Haus auf den Magdalenen-Inseln
Archetypische Form im Schindelkleid
Eine moderne Interpretation ortstypischer Bauweisen, die sich durch Schlichtheit, Beständigkeit und ein feines Gespür für den Ort ausdrückt – so bezeichnet Atelier L‘Abri aus Montreal ein Wohnhaus, das es für eine Familie auf den kanadischen Magdalenen-Inseln errichtet hat. Es ist nicht das erste Mal, dass die Architekt*innen zu archetypischen Formen und einem Schindelkleid greifen. Es sind jedoch die gewissen Feinheiten, die dieses Projekt nicht beliebig verortet sein lassen.
Die Îles de la Madeleine, wie sie offiziell heißen, gehören zur Provinz Québec und sind somit mehrheitlich von französischsprachigen Kanadier*innen besiedelt. Das Archipel liegt inmitten des Sankt-Lorenz-Golfs, dort, wo der drittgrößte Strom Nordamerikas in den Atlantik mündet. Die Île du Havre Aubert ist eine von neun Hauptinseln und bildet den südlichen Abschluss der langen, schmalen Inselkette. Wie Streusel verteilen sich die Häuser entlang der – mal steiler, mal flacher – abfallenden Küste. Das Wegenetz, die Ausrichtung der Gebäude und deren weite Streuung scheinen noch recht willkürlich und fern einer urbanistischen Grundlage zu sein, wodurch sie sich aber wie natürlich einbetten.
Rücksicht auf die fragile Umgebung
Denn trotzdem wirken die Siedlungsspuren nicht wie Fremdkörper
inmitten der wilden Küsten- und kargen Dünenlandschaft. Auf diese
Prämisse legten die Planer*innen des Wohnhauses besonderen Wert.
Das Bauwerk liegt auf einem bewohnten Plateau etwas abgerückt von
der Uferkante, um so den externen Einflüssen wie Erosion, Wind und
Wellen sowie dem fragilen ökologischen Lebensraum ihren Platz zu
gewähren. Um möglichst wenig in den Untergrund einzugreifen, also
um den Aushub und den Betonbedarf gering zu halten, ist das Gebäude
am Rand des Plateaus positioniert. Teile des Hauses sowie die
Terrasse ragen über das zunehmend abfallende Gelände hinaus und
fußen dort lediglich auf Holzpfählen.
Der Wohnraum öffnet sich nicht nur zur Terrasse und damit zur spektakulären Landschaft nach Westen, sondern auch in einen Luftraum bis unter das Dach. Zwei Schlafräume befinden sich ebenfalls im Erdgeschoss auf der Nord- und Ostseite. Im Kern gruppieren sich dazu noch die Bäder, die Küche, ein Hauswirtschaftsraum und eine gerade Treppe. Diese führt in das Obergeschoss, das ein großes Schlafzimmer, ein Bad und ein Arbeitszimmer beherbergt. Über eine kleine Galerie lässt sich aus dem oberen Flur in das Wohnzimmer und die fernere Umgebung blicken.
Ein Magdalenen-Haus in zeitgenössischer Adaption
Der architektonische Ausdruck lehnt laut Planenden an die lokale Bautradition, an die sogenannten Magdalenen-Häuser an. Diese kamen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als Adaption der früher durch die Akadier – Nachkommen französischer Siedler – errichteten Häuser auf. Das Magdalenen-Haus zeichne sich durch einfache Formen und Gestaltungsprinzipien aus. Zu den Charakteristiken, die auch dem jungen Entwurf von Atelier L’Abri zugrunde liegen, gehören das Satteldach, eine einfache Giebelform, eine kompakte Raumaufteilung auf 1,5 Geschossen sowie die Verwendung von Materialien, die gegen Wind und salzhaltige Luft beständig sind. Seit jeher zählen dazu auch Gebäudehüllen aus Zedernschindeln, die dem rauen maritimen Klima standhalten.
Materialien, die farblich mit der Umgebung verschmelzen
Dach und Fassade des Neubaus greifen ebendieses bauliche Erbe
auf. Sowohl die Außenwände als auch die Dachflächen sind bei der
Neuinterpretation des Magdalenen-Hauses mit Zedernschindeln
bekleidet. Diese sollen bewusst im Lauf der Zeit verwittern und so
den typischen silbergrauen Farbton annehmen, wodurch immer mehr die
gebaute mit der natürlichen Umgebung verschwimmt.
Terrasse und Pfahlkonstruktion sind aus Kanadischer Hemlocktanne gefertigt, die ebenfalls besonders robust gegenüber klimatischen Einflüssen ist. Die Absturzsicherung an der Terrasse ist mit einem Edelstahlnetz in Marinequalität bespannt. Innen bekleidet vorwiegend Kiefernholz die Raumhülle, die zusammen mit regional gewonnenen Natursteinoberflächen eine helle, homogene Umgebung erzeugen. Die Leuchten stammen aus Québec, die maßgeschneiderten Einbauten aus Holz fertigte ein Tischler von der benachbarten Insel an und die Kunstwerke sind ebenfalls lokaler Herkunft. Insgesamt legten die Architekten Wert darauf, das Projekt in Zusammenarbeit mit örtlichen Bauunternehmern und Handwerkern zu realisieren, um auch auf bauliche Lösungen zurückzugreifen, die dem Standort gerecht werden.
Bautafel
Architekten: Atelier L'Abri, Montréal
Projektbeteiligte: Renaud Vigneau (lokaler Bauunternehmer), Stefania Praf, Vincent Pasquier, Nicolas Lapierre, Francis Martel-Labrecque (Projektteam)
Bauherr: privat
Standort: Havre-Aubert, Québec G4T 9G7, Kanada
Fertigstellung: 2024
Bildnachweis: Alex Lesage, Nicolas Lapierre (Fotos), Atelier L'Abri (Pläne)
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