Hölzel-Haus in Stuttgart

Copy-Paste-Erweiterung einer Künstlervilla

Er war ein Wegbereiter der Moderne und malte deutlich vor Kandinsky schon abstrakt. Nicht von Cézanne, sondern von Adolf Hölzel ist hier die Rede. Im selben Jahr wie Van Gogh geboren, hatte der deutsche Maler die Münchner und die Wiener Secession mitgegründet und später unter anderem Willi Baumeister, Johannes Itten, Emil Nolde und Oskar Schlemmer beeinflusst. Sein einstiges Wohn- und Atelierhaus kann seit 2022 wieder betreten werden, saniert und umgebaut nach Plänen des Stuttgarter Teams von THE BAUKUNST DYNAMITES, das das Projekt Doppelgänger Reloaded taufte.

Der Anbau entstand nach einem Coply-Paste-Prinzip.
Das Luftbild vor der Erweiterung zeigt das beengte Grundstück.
Im aktuellen Luftbild ist die gräuliche, L-förmige Erweiterung gut zu erkennen.

1905 bis 1934 lebte Hölzel in Stuttgart, ab 1919 in einem villenartigen Haus in der Ahornstrasse in Degerloch, das bald zu einem Treffpunkt der Avantgarde und zum Zentrum des „Hölzel-Kreises“ wurde. 2005, hundert Jahre nach Hölzels Ruf an die Stuttgarter Akademie, gründete Doris Dieckmann-Hölzel, die Enkelin des Malers, die Adolf Hölzel Stiftung. Diese hat unter anderem das Ziel das künstlerische Werk, über das sie seit dem Tod der Enkelin 2010 verfügt, zu erhalten und aufzuarbeiten. Lesungen, Vorträge, Ausstellungen und Führungen sollen es einem breiteren Publikum zugänglich machen. Das Bestandsgebäude von 1905 wurde dazu behutsam saniert und um einen Anbau ergänzt, in dem eine Kunstschule Platz findet.

Weiterbauen im Villenviertel

Der in einem wohlhabenden Wohnviertel gelegene, kompakte Baukörper befindet sich auf einem Eckgrundstück, mit je einer Straße im Nordosten und im Südosten. Er erhielt eine ungewöhnliche, rückwärtige Erweiterung: Teile von Dach und Fassade – einschließlich der Fenster, Klappläden, Gauben und der Biberschwanz-Deckung – wurden nachgebildet. Sie umgeben ein Geschoss nach unten sowie gut zweieinhalb Meter nach Westen versetzt die Bestandsfassade. Auf diese Weise schöpften die Architektinnen die baurechtlichen Möglichkeiten des Grundstücks aus.

Durch den L-förmigen Anbau entstanden zum Teil komplexe Raumgeometrien. Besonders augenfällig sind sie in der bis unter das Dach reichenden Kunstschule im Südteil der Erweiterung. Im Westen hat eine neue Kunstschule zwei Geschosse bezogen. Im Hochparterre des Bestands befinden sich die Räume der Stiftung, in der Mansarde ein Ausstellungsbereich mit Werksammlung, Bibliothek und Originalmöbeln. Ganz oben, unter dem Dach, wurde eine kleine Atelierwohnung für Stipendiat*innen hergerichtet. Über das erweiterte Sockelgeschoss und einen neuen Aufzug konnte ein barrierefreier Zugang zum Haus geschaffen werden.

Entfärbter Doppelgänger

Beim Weiterbauen wurde Wert daraufgelegt, die Oberflächenstrukturen der Originalmaterialien beizubehalten oder detailreich nachzuempfinden: durch Betonbiberplatten statt Tonziegel, verzinktes Stahlblech statt Kupfer, durchgefärbten Putz an Bestand und Anbau sowie neue Holzfenster nach dem Vorbild der sanierten Bestandsfenster.

Hervorgehoben wird der Anbau außerdem farblich: Die rötlichen Ziegel und gelben Wandflächen des Bestands sind beim Doppelgänger in Weiß und Lichtgrau gefasst. Es entsteht der Eindruck, als hätte sich das Haus verdoppelt – als sei eine gebleichte Kopie aus dem Original herausgewachsen und würde zugleich aber in weiten Teilen noch im Bestandsbau stecken. Dieses Aus-Sich-Heraustreten und „Abfärben“ soll Assoziationen zur Wirksamkeit des Künstlers auf sein Umfeld wecken.

Von der Außen- zur Innenfassade

Im Grunde sind der Anbau und Bestand konstruktiv sehr ähnlich. Der Bestand ist ein ausgemauertes Fachwerk, der Anbau wurde in Holzrahmenbauweise als freitragende Hülle vor den Bestand gestellt. Dadurch sind die ursprünglichen Fassaden im Nord- und Südwesten weitgehend zu Innenwänden geworden. Die Regenrinne wurde im Innenraum weggelassen, der Sockelbereich hingegen ist genauso strukturiert wie beim Bestand. Geblieben sind auch viele der anderen Fassadenelemente wie Biberschwanzdeckung und Dachüberstand, Fenster und Drehläden. 

Das farbige Original und die farblose Kopie treten vielfach miteinander in Beziehung: An den Türschwellen treffen die schwarz-weiß gesprenkelte Terrazzofliesen der Erweiterung auf die beige-braun gesprenkelten des Altbaus. An den Wandoberflächen des Anbaus zeigen Vorsprünge an, wo die Innenwände des Bestands anschließen würden. Von einem vormaligen Erker des Bestandsgebäudes kann in die angebauten Räume der Kunstschule geblickt werden.

Bautafel

Architektur (Umbau & Erweiterung): THE BAUKUNST DYNAMITES, Stuttgart
Projektbeteiligte: Furche Geiger Zimmermann Tragwerksplaner, Köngen (Tragwerksplaner); Brandschutzpartner, Dipl.-Ing. Birgit Czipf, Esslingen (Brandschutz); CAPE – climate architecture physics energy, Schwäbisch Hall (Bauphysik); NECKER – Heizung-Sanitär-Flaschnerei, Walddorfhäslach (TGA-Planung); Trinewa – Elektro- und Gebäudetechnik, Walddorfhäslach (Elektroplanung); Landeshauptstadt Stuttgart, Aktion Mensch, Péter Horváth-Stiftung, Südwestbank, Förderverein Hölzel-Haus (Finanzierung)
Bauherrin: Adolf Hölzel Stiftung
Standort: Ahornstrasse 22, 70597 Stuttgart-Degerloch
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Philip Kottlorz, Stuttgart (Fotos); THE BAUKUNST DYNAMITES, Stuttgart (Pläne und Grafiken)

Fachwissen zum Thema

Tragwerksraster, Ausbauraster und Fassadenraster können anhand der Außenwände erkennbar sein und so einen Eindruck vom Inneren des Gebäudes vermitteln.

Tragwerksraster, Ausbauraster und Fassadenraster können anhand der Außenwände erkennbar sein und so einen Eindruck vom Inneren des Gebäudes vermitteln.

Fassadenarten

Außenwände

Polychromes, ornamentiertes Renaissance-Fachwerk

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Grundlagen

Farbe in der Architektur

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