House of Energy in Luzern
Photovoltaik-Kunst am Bau
Das Verkehrshaus der Schweiz ist das größte Museum für Verkehrs- und Kommunikationsgeschichte des Landes. In der Stadt Luzern gelegen, bietet es eine Vielzahl von Ausstellungen und Exponaten, darunter historische Fahrzeuge und interaktive Simulatoren, sowie ein Planetarium und ein Filmtheater. Als Museum mit Bildungs- und Forschungseinrichtung widmet sich das Verkehrshaus dem technischen Erbe der Schweiz und fördert das Verständnis für Verkehrstechnologien. Mit dem House of Energy hat das Zürcher Architekturbüro Gigon/Guyer den Museumskomplex erweitert. Dieses Mehrzweckgebäude integriert das Thema Energie auf vielfältige Weise, am sichtbarsten in der Fassade: Hier gehen Photovoltaikmodule und Sonnenschutzelemente eine kunstvoll inszenierte Symbiose ein.
Multifunktional und polygonal
Malerisch am Ufer des Vierwaldstättersees gelegen, ist das Museum durch den nahen S-Bahnhof gut angebunden. Seit seiner Eröffnung 1959 wird das Verkehrshaus dank hoher Besucherzahlen stetig erweitert. Heute gruppieren sich auf dem keilförmigen Grundstück zehn Ausstellungs-, Veranstaltungs-, Gastronomie und Verwaltungsgebäude um einen zentralen Platz, der sogenannten Arena. Drei der jüngeren Bauten realisierte das Büro Gigon/Guyer, darunter das Eingangsgebäude mit zwei Restaurants, die Halle für Individual- und Straßenverkehr und das neue Mehrzweckgebäude. Das House of Energy ersetzt die ehemalige Schienenhalle 1 – ein Bauwerk, das in der Entstehungszeit des Museums Ende der 1950er-Jahre nach Plänen des Architekten Otto Dreyer errichtet wurde. Die multifunktional ausgelegte Nutzung soll das Kulturangebot des Verkehrshauses zukunftsorientiert erweitern.
Während sich die Grundrissform am Straßenverlauf sowie an den rückstaffelnden Hoffassaden der angrenzenden Schienenhallen 1 und 2 orientiert, bezieht sich der Neubau in der Höhe auf das benachbarte Filmtheater. Vom zylindrischen Baukörper des Kinobestandsgebäudes weicht der Neubau konkav zurück und bildet eine sichelförmige Hofsituation, die der Logistik und Belichtung dient. Der polygonale Baukörper ist unterkellert und verzeichnet auf fünf Ebenen eine Geschossfläche von 7.985 Quadratmetern. Die metallisch bedeckte Fassade hat bandartige Fenster in den oberen Geschossen, während Erd- und erstes Obergeschoss teilweise großflächig verglast sind. Dennoch entsteht durch die umlaufend verbauten, perforierten Blechpaneele ein geschlossener Eindruck. An der nördlich gelegenen Haldenstraße schafft die auskragende Fassade einen regengeschützten Eingangs- und Außenbereich.
Konstruktion und Energie
Im Erdgeschoss befindet sich die große Ausstellungshalle. Sie ist bis zu 30 Meter breit und zwei Geschosse hoch. Sie soll Platz bieten für wechselnde Ausstellungen und weiterhin einen Teil der Schienenfahrzeuge beherbergen. Um die notwendige Spannweite der Hallendecke stützenfrei zu erreichen, wurde das Tragwerk des gesamten Gebäudes als Stahlbetonskelett konstruiert. Der westliche Teil des Erdgeschosses fungiert als weiterer Eingangsbereich des Museumskomplexes, der zwischen der Arena und dem S-Bahnhof an der Haldenstraße vermittelt. Außerdem befinden sich hier ein Museumsshop sowie Zugänge zu den oberen Geschossen. Die Räumlichkeiten des ersten Obergeschosses sind ausschließlich auf der Westseite des Gebäudes angeordnet. Sie dienen als Erweiterung des bestehenden Kongressbereichs und beherbergen drei neue Konferenzsäle, die einen direkten Blick in den großen Ausstellungsraum ermöglichen.
Die oberen drei Geschosse sind für Büronutzungen vorgesehen, die sich um einen zentralen, begrünten Innenhof oberhalb der Ausstellungshalle gruppieren. Hauptsächlich dienen sie der Administration des Verkehrshauses und verbundenen Organisationen. Zwei Versorgungskerne mit Treppenhaus und Fahrstühlen bedienen die Geschosse, wobei der Westliche zusätzlich die Sanitärräume aufnimmt. Das Kellergeschoss des Neubaus beherbergt eine Energiezentrale mit einer Wärmepumpenheizung, die Seewasser als Energiequelle nutzt, um künftig das gesamte und heute bereits einen Großteil des Verkehrshaus-Areals zu beheizen. Die Deckenplatten in den oberen Bürogeschossen integrieren ein thermoaktives Bauteilsystem (TABS), das Heizschlangen und akustisch wirksame Stabelemente enthält. Das energetisch sparsame System ermöglicht eine effiziente Raumheizung und -kühlung durch die Deckenkonstruktion und wirkt sich somit positiv auf das Raumklima aus. Zusätzlich unterstützen Dämmstärken von bis zu 30 cm und eine vergleichsweise gering bemessene Fensterfläche die Eindämmung des Energieverbrauchs.
Sonnenschutz: Effizienz und Ästhetik
Die Fassade des House of Energy vereint mehrere Funktionen, die
sowohl dem energetischen, als auch dem ästhetischen Anspruch der
Architektur entsprechen sollen. Neben der Wärme- und Schalldämmung,
integriert die Fassade Sonnenschutz und Energiegewinnung. Die
äußere Beschichtung besteht in den oberen Geschossen aus dünnen,
genormten Metallkassetten, wie sie im Industriebau häufig als
Unterkonstruktion verwendet werden. Oberhalb der Fensterbänder
fungieren die perforierten Fassadenbleche als Brise-Soleils. Die
halbtransparenten Elemente filtern den Sonneneintrag und
ermöglichen Ausblicke. Zusätzlich zu diesem feststehenden
Sonnenschutz sind alle Fenster mit außen liegenden, motorisierten
Zip-Vertikalmarkisen ausgestattet. Durch die Verschattungselemente
an den Fensteröffnungen wird das Eindringen von direkter Sonnenstrahlung und damit das Aufheizen der
Innenräume verhindert. Das trägt erheblich zur passiven
Gebäudekühlung bei und spart in den Sommermonaten viel
Kühlungsenergie.
Ein buchstäblicher Kunstgriff ist dem Planungsteam bei der
Integration von fassadengebundenen PV-Modulen gelungen. Nach wie
vor treffen die monokristallinen Module bei Vielen aufgrund ihrer
technoiden Ästhetik auf Ablehnung. Gigon/Guyer arbeiteten darum in
Luzern mit Urs Beat Roth zusammen. Der Künstler und
Geometrieingenieur war maßgeblich an der Entwicklung des Designs
und der Anordnung der Photovoltaik-Elemente beteiligt. Die
Herausforderung bestand darin, eine Lösung zu finden, die sowohl
effizient in der Energieproduktion, als auch visuell ansprechend
ist.
Die PV-Elemente wurden entsprechend der Ausrichtungen der
Fassaden unterschiedlich dicht verteilt. Als Tragstruktur dienen
dabei die perforierten Fassadenelemente. Die gezielte Platzierung
optimiert nicht nur die Sonnenlichtausbeute und damit die
Energieeffizienz, sondern berücksichtigt auch ästhetische Aspekte.
Roth arrangierte die Module in Gruppen von acht Elementen mit je
einer Lücke, was ein wiederkehrendes visuelles Muster erzeugt.
Dieses Muster überlagert sich mit der Gliederung der Fensterbänder
und dem Raster der Metallkassetten. Im Ergebnis entstand ein
variierendes Zusammenspiel von Formen, Texturen und
Materialien.
Die beschriebenen Maßnahmen haben dazu geführt, dass der Neubau mit dem Minergie-P-Standard zertifiziert wurde, einem Schweizer Qualitätslabel für neue und modernisierte Gebäude, das besonders niedrige Energieverbräuche fordert. -sr
Bautafel
Architektur: Annette Gigon / Mike Guyer Architekten, Zürich
Projektbeteiligte: Schubiger Bauingenieure, Luzern (Tragwerksplanung); Rood Metallbauplanung, Stans (Fassadenplanung); Urs Beat Roth, Zürich (Künstler / Geometrieingenieur: Anordnung der PV-Elemente); Scherler, Luzern (Elektro); Markus Stolz + Partner, Luzern (Haustechnik); RSP Bauphysik, Luzern (Bauphysik); GRP Ingenieure, Rotkreuz (Brandschutz)
Bauherr: Verkehrshaus der Schweiz, Luzern
Standort: Haldenstrasse 44, 6006 Luzern, Schweiz
Fertigstellung: 2023
Bildnachweis: Annette Gigon / Mike Guyer Architekten, Zürich (Pläne); Seraia Wirz, Zürich (Fotos)
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