Gemeinschaftsschule in Amsterdam

Bunte Solarfassade

Opsdorp ist einer der Stadtteile, mit denen Amsterdam seit Mitte des letzten Jahrhunderts in Polderlandschaft wuchs. Den für die Bauzeit typischen strukturellen Problemen begegnete man mit umfassenden Sanierungsmaßnahmen im Zentrum des Stadtteils. Dort liegt auch die Gemeinschaftsschule, in der zwei Grundschulen, eine Kindertagesstätte und ein Gesundheitsdienst unter einem Dach gefasst sind. Das teils zwei-, teils viergeschossige Schulgebäude entstand vor zwanzig Jahren nach den Plänen eines Teams rund um die Architektin Liesbeth van der Pol, spätere Gründerin und heute Partnerin bei Doc architecten. Seither stieg die Zahl der Nutzenden und damit der Raumbedarf der Schule. Den Bau im Zentrum des Viertels nutzen derzeit neben den Schulgemeinden weitere nachbarschaftliche Institutionen wie eine Kita, eine Nachmittagsbetreuung, eine Vorschule und mehrere andere Gruppen. 

Sie profitierten dabei von ihrer damals weitsichtigen Planung der Schule in Holzskelettbauweise, in der sich jetzt auf dem bestehenden Raster neue Gruppen- und Serviceräume im Atrium bauen ließen.
Die Schule hat zudem verschiedene Zugänge, die sich auf mehrere Geschosse und Gebäudeteile verteilen und den Anforderungen des Brandschutzes gerecht werden. Sie ermöglichen aber auch die Belegung des Gebäudes mit voneinander unabhängigen Nutzungen.
Die froschgrüne Bestandsfassade war veraltet, aber zugleich Teil der kollektiven Identifikation mit diesem Gemeinschaftsbau. Daher blieb man bei der Farbe Grün, als die Fassade saniert wurde.

Flexibel dank Holzskelettbauweise

Das Gebäude entstand in Holzskelettbauweise, die u-förmig ein Atrium umschließt und die sich jetzt als sehr vorausschauend geplant bewies: Sie vereinfacht die nachträgliche Erweiterung auf dem bestehenden Raster.  So ließ sich die Innenfassade des Atriums um ein Segment weiter in den Wintergarten hinein verschieben und die so gewonnene Fläche in mehrere Gruppenräume und Büros umwandeln. So entstand eine zusätzliche Fläche von insgesamt 500 Quadratmetern, verteilt auf das Erd- und das erste Obergeschoss.

Grundriss mit multipler Erschließung

Klug war auch die originäre Aufteilung und Erschließung der Flächen mit mehreren Eingängen. Die U-Form begrenzt das Areal mit drei klar definierten Seiten und jeweils einem Gebäudezugang, die eine voneinander unabhängige Nutzung der Gebäudebereiche vereinfachen. Der Clou ist aber die “offene” südöstliche Atriumseite, die zugleich Haupteingangsseite ist. An sie schließt ein geschlossener Spielhof für die kleinen Kinder an, der von zwei eingeschossigen Treppenaufgängen begrenzt wird. Darunter befinden sich im Erdgeschoss weitere Innenräume, die sich zum Hof orientieren. Die Dächer der beiden Gebäude treppen sich gen Straße ab, bilden ein Entree mit einer Gebäudefuge, die erdgeschossig zum Atrium leitet. Im Obergeschoss führen dagegen zwei Stege von den Treppen über den Hof ins Schulgebäude – sie schaffen zwei weitere, separate Zugänge und notwendige Fluchtwege. Die abgetreppten Dachseiten dienen als Begrenzung und Tribüne für einen großen Sport- und Spielplatz, der sich über die ganze Grundstücksseite zieht und für alle Kinder im Viertel frei zugänglich ist.

Bunte Solarfassade

Die Bestandsfassade war optisch und funktional veraltet und musste ausgetauscht werden. Wichtig war jedoch der Erhalt der identitätsstiftenden froschgrünen Farbe, die sich von den roten Ziegeln und dem Beton der benachbarten Gebäude absetzt. Die Idee war zudem, die große Hüllfläche und insbesondere die überwiegend unverschattete Südostseite des Gebäudes zur Energieerzeugung zu nutzen. Aus diesen zwei Aspekten entwickelte man eine grüne Solarfassade, die laut Hersteller die größte farbige PV-Fassade der Niederlande sei: Auf insgesamt 1.444 Quadratmetern Fassadenfläche fügen sich 507 Photovoltaik-Module in zwanzig unterschiedlichen Formaten zusammen. Die strukturierten Glasoberflächen der Module leuchten in unterschiedlichen Grün- und Gelbtönen und ergeben so ein buntes, farbstabiles Mosaik. 

Ergänzt werden die PV-Module durch rund 160 Quadratmeter farblich abgestimmte Glasfassadenpaneele – sogenannte Dummy-Paneele. Diese kommen in Bereichen zum Einsatz, in denen aus konstruktiven oder gestalterischen Gründen keine aktiven Solarmodule integriert werden konnten und sind entsprechend nicht mit Solarzellen ausgestattet. Die Solarpaneele hängen hinterlüftet an einer Holz-Metall-Unterkonstruktion, was einer Überhitzung der Module und damit einem Verlust des Wirkungsgrades vorbeugt. Im Fassadenzwischenraum sind zudem die Modul-Optimierer platziert – das sind kleine Bauteile hinter jedem Paneel, die den Stromertrag einzeln regeln können. Zusammen mit acht Wechselrichtern, je mit einer Leistung von 6.000 Watt, sorgen sie dafür, dass auch teilverschattete oder unterschiedlich ausgerichtete Paneele effizient arbeiten. So erzeugt die Fassade rund 67.000 kWh Strom pro Jahr und deckt damit etwa 13 Prozent des gesamten Gebäudeenergiebedarfs. 

Brandschutz mit Notaus-Automatik und Lichtbögen-Detektoren

Um den Brandschutz sicherzustellen, wurde die Anlage mit der Feuerwehr Amsterdam abgestimmt: Eine Schnellabschaltung sorgt dafür, dass die Anlage im Notfall innerhalb von Sekunden heruntergefahren wird, sodass Rettungskräfte gefahrlos arbeiten können. Zudem erkennt eine sogenannte Arc-Fault-Detection Lichtbögen, also kleine elektrische Funkenüberschläge, die an beschädigten Kabeln oder losen Kontakten entstehen können und im schlimmsten Fall einen Brand auslösen. Weil eine so große PV-Fassade auch für die an Megastrukturen gewöhnten niederländischen Behörden ein Experiment ist, ließ man die Komponenten der Fassade, die Module und Optimierer, vom niederländischen Forschungsinstitut TNO testen und freigeben. 

Bautafel

Architektur: DOK Architecten, Amsterdam
Projektbeteiligte: KernBouw, Amsterdam (Bauunternehmung), Kuijpers Installatietechniek, Helmond (PV-Installation); Solarix, Weesp (Fassadenplanung und Farbsystem); Soltech, Speyer (Produktion der Solarmodule) 
Bauherr*in: Gemeinde Amsterdam
Fertigstellung: 2024
Standort: Evertsweertplantsoen 3, 1069 RK Amsterdam, Niederlande
Bildnachweis: Laurens Kuipers, Haaksbergen


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