. Wenn also die Kinder in der Halle auf der Sitzinsel fläzen und nach oben schauen, verfängt sich ihr Blick weder in einer Rasterdecke noch in Technikinstallationen, sondern im kreisförmigen Himmelsblau, das ganz weit oben von Orange und Rot gerahmt leuchtet. 

Bautafel

Architektur: Dominique Coulon & Associés, Straßburg
Projektbeteiligte: Batiserf Ingénierie, Fontaine (Tragwerksplanung); Gilbert Jost, Straßburg (Elektroplanung, Brandschutz); Solares Bauen, Straßburg (Technische Gebäudeausrüstung/HLK); E3 Économie (Kostenplanung, Terminplanung, Koordination); DB Silence (Akustik); ES Services Énergétiques, Straßburg (Küchenplanung); Bruno Kubler, Straßburg (Landschaftsarchitektur); Tout Un Programme, Straßburg (Programmierung); Alpes Contrôle (Prüfung/Kontrolle); Présents (Sicherheits- und Gesundheitsschutzkoordination), Pontiggia (Erdarbeiten, Straßen- und Landschaftsbau); CLB (Rohbau); SOPREMA (Abdichtung); Hunsinger (Holzbau, Fenster und Außentüren); Mambré (Wärmedämmverbundsystem); Isosystem (Putz- und Deckensysteme); Roman (Schlosserarbeiten); SCE (Fliesen- und Keramikarbeiten); Alsasol (Bodenbeläge); MSP Peinture (Malerarbeiten); Huber et Cie (Elektroinstallation Stark- und Schwachstrom); Maison Fruh (Heizung und Lüftung); Labeaune (Sanitärinstallation); Audebert (Küche), Jung, Schalksmühle (Lichtschalter)
Bauherr*in: Mulhouse Alsace Agglomération (m2A)
Fertigstellung: 2024
Standort: 2 Rue Saint-Jacques, 68110 Illzach, Frankreich
Bildnachweis: Eugeni Pons, Barcelona

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