Erlebnismuseum Perlmutter in Adorf (Vogtland)

Brutalistische Poesie

Wer es schon mal ins Vogtland geschafft hat, ist dort vermutlich nicht zufällig gelandet. Die kleine Region befindet sich dort, wo Bayern, Sachsen, Thüringen und Böhmen (tschechisch: Čechy) aufeinandertreffen. Nicht weit von der deutsch-tschechischen Grenze entfernt liegt Adorf. Ab dem Spätmittelalter wurden hier, am Flüsschen Elster, Perlen gefischt und Perlmuttwaren produziert. Um die jahrhundertelange Handwerksgeschichte zu würdigen, legte das Heimatmuseum in den 1990er-Jahren eine Spezialsammlung an. 2025 erhielt das Erlebnismuseum Perlmutter ein bildhaftes Entrée, entworfen von Schulz und Schulz Architekten.

Das Museum befindet sich gegenüber des Friedhofs und der St. Johanniskirche.
Durch den ständigen Kontakt mit Wasser und Witterung wird sich die Betonoberfläche einer Muschelschale angleichen.
Die doppelt gekrümmte Front – eine Hyparschale – schiebt sich aus der Häuserreihe ud markiert so den neuen Haupteingang.

In Adorf spürt man, dass das Vogtland Züge eines Mittelgebirges hat. Die Altstadt mit einer imposanten Jugendstilkirche thront auf einer grün umrahmten Hügelkuppe. Vor dem Kichrturm erstreckt sich ein langgestreckter Marktplatz, von dem links und rechts Gassen hinunterführen. Der Südhang ist ebenfalls dicht bebaut, am Nordhang hingegen endet die Altstadt vor dem angrenzenden Friedhof. An der abschüssigen Straße, die einst als Graben vor der Stadtmauer verlief, befindet sich das Museum.

Bestand neu verbunden

Eine gekrümmte Betonfassade schiebt sich zwischen zwei Fachwerkhäusern aus dem 18. Jahrhundert heraus. Das weiß verputzte Gebäude mit dem Stadttor beherbergt das Heimatmuseum sowie die Verwaltung, das gelb verputzte die Dauererstellung des Perlmuttermuseums. Im Rahmen des Projekts wurde das Ensemble saniert und intern verbunden.

Schulz und Schulz Architekten entwarfen für die Brachfläche in der Mitte ein neues betonsichtiges Empfangsgebäude mit Kasse, Shop und Garderobe. Im 1. Obergeschoss sind zudem Flächen für Sonderausstellungen und im Dachgeschoss für die Museumpädagogik vorgesehen. Auf einen Keller verzichtete man, sodass die Gebäudetechnik stattdessen im benachbarten Altbau untergebracht ist. Auf dem Dach der alten, hofseitigen Remise wurde eine Photovoltaikanlage installiert, die eine Sole-Wasser-Wärmepumpe antreibt. Die zentrale Lüftung arbeitet mit Wärmerückgewinnung.

Brutalistischer Empfang

Oben schließt die Betonfront an den First der Nachbarhäuser an und geht in ein Flachdach über. Unten scheint sich die Front mit ihrer massiven Dachrinne in die Straße zu drücken. Die aus der Häuserflucht ausbrechende Traufe bildet ein schützendes Vordach. Kontinuierlich lässt eine spezielle Anlage Wasser über die Fassade laufen, das sich in der Dachrinne sammelt, bevor es an der Ecke in ein längliches Becken gespien wird. Daneben vermittelt ein kleiner Vorplatz mit terrassierter Treppenanlage zwischen dem Straßengefälle und den Eingängen von Alt- und Neubau. Hinter zwei Schaufenstern und einer flächigen Holztür liegt das neue Foyer.

Graue Schale, weißer Kern

Weil die Geschosshöhen der Altbauten übernommen wurden, sind auch im Neubau die Decken museumsuntypisch niedrig. Im Gegensatz zum brutalistischen Äußeren ist das Innere allerdings ganz in Weiß gehalten – unter anderem, um den Exponaten mehr Präsenz zu geben. Die Deckenverkleidungen nehmen Akustikpaneele und Beleuchtung auf. Natürliche Akzente setzen die Holzeinbauten, darunter Theke, Auslagen und Sitzbänke.

Ein noch erhaltenes Stück der Stadtmauer markiert den Übergang vom Foyer zum Ausstellungsbereich. An dieser Stelle befindet sich auch ein Lichthof (von den Architekt*innen Patio genannt), der das kompakte Gebäude etwas heller und luftiger macht. Die weiteren Räume sind sparsam unterteilt. Im Dachgeschoss entfaltet die gekrümmte Fassade auch innenräumlich Wirkung. Hier befindet sich schließlich der Anschluss an das Heimatmuseum, während die Dauerausstellung im 1. Obergeschoss angebunden ist.

Beton: zweifache Hyparschale

Bei der mehrfach gekrümmten Front handelt es sich geometrisch um eine Hyparschale, ausgeführt als zweischalige Betonkonstruktion. Die innenliegende Trag- und die außen sichtbare Vorsatzschale sind jeweils 25 cm stark. Dazwischen liegt eine 20 cm dicke Schaumglasdämmung. 

Gefertigt wurde zuerst die Tragschale, in der anschließend die Anker für die Außenschale gesetzt und dann die Schaumglasplatten verlegt wurden, die ebenfalls mit Ankern befestigt sind. Danach wurde die Schalung für die Vorsatzschale gestellt und der Zwischenraum zur Dämmung ausgegossen. Als Schalung kamen sägerauhe, angeflammte Holzbretter zum Einsatz, die auf dehn- und krümmbaren Trägerplatten montiert und mit Schalungsgerüsten gesichert waren. Durch die feinen, horizontal verlaufenden Abdrücke erinnert die Oberflächenstruktur an die konzentrischen Wachstumsschichten der Muschelschalen.

Poetisch altern

Aufgrund der ungeschützten Oberfläche wurde ein Beton der Festigkeitsklasse C35/45 mit entsprechender Expositionsklasse gewählt. Auf Beschichtungssysteme verzichtete man. Vielmehr ist fest einkalkuliert, dass sich der Beton mit der Zeit seinem Vorbild annähert: Wie bei einer Muschel im Flusswasser werden die Oberflächen neue Farben annehmen, verwittern und besiedelt werden. Schon jetzt ist sie stellenweise grün.

Dieser Prozess würde sich sogar noch beschleunigen, wäre das Wasser, das die Oberfläche permanent benetzt, nicht geringfügig gechlort. Diese Maßnahme war notwendig – schließlich lassen sich kleine Kinder kaum davon abhalten, mit dem Brunnen zu spielen. Also entwickelten Schulz und Schulz einen Kreislauf: Das Wasser sammelt sich in einer Zisterne, wird getestet und gechlort und dann mit Photovoltaik nach oben gepumpt.

Bautafel

Architektur: Schulz und Schulz Architekten, Leipzig
Projektbeteiligte: Neumann Architekten + Generalplaner (Ausführungsplanung und Bauüberwachung ab LP 6); Öko-Plan Bauplanung (Freianlagen); Kocmoc.net (Ausstellungsplanung); Mathes Beratende Ingenieure (Tragwerksplanung); Dr. Schlott und Partner (HLS-Planung); Ingenieurgesellschaft Lachmann-Dominok (Elektrotechnik); GWT-TUD (Thermische Bauphysik, Wärmeschutz, Energiebilanzierung); Akustik Bureau Dresden (Bauakustik, Raumakustik, Schallimmission) 
Bauherr*in: Stadt Adorf
Fertigstellung: 2025
Standort: Graben 2, 08626 Adorf/Vogtland
Bildnachweise: Albrecht Voss und Gustav Willeit (Fotos); Schulz und Schulz (Pläne)



BauNetz Architekt*innen

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