House with an Inverted Roof in Matosinhos

Explosion und Collage

Ein Haus, das den grauen Alltag der Vorstadt aufmischt und zugleich auf klimatische Anforderungen reagiert: Im portugiesischen Matosinhos hat das Architekturbüro fala eine eigenwillige, irritierende Dachfigur entwickelt. Grüne und blaue Außenrollos sind an die weißen Fassaden geheftet, darunter befindet sich ein Sockelgeschoss mit Glasbausteinen und Akzenten aus schwarzem Marmor. Hier und da taucht eine mintfarbene Stütze auf. Das House with an Inverted Roof ist eine gebaute Collage.

Das Wohnhaus widerspricht in vielerlei Hinsicht der Vorstadtarchitektur.
Inmitten der dichten Nachbarschaft fällt das Haus mit seiner eigenwilligen Dachform und hellen Farbpalette auf.
Ein Sockel aus Glasbausteinen trifft auf weiße Wandflächen mit beweglichen Screens in Blau und Grün.

Explodierte Box in uniformer Vorstadt

Das Grundstück befindet sich inmitten einer dicht bebauten Vorstadt, geprägt von kleinteiligen Parzellen und konventionellen Einfamilienhäusern. Viele der Nachbarbauten tragen sehr ähnlich, flach geneigte, zu Straße abfallenden Satteldächern. Mit seiner invertierten Form aus einem halben Tonnendach und einem Pultdach und dem zur Straße gewandten Giebel widersetzt sich der Neubau diesem Bild.

Das Volumen vergleichen die Architekt*innen von fala mit einer explodierten Box, die auf einem transluzenten Sockel ruht. Die Fassaden sind in unterschiedlichen Farben gefasst: Vertikale, weiße und geneigte, blaue oder grüne Flächen sind klar voneinander unterschieden, als würden sie sich überlagern, schneiden und aufspalten. Runde und quadratische Fenster durchbrechen die weißen Wände. Manche Ansichten wirken wie Gesichter, andere erinnern an abstrakte Tiere. Zusammen mit den farbigen Screens der Außenrollos – jede Gebäudeseite hat jeweils ein blaues und ein grünes – fühlt man sich an eine Papiercollage erinnert.

Räume als dekonstruktivistische Choreografie

Im Inneren setzt sich diese Idee fort. Das Tragwerk löst sich von den Wänden und stellt sich in Form von sechs schlanken, grün gestrichenen Betonstützen in den Raum. Sie versperren Sichtachsen, durchkreuzen Wege und markieren so ihre Präsenz. Eine Stütze endet, fast wie ein ironisches Detail, ohne Funktion auf der Dachterrasse im Obergeschoss.

Die Räume sind nicht als neutrale Hülle gedacht, sondern wie ein abstrakt-dekonstruktivistisches Kunstwerk komponiert. Flächen aus Beton, Marmor und Glasbausteinen schneiden sich, überlagern einander oder werden von den Stützen durchstoßen. Innen entsteht ein Geflecht aus Sichtbeziehungen, Doppelhöhen und Raumkanten, das alltägliche Abläufe immer wieder neu choreografiert.

Das Erdgeschoss öffnet sich großzügig zum Garten. Hier befinden sich Wohn- und Essbereiche, die über einen Luftraum mit dem darüberliegenden Büro verbunden sind. Schräge Wandflächen, Kanten und Rundungen erzeugen immer neue Raumeindrücke. Die Sichtbetondecke lastet über den offenen Zonen und hebt sich von den weiß getünchten Wandflächen ab. 

Im ersten Obergeschoss befinden sich jenseits der Galerie drei Räume mit jeweils einem großen Rundfenster. Zwei davon liegen sich unter dem nach außen ansteigenden Pultdach und wirken dadurch besonders großzügig. Gartenseitig ist der Baukörper schräg angeschnitten, sodass sich hier eine dreieckige Dachterrasse ergibt. Im zweiten Obergeschoss, unter dem halben Tonnendach, liegt das Schlafzimmer. Der betonierte Dachbogen erzeugt entlang der Kleiderschränke eine fast höhlenartige Atmosphäre. Zum Garten hin wird der Raum von der verglasten Schiebetür des Austritts erhellt.

Sonnenschutz: Außenrollos und Glasbausteine

Besonders markant sind die blauen und grünen Flächen vor den Fenstern. Was auf den ersten Blick wie Fensterläden wirken könnte, sind tatsächlich textile Außenrollos, die in seitlichen Führungsschienen laufen. Mit ihren großen Tüchern und kräftigen Farben prägen sie das Bild der Fassade. Ihre Bedeutung geht jedoch über den dekorativen Effekt hinaus.

Die Screens verhindern direkte Sonneneinstrahlung auf die Glasflächen, sodass sich die Innenräume nicht so stark aufheizen. Gerade im heißen portugiesischen Sommer ist diese Verschattung entscheidend, um auf energieintensive Kühlung verzichten zu können. Genauso dämpfen die Gewebe das einfallende Licht und vermeiden Blendungen. In Kombination mit dem transluzenten Sockel aus Glasbausteinen und der Möglichkeit zur Querlüftung entsteht so ein Innenraumklima, das auch an warmen Tagen komfortabel bleibt. Darüber hinaus dienen die textilen Screens als Sichtschutz – ein nicht zu unterschätzender Aspekt in der dicht bebauten Nachbarschaft.

Die Wahl fiel auf textile Systeme, weil sie leicht und flexibel sind, große Flächen mit wenig Materialaufwand verschatten können. Zugleich passten sie zur poetischen Sprache des Projekts. Damit werden sie zu einem integralen Bestandteil der Architektur – funktional wie gestalterisch.

Bautafel

Architektur: fala (Filipe Magalhães, Ana Luisa Soares, Ahmed Belkhodja, Lera Samovich, Joana Sendas, João Carlos Lopes), Porto
Projektbeteiligte: fala (Entwurf und Planung); mp+pp (Engineering); Calipa (Bauausführung)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2023
Standort: Matosinhos, Portugal
Bildnachweis: fala, Francisco Ascensão, Giulietta Margot, Lera Samovich (Fotos); fala (Pläne)

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Senkrechtmarkisen zur großflächigen Verschattung einer Fensterfront

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Die Wirksamkeit des Sonnenschutzes ist bei einer vor der Fassade angebrachten Lamellenkonstruktion etwa sieben- bis zehnmal günstiger, als bei einer innen liegenden Jalousie.

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Grundlagen

Sonnenschutz und Überhitzung

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