Gestickte Botschaften
Das Kunstprojekt SOLANGE auf Gerüsten weltweit
Normalerweise schützen Einhausungen aus Netzen und Planen ein Baugerüst vor Witterung oder die Passantinnen vor herabfallenden Gegenständen. Dass sie zum Kunstwerk und zur Leinwand für politische und gesellschaftlich relevante Botschaften werden, ist einem mutigen und starken Kunstprojekt zu verdanken – sowie allen Bauherren und Institutionen, die im wahrsten Sinne des Wortes dahinter stehen. Die in Innsbruck lebende und teils auch in Wien praktizierende Künstlerin, Fotografin, Filmemacherin und Projektentwicklerin Katharina Cibulka initiierte das Kunstprojekt, das mittlerweile 33 Baustellen in 9 Ländern bereichert hat. In sechs Sprachen sind oder waren die SOLANGE-Sätze bislang an verschiedenen Schauplätzen weltweit zu lesen.
Die zwei- bis vierhundert Quadratmeter großen Staubschutznetze werden von Hand mit pinkem Tüll und pinken Kabelbindern bestickt. Dieser Prozess dauert zwei Wochen. Der traditionelle Kreuzstich ist nicht nur gut lesbar, sondern hat auch symbolische Aussagekraft. So wie früher die Frauen kleine Monogramme in Stoffe nähten – „zu Hause am Stickrahmen ruhig gehalten“, wie es das Kunstprojekt beschreibt – so sind bis heute noch zahlreiche „Baustellen“ der Gleichberechtigung und der Überwindung einer ungerechten Rollenverteilung vorhanden.
Der Feminismus ist aber keine Frauensache, wie es das Team rund
um Cibulka betont. Es betrifft die gesamte Gesellschaft, es bedarf
des Dialogs und es braucht Netzwerke, die sich dem Diskurs und der
Aufgabe stellen, die Ungleichheit zu überwinden. „Wir setzen auf
Sensibilität, Wortwitz und Pointiertheit“, erklärt das Kollektiv,
deren Arbeit viele Menschen nicht nur in sozialen Netzwerken
verfolgen.
Das Gerüst sei integraler Bestandteil der Installation – und
dadurch ist sie auch bewusst vergänglich. Für künftige Bauprojekte
lässt sich die Aktion außerdem buchen. Dafür braucht es einen
gewissen Vorlauf, eine Mindestgröße des Gerüstes von 10 mal 8
Metern und idealerweise eine Gerüstlaufzeit von mehreren Monaten.
Der Satz-Findung gehen dann Workshops und ein partizipativer
Prozess voraus, es werden örtliche Gemeinschaften integriert und
schließlich mit den Auftraggebenden ein Satz ausgewählt. In der
Regel dauert der Bestickungsprozess rund eine Woche.
Diese Form der Kunst im öffentlichen Raum bleibt dann auch ein Unikat, ähnlich der Street Art, die auf eindringliche Botschaften trotz ihrer Vergänglichkeit setzt. „Solange wir SOLANGE-Sätze machen müssen, sind wir Feminist:innen.“ steht auf der Projektwebsite. Es wäre schön, die Sätze irgendwann nur noch archiviert zu sehen.