Erweiterung des Schulzentrums in Davos Platz
Erweiterung mit Low-Tech-Konzept und regenerativer Wärme statt Abriss
Der Abriss des Gebäudes der Talentschule für Musik und Sport aus den 1960er-Jahren in Davos war bereits beschlossen. Anstelle des schmalen, zwei- bis dreigeschossigen Riegels, der zusammen mit zwei Waschbetonkuben einen Campus bildet, sollte ein ökologischer Neubau errichtet werden, um zusätzlichen Platz für Klassenräume und Verwaltung zu schaffen. Das Büro Cura Architekten, das den offenen Architekturwettbewerb im September 2022 für sich entscheiden konnte, hat jedoch eine integrative Lösung vorgeschlagen, bei der die alte Struktur erhalten und durch einen Holzbau ergänzt werden konnte. Der von Holzoberflächen geprägte Innenraum wird durch eine Low-Tech-Lösung klimatisiert.
Die Entwurfsidee ist so einfach wie genial: Statt des Abrisses haben sich Cura Architekten dazu entschieden, den Bestand mit einer funktionalen und ästhetischen Hülle zu versehen. Die bestehende Konstruktion bildet dabei den Kern, der an allen Seiten durch eine Holzkonstruktion ergänzt wird. Zudem wurde das Gebäude um ein weiteres Stockwerk – ebenfalls aus Holz – erweitert, dessen Gewicht jedoch nicht auf der Bestandsstruktur lastet, sondern über die neuen Anbauten abgeleitet wird. Der Neubau ist somit gleichsam über den Bestandsbau gestülpt und umschließt diesen gänzlich. Die neue Fassade aus grünlackierter Weißtanne genügt dabei nicht nur den heutigen thermischen Ansprüchen, sondern verleiht dem Campus auch eine neue ästhetische Wirkung.
Lichter Innenraum mit natürlichen Materialien
Das Erdgeschoss ist der eher öffentliche, durchgängige Bereich, der zum überdachten Schulhof orientiert ist. In den Obergeschossen befindet sich an der Schnittstelle zwischen Alt- und Neubau ein schmales, lichtdurchflutetes Atrium, das als zentraler Kommunikationsort dient. Gleichzeitig entstanden hier und in den angrenzenden Flurbereichen unterschiedliche Lern- und Rückzugsräume für die Schülerinnen und Schüler – inklusive einer begrünten Dachterrasse. Unterschiedliche Raumhöhen in den Gebäudeteilen beidseitig des Atriums sowie der Anschluss an die bestehenden Treppenhauspodeste führen zu einer Split-Level-Anordnung, wodurch zugleich ein Rundweg im Inneren mit Querverbindungen zwischen Alt und Neu entsteht. Die Atmosphäre im Innenraum ist durch das sichtbare, aus regionalem Holz bestehende Tragwerk der Neubauteile geprägt. In den Klassenräumen wurde Linoleum verlegt, in den Verwaltungsbereichen ein Korkboden. Auch die Massivbeton-Bauteile des Bestands sind identifizierbar, wodurch der Umbauprozess stets präsent und ablesbar bleibt.
Low-Tech-Lüftungskonzept
Die Klimatisierung von Schulgebäuden ist für Fachleute stets eine besondere Herausforderung: Unterrichtsräume werden nicht kontinuierlich genutzt; zugleich müssen Schülerinnen und Schüler aber mit ausreichend Frischluft versorgt werden, um konzentriert arbeiten zu können. Beim Schulzentrum Davos Platz haben die Planenden einen Low-Tech-Ansatz verfolgt, mit dem auf eine Lüftungsanlage verzichtet werden konnte: Das Atrium wird mittels Öffnungsflügel zum Dachgarten für einen Kamineffekt genutzt. Zusätzlich ermöglichen zum Atrium öffenbare Oberlichter eine schnelle Querlüftung der Klassenräume in den Pausen. Die Lern- und Arbeitsbereiche lassen sich durch gezieltes Öffnen von Fensterflügeln manuell belüften. Eine PV-Anlage mit einer Leistung von rund 30 kW deckt einen Großteil des Strombedarfs.
Hybride Wärmeversorgung
Beheizt werden die Räume im gesamten Gebäude über einfach zu wartende Radiatoren. Die Wärme kommt zu 75 Prozent aus einem städtischen Wärmenetz des Elektrizitätswerk Davos (EWG). Die hierfür erzeugte Wärme stammt aus einer effizienten Geothermie-Anlage mit einer Grundwasser-Wärmepumpe. An besonders kalten Tagen – Davos liegt immerhin auf einer Höhe von 1.560 Metern über dem Meeresspiegel und hat im Mittel rund 180 Frost- sowie 50 Eistage – reicht die Wärmeenergie aus der Geothermie nicht aus, weswegen es im bestehenden Nachbargebäude einen Ölkessel gibt, mit dem über das Jahr hinweg rund 25 Prozent der Wärme erzeugt werden. Der gesamte Wärmebedarf für Heizung und Warmwasser beträgt knapp 43 kWh/m².
Das erweiterte Schulzentrum reduziert seinen ökologischen Fußabdruck gleich doppelt: zum einen durch die Weiternutzung des Bestands und die Ergänzung um einen Holzneubau, zum anderen durch den Einsatz erneuerbarer Wärmequellen. Dadurch werden CO₂-Emissionen und Materialverbrauch deutlich gesenkt. Mit ihrem ersten Projekt möchten die Architekt*innen nicht nur ein Beispiel für ressourcenschonendes Bauen setzen, sondern zugleich ein Zeichen für den Wandel in der Architektur – hin zu mehr Verantwortung, Kreativität und langfristigem Denken. -tg
Bautafel
Architektur: CURA Architekten, München
Projektbeteiligte: Baulink, Davos (Baumanagement); Conzett Bronzini Partner, Chur (Bauingenieur); Kuster+Partner, Chur (Bauphysik); Bachofner, Frümsen (Brandschutz); Tonique, Frankfurt am Main (Signaletik); Elkom Partner, Davos (Elektroplanung); Caviezel Klima, Chur (Lüftungsplanung); Collenberg Energietechnik, Chur (Heizplanung); Marco Felix, Chur (Sanitärplanung)
Bauherr*in: Gemeinde Davos
Fertigstellung: 2024
Standort: Schulstrasse 4, 7270 Davos Platz
Bildnachweis: Daisuke Hirabayashi, Basel
Fachwissen zum Thema
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