Fischerhaus in Cadaqués
Behutsame Sanierung eines mediterranen Bestandbaus
An einer weit geöffneten Bucht der Costa Brava, am nördlichsten Zipfel Kataloniens, liegt das Fischerdorf Cadaqués. Hügelige, verwinkelte Gassen und weiß gekalkte Häuser prägen den rund 3.000 Einwohner*innen zählenden Ort. Im historischen Ortskern, an einem kleinen Platz, widmeten sich die Planenden Bea Portabella und Jordi Pagès der behutsamen Sanierung eines der historischen Wohnhäuser. Ziel des Projekts war es nicht allein, die bauliche Substanz des stark verfallenen Bauwerks instand zu setzen, sondern zugleich die besondere Atmosphäre des Fischerhauses zu bewahren und diese zeitgemäß weiterzuentwickeln.
Nutzungsgeschichte und baulicher Zustand
Vor über hundert Jahren als Wohnhaus für einen Fischer und seine Familie errichtet, diente das viergeschossige Gebäude später zeitweise als Pension sowie als Dienststelle der Guardia Civil im obersten Geschoss. Trotz seiner grundsätzlich robusten Konstruktion mit rund 50 cm starken, tragenden Natursteinwänden hatten späterer Leerstand und der damit einhergehende fortschreitende Verfall die Bausubstanz erheblich beeinträchtigt. Die Sanierung erforderte daher ein sorgfältig austariertes Verhältnis zwischen denkmalgerechtem Erhalt und gezielter baulicher Erneuerung.
Wahrung des historischen Stadtbildes
Der Eingang des Gebäudes liegt an der Südseite an einer steilen Gasse direkt am Plaça de Marcel Duchamp. Die weiß gekalkte Fassade blieb in ihrer ursprünglichen Struktur erhalten und wird durch eine doppelflügelige Rundbogentür, einen Nebeneingang sowie vier doppelflügelige Fenstertüren mit französischen Balkonen – jeweils zwei pro Geschoss – gegliedert. Ein zurückversetztes Dachgeschoss mit drei Balkonfenstern ergänzt die Fassadenkomposition. Die hölzernen Fensterrahmen und Klappläden wurden teilweise restauriert und mit einem tief dunkelgrünen Anstrich versehen. Dadurch fügt sich das Gebäude stimmig in den gestalterischen und historischen Kontext des Ortsbildes von Cadaqués ein.
Dialog zwischen Alt und Neu
Der großzügige, zweiteilige Eingangsbereich im Erdgeschoss ist als flexible Zone konzipiert und bietet sowohl Stauraum als auch Fläche zum Spielen für die Kinder. Das charakteristische, hohe katalanische Kreuzgratgewölbe konnte erhalten werden. Weiß gefasste Wände und Decken verleihen dem nahezu fensterlosen Raum, dessen Form an die Krypta einer Kirche erinnert, eine helle und freundliche Atmosphäre.
Gegenüber dem Eingang führt eine Tür in ein kleines Schlafzimmer mit Badezimmer en suite. Eine weiße Schrankwand trennt den Nassbereich diskret vom Schlafbereich. Während im vorgelagerten Bereich helle Oberflächen dominieren, bleibt das Tonnengewölbe hier in der rötlich-braunen Farbigkeit der keramischen Ziegel sichtbar. Ein schmaler Lichtschacht versorgt den Raum mit Tageslicht und sorgt zugleich für natürliche Belüftung. Die Herausarbeitung des Erdgeschosses aus dem gewachsenen Fels wird insbesondere an der tragenden Wand erfahrbar, die nur partiell weiß gefasst ist und stellenweise das natürliche Gestein freilegt. Im Badezimmer tritt dieses rohe Material hinter den weiß gekalkten Waschtischeinbauten über die gesamte Wandfläche offen zutage. Ein grauer, polierter Steinboden verbindet Schlafzimmer, Bad und Eingangsbereich zu einer durchgängigen räumlichen Einheit.
Fließende Übergänge zwischen Innen- und Außenraum
Eine schmale, ebenfalls weiß gekalkte Treppe, deren Setzstufen mit bauzeitlichen, restaurierten Azulejos belegt sind, führt in das erste Obergeschoss. Hier befindet sich der gemeinschaftlich genutzte, offen organisierte Wohnbereich mit Küche, Ess- und Wohnzimmer. Neu geschaffene Öffnungen in den tragenden Wänden ermöglichen visuelle Bezüge zwischen den einzelnen Funktionszonen und stärken das räumliche Kontinuum. Aus der – ebenso wie die Wände – strahlend weißen Decke tritt die historische Holzbalkenkonstruktion konstrastreich hervor. Möbel in Erd- und Beigetönen tragen im Zusammenspiel mit dem dunklen Holz zu einer behaglichen Wohnatmosphäre bei.
An die Küche schließt ein im Zuge der Sanierung ergänzter Patio an. Im geöffneten Zustand verbindet eine großformatige, gläserne Schiebetür Innen- und Außenraum nahezu nahtlos miteinander. Der von Mauern umfasste Innenhof bildet einen geschützten Aufenthaltsort unter freiem Himmel, lädt zum Verweilen ein und versorgt den Wohnbereich zugleich mit reichlich Tageslicht.
Bodenbelag aus Terrakotta
Neben Schiebetür und Wandöffnungen trägt auch der durchgehend verlegte Bodenbelag wesentlich zu einem räumlichen Ganzen bei. Zum Einsatz kamen rechteckige Terrakottafliesen im Kreuzfugenverband, die sich gleichermaßen für Innen- und Außenräume eignen. Der Begriff Terrakotta – aus dem Italienischen terra cotta, „gebrannte Erde“ – bezeichnet unglasierte keramische Erzeugnisse aus Ton. In ihrer naturbelassenen Ausführung sind Terrakottaböden diffusionsoffen und tragen zur natürlichen Regulierung der Raumluftfeuchtigkeit bei. Diese materialtypischen Eigenschaften machen sie insbesondere für wärmere Regionen geeignet.
Rückzug und Ausblick in den oberen Geschossen
Die reduzierte Materialpalette wird in den oberen Etagen weitergeführt. Auch im zweiten Obergeschoss, in dem zwei Schlafzimmer, ein gemeinsames Badezimmer sowie ein Masterbedroom mit eigenem Bad untergebracht sind, prägen sichtbare Holzbalkendecken und Terrakottatfliesen die Räume. Einbauten aus massivem Irokoholz bilden zwar einen klaren Kontrast zu den weißen Wänden, fügen sich jedoch zu einem ruhigen, zurückhaltenden Gesamtbild.
Den Abschluss des Hauses bildet ein weiterer Wohn- und Lesebereich im Dachgeschoss. Hier öffnet sich das Haus mit einer sonnigen Terrasse und Meerblick in Richtung Süden. Drei Fenster auf Sitzhöhe versorgen den länglichen Raum mit ausreichend Tageslicht und erschließen den Außenbereich.
Bautafel
Architektur: Bea Portabella + Jordi Pagès, Barcelona
Projektbeteiligte: Construcciones Llach (Bauunternehmer)
Bauherr*in: privat
Fertigstellung: 2024
Standort: Cadaqués, Girona, Spanien
Bildnachweis: David Zarzoso (Fotos); Bea Portabella + Jordi Pagès (Pläne)