Ferienhaus Cabin in Biesenthal
Panoramafenster in schwarzem Volumen
Der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau kann sicher als einer der Urväter des freiwilligen Rückzugs in die Wälder gelten. Von Juli 1845 bis September 1847 lebte er allein in einer selbstgebauten Cabin, einer Blockhütte, an einem einsam gelegenen See, dem Walden Pond, in Massachusetts/USA. Sein Experiment eines einfachen, aber umso intensiveren Lebens in der Natur verarbeitete er nach seiner Rückkehr in die Zivilisation in seinem 1854 erschienenen Buch Walden – Leben in den Wäldern – bis heute ein Bestseller für alle, die von einem alternativen Leben außerhalb der Städte träumen.
Mobiles Kleinvolumen
Statt für zwei Jahre lässt sich das Leben in einer Blockhütte auch für ein paar Tage ausprobieren. Der dänische und in Berlin lebende Architekt Sigurd Larsen entwarf für das Start-Up Raus kleine Häuser und Hütten für Auszeiten in der Natur, die das Unternehmen vermietet. Seine Cabin ist zwar genauso hölzern und mit knapp 18 Quadratmeter ähnlich klein wie Thoreaus Hütte, aber architektonisch-gestalterisch und energetisch ein zeitgemäßerer Prototyp.
Das Ferienhaus ist knapp 4,00 Meter hoch, 2,55 Meter breit und 7,20 m lang. Es sitzt auf einem mobilen Untersatz mit Rädern und Anhängerkupplung. Damit ist es vergleichbar mit einem Wohnmobil, allerdings verdecken eine umlaufende schwarze Gummischürze oder gestapelte Holzscheite den Untersatz, sodass das Volumen konzeptionell wie ein Häuschen wirkt.
Fenster, Türen, Oberlicht
Der Eingang erfolgt von der Stirnseite über eine verglaste Tür oder von der Längsseite über zwei raumhohe und ebenfalls gläserne Schiebetüren, die gleichzeitig als quadratische Panoramafenster dienen. Ein weiteres großformatig quadratisches Fenster befindet sich unmittelbar neben den Schiebetüren auf Höhe eines Küchenarbeitsblocks mit Herd, Spüle und Kühlschrank. Der Ausblick in die Natur gibt die innere Organisation vor. So sind entlang der Rückwand die Funktionselemente aufgereiht. Schränke für Stauraum befinden sich unter einer Sitznische, über der eine Schlafkoje eingeschoben ist. Direkt daneben gibt es eine kleine Nasszelle mit WC und Dusche. In einer weiteren Nische ist ein aufklappbares Doppelbett angeordnet, das gleichzeitig den Wassertank für die Nasszelle verdeckt. Ein Oberlicht über der Schlafkoje bietet einen Blick hinauf zu den Sternen.
Diese konsequente wie durchdachte Raumaufteilung wurde an Arbeitsmodellen entwickelt. Im fertigen Haus kann der Blick in einem 180-Grad-Winkel über die gesamte Vorderseite zusammen mit den beiden Stirnseiten über Wiese, Weide, Buchen und Kastanien schweifen. Zusätzlich erweitern zwei Terrassen den Innenraum um Freisitze. Die knapp 4 Quadratmeter große Terrasse an der Stirnseite wird über der Anhängerkupplung heruntergeklappt und verdeckt diese. Vor den beiden Schiebetüren wird eine Ebene mit Stufen angedockt. Sie hat die Anmutung einer – wenn auch sehr kleinen – Veranda, die Assoziationen an Thoreau weckt. Er schrieb, wenn er auf den Stufen vor seiner Blockhütte saß:
“I have, as it were, my own sun and moon and stars, and a little world all to myself.” (Zitat aus Walden – Leben in den Wäldern, deutsche Übersetzung: „Ich habe sozusagen meine eigene Sonne, meinen Mond und meine Sterne, eine ganze kleine Welt nur für mich allein.“)
Sigurd Larsen bestätigt: „Ich hoffe, dass alle Gäste diese Cabin zu ihrem ganz eigenen Rückzugsort machen können und sich hier – wenn auch für kurze Zeit – zuhause fühlen.“
Farbkonzept
Die gesamte Hütte ist komplett schwarz, und zwar sowohl außen mit schwarz gebeiztem Holz als auch innen mit schwarzen Möbeln, Leuchten und hölzernen Verkleidungen. Auf den ersten Blick scheint dieses Farbkonzept den Regeln für kleine Räume zu widersprechen, die sich angeblich durch helle Farben visuell weiten und durch dunkle verengen sollen. In diesem Fall liegt das Augenmerk jedoch weniger auf der Größe des Innenraums, sondern vielmehr in der Verknüpfung des Innen- mit dem Außenraum, nämlich der umgebenden Natur. Die matten schwarzen Oberflächen im Inneren verhindern störende Spiegelungen und tragen so zu ungehinderten Ausblicken in die Natur bei – nicht unerheblich für Entspannung und Entschleunigung.
Sobald die Cabin am gewünschten Ort geparkt und arretiert ist,
kann sie mit dem Stromnetz und einem Wasseranschluss verbunden
werden. Solarpaneele sorgen für einen gewissen Grad von
Unabhängigkeit, beispielsweise für den Betrieb einer
Fußbodenheizung. Ein kleiner Kaminofen mit Holzscheiten trägt
zusätzlich zur Behaglichkeit bei. -sj
Bautafel
Architektur: Sigurd Larsen Design & Architecture, Berlin
Bauherrenschaft: Raus, Berlin
Fertigstellung: 2022
Temporärer Standort: Wehrmühle Biesenthal, Brandenburg
Bildnachweis: Raus / Noel Richter; Birk Alisch und Sigurd Larsen Design & Architecture
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