Forschungszentrum Hyundai in Rüsselsheim

Komplexe Anforderungen managen

Ausgerechnet neben der Adam-Opel-Straße in Rüsselsheim, dem traditionsreichen Stammsitz von Opel, weihte Hyundai 2025 ein neues Forschungszentrum ein. Geplant wurde das Gebäude von HPP Architekten, die das Projekt als Generalplaner betreuten. Es bündelt auf 32.150 Quadratmetern Entwicklung, Prüfung und Verwaltung und zeigt en passant, wie sich die Automobilbranche über die letzten Jahrzehnte verändert hat. Denn der Neubau ist Teil einer größeren Erweiterung der europäischen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten des Konzerns. In Rüsselsheim arbeitet Hyundai unter anderem an Themen wie Elektromobilität, Fahrerassistenzsystemen, Infotainment und Fahrzeugentwicklung für den europäischen Markt. Die Vorteile des Standorts liegen auf der Hand: Die verkehrsgünstige Lage sowie zahlreiche Zulieferer und Dienstleister der Automobilindustrie sind bereits vor Ort. 

Planung und Bau koordinierte das Düsseldorfer Büro HPP als Generalplaner.
Die Doppelglasfassade hat außen Prallscheiben, die vor Wind, Lärm und Hitze schützen.
In dem Gebäude sind sehr unterschiedliche Funktionen vereint: Unten liegen die Labore und Forschungswerkstätten, oben vor allem Büros.

Kurze Wege – das gilt auch für Nutzung und Grundriss. In dem Gebäude sollen Menschen und Funktionen, die im Entwicklungsprozess eng zusammenarbeiten, auch räumlich nahe beieinander liegen, statt wie häufig üblich auf verschiedene Gebäude oder Standorte verteilt zu sein. Technische Infrastruktur, Arbeitsplätze und Kommunikationsflächen werden deshalb in einer gemeinsamen Struktur zusammengeführt.

Aufbau des Gebäudes

Die Basis des Gebäudes ist ein erdgeschossiger Sockel mit weitgehend geschlossener und damit vor Einblicken und Hitze schützender Fassade. Hier liegen gut gesichert die sensiblen Bereiche: die Entwicklungswerkstätten, Lager und Speziallabore. Nach Angaben des Unternehmens befindet sich dort auch der bislang größte konzernweite NVH-Prüfstand, auf dem Geräusch-, Schwingungs- und Komforteigenschaften von Fahrzeugen untersucht werden. 

Darüber erheben sich zwei verglaste Quader, der eine ein-, der andere zweigeschossig. Hier auf diesen durchlichteten Flächen liegen die weniger sensiblen Labor- und Bürobereiche. Im Zentrum stehen offene Kommunikationszonen und flexibel nutzbare Arbeitsplätze. Ergänzt werden sie durch unterschiedlich große Räume für Besprechungen und projektbezogene Zusammenarbeit. Neben den offenen Bereichen gibt es klar organisierte Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten. So entsteht eine Arbeitsumgebung, die sowohl den informellen Austausch als auch fokussiertes Arbeiten ermöglicht. Die räumliche Nähe zwischen Sockel und Aufbau ermöglicht zudem schnellere Abstimmungen der Fachdisziplinen und beschleunigt damit die Entwicklungsprozesse. Und Schnelligkeit ist sowohl in der Automobilentwicklung als auch beim Bauen ein wichtiger Faktor. 

Hüllflächen

Die für die Industrie typische enorme Dachfläche des Volumens wurde hier für PV-Module und Gärten genutzt, die die Arbeits- und Aufenthaltsbereiche nach außen erweitern. Gleichzeitig verbinden auch sie als Weggeflecht verschiedene Nutzungen innerhalb des Gebäudes und schaffen Übergänge zwischen Forschungs-, Arbeits- und Ausstellungsbereichen.  

Das Gebäude ist eine Stahlbetonskelettkonstruktion, die die unterschiedliche Ausgestaltung der Fassade – mit Glas und kupferfarbenen Aluminiumplatten – und die flexiblen, offenen Grundrisse ermöglicht. Die gläserne Doppelfassade der Obergeschosse trägt außen rahmenlose, an den Ecken gekrümmte Prallscheiben, die den Lärm- und Hitzeeintrag ins Gebäude reduzieren und die die Sonnenschutzlamellen im Zwischenraum vor Wind schützen. Eine Wärmepumpe übernimmt die anlagentechnische Kühlung und Beheizung des Gebäudes. 

Unten technisch, oben stofflich

Die hier verbaute Labor- und Prüftechnik, wie die Technik Prüfstände für Fahrwerk und Antriebsstrang, benötigt eine möglichst schwingungsfreie und brandsichere Konstruktion, damit die Messungen und Arbeiten präzise und sicher durchgeführt werden können. Kein Problem mit der Skelettbauweise in Stahlbeton, die das Büro Knippers Helbig plante. Der Innenausbau folgt daher im Sockelgebäude vor allem den technischen Anforderungen. In den Obergeschossen aber zeigt sich ein ganz anderes Bild: Holzsitzstufen und akustisch wirksame Holzbekleidungen an den Decken und Wänden schaffen mehr Behaglichkeit. Die offenen Kommunikationsbereiche haben stoffbezogene Sitznischen und Teppichböden – ein erheblicher Kontrast zur gekurvten roten Glas-Metall-Fassade. 

Projektsteuerung bei vielen Akteuren

Angesichts der Vielzahl an Nutzungen und der sehr spezifischen Anlagentechnik, die in diesem Gebäude funktionieren muss, waren zahlreiche und sehr unterschiedliche Disziplinen in die Planung involviert. Es entstanden zahlreiche Schnittstellen, die potenzielle Störfaktoren darstellen. Die Generalplanung durch HPP bot hier einen organisatorischen Rahmen, um die unterschiedlichen Anforderungen zusammenzuführen. Das Büro arbeitet mit einem Lean-Construction-Management, das einen eng verzahnten, terminlich sehr detaillierten Prozess ermöglicht, unterstützt durch digitale Werkzeuge wie u. a. BIM. Auch der Faktor Mensch, sprich die Prozesse zwischen langjährig eingespielten Teams aus den verschiedenen Gewerken, sichert den Bauablauf. Viele Gewerke arbeiten regelmäßig für den Generalplaner und kennen die Vorgehensweise. Dennoch wird zu Projektbeginn ein für alle verbindliches Projekthandbuch mit allen Pflichten und Arbeitsweisen ausgeteilt, um Reibungsverluste bei der Planung und Ausführung zu verhindern.  

Bautafel

Architektur: HPP Architekten / Generalplanung, Düsseldorf
Projektbeteiligte: Knippers Helbig, Stuttgart (Tragwerksplanung); Gohl TGA, Köln (Technische Ausrüstung); HHP West, Bielefeld (Brandschutz); Kraft.Raum, Düsseldorf (Freianlagen)
Bauherr: Hyundai Motor Europe Technical Center, Rüsselsheim
Fertigstellung: 2025
Standort: Hyundai Platz 1, 65428 Rüsselsheim
Bildnachweis: Hyundai 


BauNetz Architekt*innen

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