Flussbad Unterer Letten in Zürich

Behutsame Instandsetzung

Angesichts hitziger Diskussionen in Berlin um ein potenzielles Flussschwimmbad gerät schnell in Vergessenheit, dass Baden und Schwimmen im Fluss zu Zeiten der Industrialisierung auch in Berlin eine Selbstverständlichkeit waren. Eine zweistellige Zahl an Flussbädern säumte um 1900 die Ufer der Stadt. Während in Berlin diese Bäder heute verschwunden sind, wurde diese Tradition andernorts erhalten, teils noch mit der originalen baulichen Infrastruktur. So beispielsweise in Zürich: Am Kraftwerkkanal Letten, einem künstlichen Seitenarm der Limmat, befindet sich das Flussschwimmbad Unterer Letten, in dem seit 1910 gebadet wird. Umkleiden, Garderobe und Toiletten befinden sich dabei noch in den originalen Holzgebäuden. Die sanierungsbedürftige Struktur wurde nun von dem Zürcher Architekturbüro Ressegatti Thalmann instand gesetzt.

Badehaus mit erneuerter Schindelfassade
Fassadensansicht der Laubengänge, welche die einzelnen Badehäuschen verbinden.
Metallene Treppen führend hinab in den Fluss.

Um 1900 befand sich das Areal noch außerhalb der Stadt. Mit dem rasanten Wachstum im Zuge der Industrialisierung rückte auch die Stadt näher. Neue Quartiere für Arbeiter*innen wurden errichtet, deren Wohnungen zumeist ohne Bäder ausgestattet waren. Für die Körperhygiene und -reinigung wurden stattdessen Flussschwimmbäder eingerichtet. So zunächst das Obere Letten, das 1896 als geschlossenes Kastenbad seine Tore öffnete. Doch reichten die Kapazitäten bald nicht mehr aus, sodass der damalige Stadtbaumeister und Architekt Friedrich Fissler 1909 ein neues Flussschwimmbad plante – das Untere Letten mit einem 100 Meter langen Schwimmkanal. 1910 eröffnet war dieses zunächst ein reines Männerbad, erst 1928 durften hier auch Frauen baden. Um 1955 wurde das Bad nach Plänen von Elsa und Ernst Burckhardt mit einem Nichtschwimmer- und einem Kinderplanschbecken ergänzt und so zum familienfreundlichen Bad umgebaut.

Vier Badehäuschen und ein Laubengang

Eine Besonderheit des Bades ist, dass die originale Struktur von 1910 noch größtenteils erhalten ist (im Gegensatz zum Oberen Letten, das Anfang der 1950er-Jahre durch einen Neubau ersetzt wurde). Der Holzbau steht auf Pfählen im Kraftwerkkanal. Vier schindelverkleidete Bauten nach dem am Heimatstil orientierten Entwurf Fisslers bilden die Grundstruktur. Laubengänge verbinden die einzelnen Gebäudeteile. Neu für die damalige Zeit war die Gesamtanlage: So war das Bad laut der Denkmalpflege das erste öffentliche Bad Zürichs, das mit Sonnenterrassen am Hang und Liegewiese der Idee des „Wasser-, Luft- und Sonnenbads“ folgte und die Topografie in die Gestaltung einbezog. Entsprechend wurde das Flussbad Unterer Letten 1986 als schutzwürdig eingestuft. Dies erforderte wiederum eine entsprechend behutsame Instandsetzung. In drei Etappen realisierte das Team von Ressegatti Thalmann in Zusammenarbeit mit dem Bauleitungsbüro dierealisatorin.ch die Maßnahmen, die zwischen 2023 und 2026 jeweils außerhalb der Badesaison durchgeführt wurden. Diese reicht von Anfang Mai bis Ende September.

Behutsame Instandsetzung und Erneuerung

Das historische Ziegeldach wurde so weit wie möglich erhalten und repariert, ebenso wie einzelne Tragwerksbalken und Betonträger. Frische Schindeln zieren die Fassade der Badehäuser, die Bodenbretter im Bereich des Flussbades wurden ebenfalls erneuert. Das Geländer oder die Treppen aus Metall sowie andere Bauteile konnten aufgrund ihres schlechten Zustands und heutiger Sicherheitsnormen nicht erhalten werden. Die augenscheinlichste Veränderung nahmen die Planenden an der Fassade in Richtung Uferweg vor. Hier setzten sie anstelle der vorhandenen Holzverschalung ein Fensterband ein, das historisch zwar einst vorhanden war, später jedoch verschalt wurden. So ist nun wieder eine Blickbeziehung zwischen Weg und Flussbad möglich. 


Wiederhergestellte Symmetrie

Sanitär- und Technikräume, die 1945 ergänzt wurden, ließen Ressegatti Thalmann entfernen, um die ursprüngliche Gebäudesymmetrie wiederherzustellen. Die Toiletten wurden indessen neu in Wandnischen an den Stegenden untergebracht. Im Inneren wurden die Wände im Laufe der Zeit bemalt, wobei die Farbschichten schon wieder abblätterten. Die Planenden ließen die Farbe entfernen, sodass die Materialität des Holzbaus wieder voll zur Geltung kommt. Auch die Stege mussten ertüchtigt werden, ebenso wie die unterspülte Kanalmauer. Diese Bauarbeiten waren aufgrund des Gewässer- und Fischschutzes und der engen Platzverhältnisse herausfordernd. Auch die gesamte Logistik war aufwendig: Geräte und Baustoffe wurden über den Wasserweg zum Bad transportiert. Das Nichtschwimmer- und Planschbecken erforderte ebenfalls Eingriffe und musste neu abgedichtet werden. Zusätzlich wurden die Kanalisationsleitungen repariert.

So erscheint das Flussbad nun wieder im neu-alten Gewand und ermöglicht auch im 21. Jahrhundert das Baden im Fluss – ein gelungener Eingriff, das sich andere Städte zum Vorbild nehmen können. -hs

Bautafel

Architektur: Ressegatti Thalmann, Zürich
Projektbeteiligte: dierealisatorin.ch, Zürich (Bauleitung); Staubli, Kurath & Partner, Zürich (Wasserbauingenieure); Timbatec Holzbauingenieure Schweiz, Zürich (Holzbauingenieure); Gode, Zürich (Fachplanung Elektro); Anex Ingenieure, Zürich (Fachplanung Heizung, Lüftung, Klima, Sanitär); 
Bauherrschaft: Eigentümerin: Stadt Zürich; Eigentümervertretung: Immobilien Stadt Zürich; Bauherrenvertretung Hochbau: Amt für Hochbauten, Stadt Zürich
Standort: Wasserwerkstraße 133, 8037 Zürich, Schweiz
Fertigstellung: 2026
Bildnachweis: Philip Heckhausen (Fotos); Ressegatti Thalmann (Pläne)

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