Hannah Arendt House in Lille

Sonnenschutz durch Lochmauerwerk

Licht fällt gefiltert durch die Fassade, Schatten tanzen auf den Wänden dahinter. Was wie ein ornamentales Spiel wirkt, erfüllt eine präzise Funktion: Es schützt vor Sonne, schafft Privatsphäre und strukturiert zugleich den Baukörper. In Lille hat das französische Büro Coldefy das Hannah Arendt House realisiert. Der soziale Wohnungsbau liegt im Quartier Rives de la Haute-Deûle, direkt am Fluss. 43 geförderte Wohnungen verteilen sich auf ein sehr geometrische wirkendes Gebäude, das durch Betonraster und Ziegelmauerwerk mit durchbrochener Struktur geprägt ist.

43 geförderte Wohnungen verteilen sich auf ein sehr geometrische wirkendes Gebäude, das durch Betonraster und Ziegelmauerwerk mit durchbrochener Struktur geprägt ist.
Das Hannah Arendt House liegt an der Schnittstelle von städtischem Park und Flusslandschaft – eingebettet zwischen der Grande Pelouse des Technologieparks EuraTechnologies und dem Quai Hegel.
Die Baustruktur orientiert sich am Maßstab der Nachbarschaft, öffnet sich jedoch durch ihre klare Gliederung und die konsequente Ausrichtung zur Deûle.

Urbane Dichte und landschaftliche Weite

Das Hannah Arendt House liegt an der Schnittstelle von städtischem Park und Flusslandschaft – eingebettet zwischen der Grande Pelouse  („große Rasenfläche“) des Technologieparks EuraTechnologies und dem Quai Hegel. Die Grande Pelouse ist eine weitläufige, parkartige Grünfläche, die als landschaftlich geprägter Stadtraum konzipiert ist und dem Quartier Offenheit, Durchlüftung und Aufenthaltsqualität verleiht. Gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Uferbereich der Deûle entsteht so ein Umfeld, das urbane Dichte mit landschaftlicher Weite verbindet.

Die Baustruktur des Wohnungsbaus orientiert sich am Maßstab der Nachbarschaft, öffnet sich jedoch durch ihre klare Gliederung und die konsequente Ausrichtung zur Deûle. Eine ortstypische Materialwahl und reduzierte Formensprache verbinden das Gebäude mit der industriellen Vergangenheit des Areals, das früher von der Textilwirtschaft geprägt war.

Die Namensgebung durch die Stadt Lille spiegelt die kulturelle Verortung des Projekts wider: Der Name „Hannah Arendt House“ verweist nicht nur auf die Philosophin, sondern auch auf die unmittelbare Umgebung – der benachbarte Quai Hegel wurde ebenfalls nach einem deutschen Denker benannt.

Sonnenschutz und Fassade: ornamentale Reduktion mit klimatischer Funktion

Prägend für die Fassade ist ein regelmäßiges Raster aus vorgefertigten Betonfertigteilen, das die Gebäudestruktur gliedert und die architektonische Tektonik nach außen sichtbar macht. Innerhalb dieses Betonrahmens variieren die Füllungen je nach Nutzung und Ausrichtung: geschlossene Ziegelflächen, transparente Glasflächen oder durchlässiges „hit-and-miss“-Mauerwerk.

Letzteres übernimmt eine zentrale Rolle im Sonnenschutzkonzept. Die gezielt ausgelassenen Ziegelreihen erzeugen ein perforiertes Fassadenbild, das direkte Sonneneinstrahlung reduziert, ohne die Belichtung vollständig zu blockieren. Gleichzeitig ermöglicht es Luftzirkulation und Blickbeziehungen. Die Anmutung erinnert an traditionelle Maschrabiyyas – jedoch abstrahiert und in hellgrauem Mauerwerk ausgeführt. Die präzise gesetzten Öffnungen dienen somit nicht nur der Kühlung, sondern schaffen auch eine atmosphärische Tiefe im Übergang zwischen Innen und Außen.

Gestaltungstypologien: differenzierte Fassadenstruktur

Die Fassadenelemente sind funktional gegliedert:

  • offene oder geschützte Loggien, teils mit offenem Mauerwerk
  • großformatige Wohnraumfenster,
  • schmale Wohnraumfenster mit geschlossenem Mauerwerk für intimere Bereiche,
  • begrünte Dachgärten,
  • transparente vitrinenartige Schaufensterflächen im Erdgeschoss,
  • Offenes Ziegelmauerwerk im Bereich des Parkhauses im Erdgeschoss
Hinzu kommen semitransparente Geländerelemente aus Metallgeflecht sowie eloxierte Aluminiumrahmen an Fenstern und Türen. Diese Vielfalt erzeugt eine differenzierte Fassadenstruktur, die auf innere Funktionen ebenso wie auf klimatische Bedingungen reagiert.

Gemeinschaft und Gestaltung: Wohnen mit Ausblick

Jede Wohnung des Hannah Arendt House verfügt über einen eigenen Außenbereich, ergänzt durch zwei gemeinschaftlich nutzbare Dachterrassen mit Blick ins Grüne und zum Wasser. Sämtliche Wohnungen sind zur Flussseite orientiert, was eine natürliche Belichtung und hohe Aufenthaltsqualität begünstigt. Das Zusammenspiel von Landschaft, architektonischer Struktur und durchdachtem Fassadendetail vermittelt dabei ein Wohngefühl, das über die Erwartungen an sozialen Wohnungsbau hinausgeht. Die Verwendung des „hit-and-miss“-Ziegelmauerwerks leistet in diesem Kontext einen entscheidenden Beitrag zur Balance von Offenheit, Schutz und gestalterischer Identität.

Bautafel

Architektur: Coldefy, Lille
Bauherr*in: nicht genannt
Fertigstellung: 2025
Standort: Rives de la Haute-Deûle, Lille (Frankreich)
Bildnachweis: Gautier Deblonde (Fotos); Coldefy (Pläne)

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