Farbe bei Treppen: Rot

Hinweise zur Gestaltung und Farbwahl

Rotsehen ist menschlich. Denn nur Menschen und menschenähnliche Affen sind trichromatisch. Damit reagiert ihre Netzhaut nicht nur auf kurzwelliges/blaues und mittelwelliges/grünes Licht, sondern auch auf langwelliges Licht – Rot. Während also Rot als Warnfarbe Menschen in Alarm versetzt, das Nervensystem aktivieren und sogar den Puls beschleunigen kann, bleibt die Farbe für die meisten anderen Lebewesen unsichtbar.

Die rote Treppe steht ikonisch für die hier ansässige Firmenmarke (Würth) und schafft als Fixpunkt im Gebäude Orientierung (Treppe: Metallart).
Le Corbusier nutzte Farbakzente für seine Architektur. Wie hier bei der von ihm geplanten Unité d'habitation in Berlin (1958).
Le Corbusiers Farbpalette Polychromie Architecturale ist bis heute nachgefragt. Vor allem ein von ihm oft verwendetes Ockerrot, ein abgetöntes Blau und ein Zitronengelb geben den Gebäuden mehr Wärme und der Moderne ihre Farbe.

Ein sattes Rot wird im Allgemeinen mit Reichtum und Macht assoziiert. Denn die Herstellung der Farbe war lange Zeit schwierig und teuer, sodass sie vor allem Kirchenoberhäuptern und Königsfamilien vorbehalten war. Zudem enthielten rote Färbemittel mit Pigmenten wie Zinnober oder Cadmium schwermetallhaltige, oft giftige Substanzen. Für die Produktion von Purpur oder Karmin brauchte es dagegen große Mengen Schnecken, Läuse oder Pflanzenstoffe. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts ließen sich leuchtende Rottöne chemisch, in Masse und damit günstig sowie weitgehend ungiftig produzieren. Damit wandelten sich auch der Einsatz und die Bedeutung der Farbe.

Funktion und Wirkung von roten Bauteilen 

In der Architektur spielen Farben seit jeher eine dekorative und funktionale Rolle. Dabei wird Rot meistens partiell als Akzentfarbe eingesetzt. Es markiert Eingänge, Treppen, Gebäudekerne oder besondere Fassadenelemente und macht Übergänge, Erschließungen, Strukturen und deren Bedeutung im Gebäude sichtbar. Als Signalfarbe lenkt es den Blick, unterstützt die intuitive Orientierung und macht Treppenhäuser zu prägnanten Identitätspunkten innerhalb der Architektur. Werden Wände oder ganze Bauwerke flächig in Rot angelegt, dann entsteht oft ein monolithischer Charakter, bei dem Details visuell zurücktreten, zugunsten von Geometrie, Kubatur und Fernwirkung.

Rot beeinflusst zudem die Raumatmosphäre stärker als viele andere Farben. Es wird oft als dunkle, kräftige und gesättigte Farbe wahrgenommen, weil es im Spektrum der warmen Töne eine hohe visuelle Dichte besitzt: Je weniger Licht eine Fläche zurückwirft, desto höher ist ihre Farbdichte – und desto dunkler wirkt sie. Sprich, Rottöne wirken meist intimer und wärmer, aber auch opulenter und expressiver. Deshalb findet sich die Farbe häufig in zeitgenössischen Innenräumen, in denen sich Menschen auf kommunikative Art begegnen sollen.

Gedippt oder getaucht

Wieviel Rot sollte es sein? Ob Architektur in Farbe nur gedippt oder ganz getaucht wird, hängt von der erwünschten Wirkung ab. Viele namhafte Architekt*innen wie Toyo Ito, Frank O. Gehry und Zaha Hadid setzten auf einzelne rote Elemente, um Signale, Akzente oder Atmosphären zu kreieren. Der hierzulande für seine Farbkonzepte bekannteste Architekt ist sicher Le Corbusier, der mit erdigen Ocker-Rottönen Räume warm und natürlich wirken ließ und zugleich einen harmonischen, die Architektur betonenden Kontrast zu Weiß und Blau suchte. Dagegen kam Signalrot bei ihm nur vereinzelt, akzentuierend, aber niemals bei strukturtragenden Bauteilen zum Einsatz. Projektbeispiele dafür sind das Weissenhofmuseum in Stuttgart oder eine seiner Unité d'habitation, wie die in Marseille oder Berlin.

Ein anderer Architekt, der mit einem Farbspektrum aus Rot-, Rosa- und Violetttönen gleich ganze Bauwerke einfärben ließ, war Ricardo Bofill. Er verstärkte mit erdigen, warmen Farbkombinationen die monolithische Wirkung seiner Architektur und den Kontrast des Gebauten zur umgebenden Landschaft. In Projekten wie La Muralla Roja oder dem zeitgenössischen Red Sol Resort Dhërmi erzeugen Vor- und Rücksprünge sowie farbig angelegte Treppen dramatische Lichtpunkte und Schattenwürfe, ungewöhnliche Blickachsen und eine räumliche Tiefe und Komplexität im Monolithischen. 

Auch der mexikanische Architekt Luis Barragán tauchte Wände, Türen oder Treppen in kräftige Farben wie Rot, Pink, Orange und Violett, um eine dramatische Raumwirkung mit markanten Übergängen zu erzeugen. In seinen Projekten sind die unterschiedlichen Farbflächen kontrastreich und sorgsam nach Blickwinkeln komponiert. Sie zeigen deutlich, dass Farbe relativ zu Licht, Material, Umgebung und Perspektive wirkt.

In zeitgenössischen Architekturprojekten kommt Rot wieder häufiger vor: in polychromatischen Fassaden wie beim Rocket Tower (Sauerbruch Hutton), um intuitiv über Treppen und Wege zu leiten wie beim Portlantis (MVRDV), oder als einendes Gestaltungsmittel, wenn ganze Baukörper in eine Farbe getaucht werden wie beim Wohngebäude am alten Lokdepot in Berlin (Robertneun Architekten) – siehe Bauwerke zum Thema. 

Bewertung von Farben in der Praxis

Seit der Industrialisierung ermöglichen normierte Farbsysteme wie NCS (Natural Colour System) und RAL-Design eine präzise Definition von Farben, die die Planung, Produktion und Gestaltung vereinfachen. Sie beschreiben Farbtöne anhand von Parametern wie Buntton, Helligkeit und Sättigung – dargestellt in 3D-Modellen wie Kegel, Kugel oder Würfel. Farbfächer, Atlanten, Messgeräte und computergestützte Simulationen helfen bei der Farbwahl, haben aber Grenzen: Glanz, Farbtiefe, Leuchtkraft und Struktur, sprich die tatsächliche Wirkung im Bauwerk, lassen sich nicht vollständig erfassen. Diese muss mit Musterflächen überprüft werden, denn Licht, Material, Umgebung, Tageszeit und Blickwinkel beeinflussen die Wahrnehmung der real angelegten Farbflächen erheblich. Eine Farbprüfung unter Tages- und Kunstlicht und auf einer Fläche von mindestens einem Quadratmeter im Bauwerk ist daher wichtig. Die Prüfung hilft, die Licht- und Alterungsbeständigkeit, den Glanz- oder Transparenzgrad, spezielle Effekte wie Metallglanz oder Neon sowie den Größen-, Simultan- und Sukzessivkontrast zu beurteilen. Dabei geht es um die Wirkung einer Farbfläche in ihrem Größenverhältnis zum gebauten Kontext, ihre Wirkung mit Farben und Materialien in der direkten Umgebung (kontrastverstärkend oder -mindernd) sowie um die veränderliche Wirkung der Farbe nach Lichteinfall und Blickwinkel.

Barrierefreie Farbgestaltung

Beim barrierefreien Bauen hat Farbe eine wichtige Orientierungs- und Signalfunktion. Auch hier übernimmt Rot in Kombination mit Weiß häufig eine warnende Funktion. Entscheidend sind dabei weniger die Farben selbst, sondern vor allem der Helligkeitskontrast zwischen zwei benachbarten Farbflächen – der Leuchtdichtekontrast. Mit der sogenannten Michelson-Formel lässt sich die Leuchtdichte einer Fläche aus dem Verhältnis von Beleuchtungsstärke zu Reflexionsgrad errechnen und mit der Leuchtdichte angrenzender Flächen vergleichen. So ergibt sich der Kontrastwert zwischen beiden Farbflächen. Die DIN 32975: Gestaltung visueller Informationen im öffentlichen Raum zur barrierefreien Nutzung fordert bei Orientierungs- und Leitsystemen einen Kontrastwert von mindestens 0,4 und bei sicherheitsrelevanten Beschriftungen und Markierungen von mindestens 0,7. Zudem muss die hellere der kontrastierenden Flächen einen Lichtreflexionsgrad von mindestens 0,5 aufweisen, damit sie auch bei wenig Licht oder mit eingeschränktem Sehvermögen erkannt werden kann.

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