Hochhaus in der Rue Saint-Jacques in Montréal

Gewebte Hülle aus Beton

Im Zentrum von Montréal bilden die Trassen des Hauptbahnhofs und der Ville-Marie-Autobahnring ein raues städtisches Geflecht. Die Architekturbüros Chevalier Morales und Le Groupe Architex reagierten auf diese Situation mit einem 200 Meter hohen Turm, der Wohnen, Hotelnutzung und gemeinschaftliche Infrastruktur auf kompakter Grundfläche bündelt. Aus einem schwer zugänglichen Restgrundstück wird so ein vertikales Viertel am Übergang zwischen Stadtzentrum und Mobilitätsknoten – und Zuwachs für die Stadtsilhouette.

Aus dem dicht bebauten Stadtzentrum heraus erscheint der Turm als vertikaler Orientierungspunkt.
Zwischen Place du Canada, Bestandsbauten und neuer Skyline tritt die helle Betonhülle hervor.
Vom Straßenraum aus zeigt sich der Wohnturm als schlanker Baukörper über einem mehrgeschossigen Sockel.

Mit 63 Geschossen schöpft der Neubau die in Montréal zulässige Bauhöhe nahezu vollständig aus. Über vier unterirdischen Ebenen und einem zwölfgeschossigen Sockel mit Hotel folgen 48 Wohngeschosse mit rund 700 Mietwohnungen. Das Spektrum reicht von kompakten Einheiten bis zu größeren Wohnungen für Familien. 

Diese Funktionsbereiche sind auch an der Fassadenschichtung ablesbar: eine verglaste Basis, großformatig gerasterte Hotelgeschosse, eine halbtransparente Fuge, darüber die schlanken, feingliedrigen Wohngeschosse und schließlich eine offene Krone. Während der Schaft durch ein Netz aus Betonfertigteilen gefasst wird, öffnet sich die Basis deutlich stärker zum Stadtraum. Hier sind Lobby, Gastronomie und gemeinschaftliche Bereiche sichtbar. Ein Garten, eine Restaurantterrasse und die Anbindung an die Fahrradinfrastruktur sollen die bisher von Verkehr geprägte Umgebung stärker mit dem Fußgänger- und Radverkehr verknüpfen.

Die gemeinschaftlichen Nutzungen setzen sich in der Höhe fort. Hotel- und Wohngeschosse trennt eine hohe Fuge mit begrünten Terrassen, weiter oben ergänzen Co-Working-Bereiche, Gemeinschaftsküche, Aufenthaltsräume und Sportflächen das Wohnangebot. Den oberen Abschluss bilden säulenartig gestreckte Betonstützen, hinter denen sich die Gebäudetechnik und ein Dachgarten verbergen. Der spektakuläre Ausblick auf den Mont Royal und die Skyline von Montréal bleibt dadurch nicht einzelnen Penthouse-Wohnungen vorbehalten, sondern wird als gemeinschaftlicher Ort in das Gebäude integriert. Der Turm ist damit als vertikales Quartier angelegt, das unterschiedliche Lebens- und Nutzungsformen auf engem Grund stapelt.

Das Tragwerk besteht aus Stahlbeton und reagiert auf die besondere Lage zwischen Bahntrassen, Schnellstraße und Hochhausumfeld. Betonkern und massive Deckenplatten steifen den Turm aus und nehmen Windlasten auf und unterstützen den Schallschutz.

Betonfassade als städtisches Gedächtnis

Die Funktionen sind auch an der klaren Schichtung der Fassade ablesbar: ein transparentes Erdgeschoss, großformatig gerasterte Hotelfassaden, eine Fuge für die Dachterrasse und darüber die schlanken, feingliedrigen Wohngeschosse. Als Abschluss dient schließlich eine Säulenkrone, hinter der sich Dachgarten und Gebäudetechnik verbergen. Prägendes Element sind die vorgefertigten Betonelemente. In einer Skyline, die vielerorts von gläsernen Hochhäusern bestimmt wird, knüpfen Chevalier Morales damit eher an die historistischen Steinfassaden der Altstadt an. Inspiration boten außerdem der spätmoderne Wolkenkratzer Place Ville-Marie, das neoklassizistische Sun Life Building und die skulpturalen Betonbauten des Olympiaparks.

So entstand ein Fassadenrelief, das dem Hochhaus Tiefe, Maßstab und lokale Verankerung gibt. Die Betonelemente legen sich wie ein dichtes Gewebe um den Turm. Aus der Ferne wirkt die Fassade ruhig und beinahe monolithisch, aus der Nähe tritt ihre reliefartige Struktur hervor. Die einzelnen Betonrahmen setzen sich zu einem Raster zusammen, das durch Vor- und Rücksprünge, Schattenfugen und geneigte Linien in Bewegung gerät. Je nach Sonnenstand verändert sich die Oberfläche: Mal wirkt sie grafisch und streng, mal weich modelliert, fast textil. Der sehr präsente Beton wirkt dabei überraschend leicht.

Für die Hülle wurden 1.806 der skulpturalen Betonfertigteile hergestellt. Der kanadische Fertigteilhersteller BPDL entwickelte sie in enger Abstimmung mit den entwerfenden und ausführenden Architekt*innen. Entscheidend war dabei, trotz der für die industrielle Herstellung günstigen Serialität eine starre, monotone Wirkung zu vermeiden. 

Daher sind die Stirnseiten der vertikalen Glieder unterschiedlich geneigt, die horizontalen teils zurückgesetzt. Scheinfugen und Sonderformen für offene Ecken kaschieren außerdem die tatsächlichen Bauteilgrenzen. Linien und Profilierungen laufen über einzelne Elemente hinweg, sodass die Fassade als zusammenhängender Mantel lesbar ist. Ein wichtiger Schritt war die Vormontage der 3.767 Fenster. Sie wurden bereits im Werk in die ausgehärteten Betonrahmen eingesetzt und abgedichtet. Das reduzierte Arbeitsschritte auf der engen innerstädtischen Baustelle und erhöhte zugleich die Präzision der Anschlüsse.

Zwischen Schwere und Durchlässigkeit

Die mineralische Hülle übernimmt mehrere Aufgaben zugleich. Sie gibt dem Hochhaus eine unverwechselbare Fernwirkung, gliedert seine große Höhe und schützt die Innenräume vor den klimatischen Bedingungen Montréals. Das Verhältnis von geschlossenen Betonflächen und Fensteröffnungen ist sorgfältig austariert. Der höhere Anteil geschlossener Wandflächen kann Wärmeverluste im Winter reduzieren und sommerlichen Wärmeeintrag begrenzen. Die Betonfertigteile bringen zudem thermische Masse in die Gebäudehülle und tragen zur robusten, langlebigen Erscheinung bei. 

Trotz dieser Schwere wirkt der Turm nicht abweisend. Dafür sorgen die feine Modellierung der Elemente, die gezielt gesetzten Einschnitte und die helle Betonfarbe. An gemeinschaftlichen Bereichen wird das Raster durch größere Glasflächen geöffnet. Dort erscheinen Terrassen, Aufenthaltsräume und gemeinschaftlich genutzte Zonen als transparente Einschlüsse im massiven Mantel. Das soziale Leben im Gebäude wird damit stellenweise nach außen sichtbar, ohne die klare Fassadenordnung aufzulösen.

Bautafel

Architektur: Chevalier Morales, Montréal, in enger Zusammenarbeit mit Brian Elsden Burrows vom Architekturbüro Le Groupe Architex
Projektbeteiligte: NCK (Tragwerksplanung); BPA (technische Gebäudeausrüstung); DesignAgency sowie Hager Design International Inc. (Innenarchitektur & Hospitality Design); BPDL – Bétons Préfabriqués du Lac (Fassadenbau & Betonfertigteile)
Bauherr*in: Rimap Development
Fertigstellung: 2026 
Standort: 900 rue Saint-Jacques, Montréal, Québec, Kanada
Bildnachweis: Maxime Brouillet (Fotos); Chevalier Morales (Pläne)

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