Erweiterung TechnoCampus in Berlin-Siemensstadt

Ausgewogene Ergänzung eines historischen Ensembles

Ende des 19. Jahrhunderts entschied sich Werner von Siemens dazu, die auf mehrere Standorte in Berlin verteilten Produktionsstätten seines Unternehmens an einem Ort zu bündeln inklusive einer eigens errichten Wohnsiedlung für die Arbeitnehmenden und ihrer Familien. 1897 erwarb die Siemens & Halske AG ein knapp 21 Hektar großes Areal zwischen Charlottenburg und Spandau – ein fast unbewohntes und verkehrstechnisch kaum erschlossenes Gebiet mit Wald und sumpfigen Wiesen. Innerhalb von 15 Jahren entwickelte sich aus dem Vorhaben ein eigener Stadtteil mit riesigen Werksanlagen, modernsten Wohnhäusern und zahlreichen stadttechnischen und kommunalen Einrichtungen: Siemensstadt. Heute allerdings gehören die weitläufigen Industrie- und Werksanlagen sowie die durchgrünten Wohnanlagen nicht mehr ausschließlich zu dem Konzern, sondern es haben sich zahlreiche Unternehmen unterschiedlicher Branchen angesiedelt. Um den sogenannten TechnoCampus weiter auszubauen, wurde der Bestand um zwei Neubauten nach Plänen von Tchoban Voss Architekten erweitert.

Durch den winkelförmigen Baukörper entsteht zusammen mit dem Bestand ein großer Hof, der den Charakter des Areals als Campus herausarbeitet.
Auch über die Materialität nehmen die Neubauten Bezug zum historischen Bestand: Die Fassaden der neuen Bürogebäude bestehen aus sandfarbenem Klinkermauerwerk sowie einem klaren und gleichmäßigen Fensterraster.
Der zweite Neubau östlich des Bestandsbaus besitzt einen dreigeschossigen Flügel, der auf den Maßstab der benachbarten Gebäude reagiert.

Das Grundstück am Siemensdamm 59 - 62 liegt am östlichen Ende von Siemensstadt. Hier steht das denkmalgeschützte Wernerwerk XV, das 1924/25 errichtet und bis 1942 um weitere Gebäudeteile erweitert wurde. 2009 umfassend saniert, wird der Komplex seither von unterschiedlichsten Unternehmen genutzt. Durch die Ergänzungsbauten entsteht ein ausgewogenes Ensemble aus historischem Bestand und Neubau. Wärme, Kälte und Strom für die insgesamt rund 60.000 Quadratmeter Geschossfläche stammen aus verschiedenen Quellen, die miteinander gekoppelt ein für den Ort sinnvolles System ergeben.

Neubauten schaffen Campus-Charakter

Gestalterischer Ansatz der Architekt*innen war es, der Historie des Ortes durch Harmonie, handwerkliche Qualität und großzügige Raumabfolgen Tribut zu zollen. Deshalb haben sie dem Bestand eine ähnlich geschlossene städtebauliche Figur gegenübergestellt: ein winkelförmiges Gebäude mit sieben Geschossen sowie ein weiteres, ebenfalls sieben Geschosse hohes Gebäude mit dreigeschossigem Anbau. Dadurch entstehen zwei begrünte Höfe, die den Campus-Charakter des Areals herausarbeiten. Auch über die Materialität nehmen die Neubauten Bezug zum historischen Bestand. Die Fassaden der neuen Bürogebäude bestehen aus sandfarbenem Klinkermauerwerk mit changierendem Farbmuster sowie einem klaren und gleichmäßigen Fensterraster, zusätzlich charakterisiert durch Gesimse, Faschen und Lisenen. Jedes Fenster teilt sich in drei anthrazitfarben gerahmte Flügel. So gelingt es, eine zeitgemäße Industriearchitektur zu entwickeln, die dem Charme alter Industriebauten in nichts nachsteht.


New Work in Siemensstadt

Beide Bauteile beherbergen Büroeinheiten sowie gastronomische Einrichtungen mit Außenterrassen und einige Nebenräume für sportliche Aktivitäten. Um den flexiblen Anforderungen an moderne Büro- und Verwaltungsnutzungen zu entsprechen, sind die oberen Ebenen in eigenständige Einheiten aufgeteilt. Die begrünten Dachterrassen sind durch öffenbare Lichtkuppeln von den Treppenhäusern aus zugänglich. Unter dem Campus-Hof, der sich zwischen dem größeren, L-förmigen Baukörper und dem Bestand bildet, gibt es eine Tiefgarage mit 177 Stellplätzen, davon 12 barrierefrei und dreißig mit Elektroladestationen. Zusätzlich gibt es im südöstlichen Grundstückseck ein zweigeschossiges Parkdeck mit 186 Stellplätzen.

Eine Wärmezentrale, unterschiedliche Wärmeerzeuger

Bei einem Projekt dieser Dimensionen (der Neubau nimmt ungefähr die Hälfte ein) und den mannigfachen Ansprüchen durch die unterschiedlichen Nutzer*innen war es notwendig, neben Strom und Heizwärme auch Kälte in allen Bereichen sowie Elektromobilität zur Verfügung zu stellen. Dabei wurde der gesamte Campus aus Bestand und Neubauten als Einheit betrachtet, wodurch eine höhere Effizienz der Gesamtanlage erreicht wurde.

Für die Wärmeversorgung bestand bereits ein Anschluss ans Fernwärmenetz, der rein bilanziell betrachtet auch weiterhin der Versorgung der Bestandsbauten dient. Für die Deckung des Wärmebedarfs der Neubauten gibt es – untergebracht im Bestandsbau – eine gasbetriebene Blockheizkraftwerk-Kaskade mit einer thermischen Leistung von 170 kW und einer elektrischen Leistung von 100 kW. Diese deckt rein rechnerisch hundert Prozent des Bedarfs der Neubauten. So konnten der Primärenergiefaktor gegenüber dem Fernwärmeanschluss von 0,45 auf 0,42 und die CO₂-Emissionen von 859 t/a auf 737 t/a gesenkt werden. Sollte das BHKW irgendwann mal ausfallen oder aus irgendwelchen Gründen den Bedarf nicht mehr decken können, würden die Neubauten ebenfalls über das Fernwärmenetz versorgt werden können. Dass die Wärmezentrale im Altbau untergebracht ist, hat praktische Gründe: Zum einen waren dort bereits die Kamine für das BHKW vorhanden, zum anderen musste man so keinen Platz dafür im Neubau einplanen.


Die benötigte Kälte wird durch neue und effiziente Rückkühler erzeugt, die bestehende, nicht mehr zeitgemäße Tischkühler ersetzen. Trotz BHKW gibt es für die Stromversorgung einen zusätzlichen Anschluss an das öffentliche Stromnetz sowie eine Photovoltaikanlage auf dem Dach des Bestandsgebäudes, wodurch ein Autarkiegrad von 65 Prozent erreicht wird.

Praktisch für den Bauherrn ist, dass die Konzeption, der Bau, der Betrieb und die Wartung der gebäudetechnischen Anlagen durch den Versorgungsdienstleister e.distherm übernommen wird. Auch eine eventuelle Aufstockung der Leistungen ist flexibel möglich. Insgesamt, so wurde im Vorfeld errechnet, werden mit dem Gebäudetechnikkonzept gegenüber den reinen Netzanschlüssen rund 120 t CO₂ pro Jahr eingespart. Das Projekt wurde mit DGNB-Platin ausgezeichnet. -tg

Bautafel

Architektur: Tchoban Voss Architekten, Berlin
Projektbeteiligte: e.distherm, Schönefeld (Contractor Gebäudetechnik); BuP. Boll Beraten und Planen Ingenieurgesellschaft, Stuttgart (Statik); KreTa - Kretschmer Tauscher Landschaftsarchitekten, Berlin (Landschaftsarchitektur); Krebs + Kiefer Ingenieure, Berlin (Brandschutz); PORR Design & Engineering, Berlin (Nachhaltigkeitsberatung und DGNB-Zertifizierung); Ingenieurbüro Franke, Glienicke (Fassade); PORR, Berlin (Generalunternehmer); GFP Deubner, Berlin (Projektsteuerung); PIN Planende Ingenieure, Berlin (Haustechnik)
Bauherr*in: CCP II TCB, Berlin
Fertigstellung: 2022
Standort: Siemensdamm 59, 13627 Berlin
Bildnachweis: Stefan Müller, Berlin; e.distherm, Schönefeld; Tchoban Voss Architekten, Berlin

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