Haus aus Häusern am Kirchplatz Beelen

Aufstockung eines Wohnhauses

Seit seiner Gründung im Jahr 1965 ist das Architekturbüro Spiekermann im westfälischen Beelen ansässig – einer Gemeinde mit rund 6.000 Einwohner*innen und stark landwirtschaftlich geprägter Struktur. Entsprechend eng ist das Büro mit dem Ort verbunden, was sich in seinen Projekten widerspiegelt. Mit der Umgestaltung eines Einfamilienhauses am historischen Kirchplatz hat Architekt Oliver Spiekermann gezeigt, wie sich bestehende Bausubstanz behutsam weiterentwickeln lässt, ohne dabei den Charakter des Ortskerns aus dem Blick zu verlieren.

Die drei Aufbauten sind als einzelne „Häuschen“ gestaltet mit geneigten Satteldächern, die sich in der Höhe und Position zueinander unterscheiden.
Da die Auskragungen hohe Lasten mit sich bringen, ist die Aufstockung in Hybridbauweise aus Kalksandsteinen in Kombination mit Holz errichtet.
Der erhaltene Sockel wurde mit handgebrochenen Ziegeln im Format Cassia Rot des Tonbaustoffherstellers wienerberger verkleidet.

Aus dem Bestand heraus

Anstatt den Bestandsbau vollständig abzureißen, wurde der Gebäudesockel mit Unterkellerung erhalten und durch drei kompakte, aufgesetzte Baukörper ergänzt. Diese erscheinen wie eigenständige Häuschen mit geneigten Satteldächern, die sich in der Höhe und Position zueinander unterscheiden. Mal springen sie leicht vor, mal zurück. Die versetzte Anordnung verleiht dem Volumen eine kleinteilige Gliederung, die sich harmonisch in die dörfliche Umgebung einfügt. Gleichzeitig soll die Komposition an typische westfälische Bauernhöfe mit ihren verstreuten Nebengebäuden erinnern.

 

Regionale Identität mit neuer Fassade

Der gestalterische Bezug zur regionalen Bautypologie zeigt sich auch in der Materialwahl: Der erhaltene Sockel wurde mit handgebrochenen Ziegeln im Format Cassia Rot des Tonbaustoffherstellers wienerberger verkleidet. Die rottonigen Klinker, gefertigt in einem belgischen Werk und dank Sollbruchstellen direkt auf der Baustelle gebrochen, besitzen eine rustikale, unregelmäßige Oberfläche. Diese erinnert an das historische Bruchsteinmauerwerk der ehemaligen Kirche, deren Überreste – ein altes Kreuz und Mauerfragmente – noch heute den Kirchplatz prägen.

 

Die neuen Aufbauten setzen sich durch ihre helle, moderne Hülle ab. Verkleidet mit vertikal montierten, schmalen Zementspanplatten aus einer Holz-Beton-Mischung, wirken sie schlicht und leicht. Die Paneele ziehen sich bis ins Innere hinein und bilden im Treppenhaus eine gestalterische Kontinuität. Hier öffnet ein großzügiges Panoramafenster den Blick auf den Kirchplatz und verleiht dem Erschließungsbereich Aufenthaltsqualität.

 

Wandelbar und zukunftsfähig

Heute wird das Gebäude nicht mehr als Einfamilienhaus genutzt, sondern in eine Erdgeschosswohnung und ein Maklerbüro im Obergeschoss unterteilt. Die Struktur der Aufstockung erlaubt es jedoch, die Einheiten bei Bedarf neu zu organisieren: Die drei Baukörper lassen sich durch Türen miteinander verbinden oder voneinander trennen – sogar eine zusätzliche Wohneinheit wäre denkbar. Die Flexibilität ermöglicht eine langfristige Anpassung an sich wandelnde Lebenssituationen.

 

Licht, Luft und Höhe prägen die Innenräume. Während Küche und Essbereich im Sockelgeschoss auf drei Meter Raumhöhe kommen, öffnen sich die Wohnbereiche bis zu sieben Meter hoch unter das Dach. In einzelnen Bereichen – etwa bei Kinder- oder Jugendzimmern – wurde mit Zwischendecken und Podesten gearbeitet, sodass mehrere Ebenen entstehen. So entstehen räumlich differenzierte Zonen, die an die Struktur traditioneller Tennen oder Ställe erinnern sollen.

 

Bauen im Kontext

Mit der Aufstockung in Hybridbauweise aus Kalksandstein und Holz ermöglichten den Planenden einen zuverlässigen Lastenabtrag der Auskragungen und zugleich einen hohen Schallschutz  – eine wichtige Voraussetzung für die potenzielle Umnutzung in mehrere Wohneinheiten. Weil der Baugrund nur wenig Platz für Maschinen und Materiallager bot, wurde mit einem nahegelegenen Kalksandsteinwerk kooperiert, das die Steine bedarfsgerecht anlieferte.

Mit dem Haus aus Häusern ist es dem Architekturbüro Spiekermann gelungen, Vergangenheit und Zukunft in einem einzigen Bauwerk zu vereinen. Die Gestaltung und Materialwahl verwurzelt das Projekt im Ort und macht es doch offen für Wandel.

Bautafel

Architektur: Architekten Spiekermann, Beelen
Projektbeteiligte: Beckhoff Elektro, Verl (Elektroinstallationen); Andre Bernsmann Fliesenleger, Warendorf (Fliesen, Platten); Abrams, Warendorf (Gerüstbau); Heinrich Elkmann, Beelen (Heizung, Klima, Lüftung); Koch, Beelen (Tiefbau); Gartengestaltung Kampelmann, Warendorf (Garten- und Landschaftsbau); Otto Aman, Beelen (Estrich, Bodenbeschichtungen); Metallbau Hubert Blienert, Beelen (Metall- und Stahlbau); AMROC Baustoffe, Magdeburg (Fassade); KS Original, Hannover (Kalksandsteinhersteller); wienerberger, Hannover (Fassade; Produkt: Terca Cassia Rot)
Bauherr/in: Privat
Fertigstellung: 2021
Standort: Kirchplatz 7, 48361 Beelen, Deutschland
Bildnachweis: Frank Vinken, Düsseldorf

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