Eiswerk in Berlin

Effiziente Formfindung mit parametrischen Entwurfsprozessen

Auf dem Grundstück der ehemaligen Norddeutschen Eiswerke in Berlin, einer der ältesten Eisfabriken Deutschlands, entstand 2022 eine Wohn- und Gewerbeareal nach Plänen des ortsansässigen Planungsbüros Graft. Die Revitalisierung des Areals beinhaltete die Sanierung, Umnutzung und Erweiterung der Bestandsstruktur und dauerte nur fünf Jahre.

Im Zentrum des Areals entstand ein Neubau für Büroflächen. Die Kubatur des Neubaus entstand in Anlehnung an die Höhenverläufe der Bestandsbebauung.
Die Geschosse des Neubaus wurden in vier Schichten aus jeweils zwei Ebenen aufgeteilt und gegeneinander verschoben. Das betont die horizontale Schichtung und nimmt Bezug auf die Höhe der benachbarten Eishalle.
Durch die Verschiebung sowie die Abflachung des Gebäudes in Richtung Fluss entstanden individuelle Grundrisse und großzügige Terrassenflächen.

Schluss mit Berliner Stangeneis

Errichtet wurde der denkmalgeschützte Industrie- und Wohnkomplex um 1909 als Produktionsstätte zur Herstellung von Kunsteis für die Kühlung von Lebensmitteln auf Märkten und gastronomischen Einrichtungen. Die Eisproduktion war zu dieser Zeit von großer Bedeutung und trug erheblich zum industriellen Aufstieg der Metropole bei. Mit der Verbreitung elektrischer Kühlgeräte für Handel und Haushalt, ging der Bedarf am sogenannten Stangeneis – mit dem Berliner*innen bis dato ihre Lebensmittel kühlten – stark zurück: Von rund 240 Tonnen sank die Menge auf 120 Tonnen und anschließend auf 60 Tonnen, bis es im Jahr 1995 zur Schließung der Fabrik kam. In diesem Zuge übernahm die Treuhand Liegenschaftsverwaltung (TLG) die Verwaltung des Areals: Mit zwei Höfen, einer Wohnanlage sowie Kessel- und Maschinenhaus.

Abbruch mit großem Aufschrei

Im Oktober 2010 kam es trotz großem Aufschrei bundesweiter Initiativen und Verbände zum Abriss der Kühlhäuser durch die Firma TLG Immobilien. Den geplanten Abbruch der restlichen Gebäude konnte der Berliner Denkmalschutz verhindern, jedoch verwilderte die Eisfabrik durch diese Entscheidung und wurde mit den Jahren zur Brache.

Weitergeführte Tradition  

Heute zeigt sich die ehemalige Ruine der historischen Eisfabrik im neuen Glanz. Mit dem Eigentümerwechsel kam Tatendrang auf: Das Areal orientiert sich am Bestand und bietet ein Mischnutzungskonzept, das Raum für Wohnen, über Gewerbe, bis hin zu Kultur- und Kreativwirtschaft schafft. Dies gelang durch die Instandsetzung und Erweiterung der erhaltenen Bausubstanz. 

Entlang der südlich anliegenden Köpenicker Straße wurde der Bestand um ein neues Wohngebäude mit Gewerbeeinheiten ergänzt. Die abgestufte Kubatur des Gebäudes schafft einen neuen Zugang zum Gelände. Gemeinsam mit den 25 Wohneinheiten aus dem Bestand konnten hier insgesamt 56 Wohnungen (wieder-)hergestellt werden. Das ehemalige Kühlhaus wurde kernsaniert und birgt heute die Büroflächen eines Coworking Anbieters; ergänzend wurden weitere Arbeitsflächen im Neubau des Ensembles geschaffen. 

Formfindung einer komplexen Kubatur

Das sogenannte Geschäftshaus ist zum Spreeufer ausgerichtet und besticht durch eine lebendige Fassade: die fünf bis sieben Geschosse des Gebäudes sind in vier zweigeschossige Scheiben unterteilt, die jeweils zueinander verschoben sind. Durch diese horizontale Gliederung gelingt die Wiederaufnahme der Höhenproportionen der gegenüberliegenden Eisfabrik. Außerdem entstehen dadurch individuelle Grundrisse und geschützte Außenflächen mit Ausblick auf das Wasser. Der in Teilen verzweigte Außenraum wird durch einen gemeinsamen Vorplatz vereint, der einen Überblick über das vielfältige Angebot des neuen Areals verschafft. Die schuppenartige Fassadenstruktur unterstützt die lebendige Außenansicht des Gebäudes und öffnet das Gebäude zugleich zur Umgebung.

Effizienz bei der Formfindung

Die dynamische Formsprache der Fassadengestaltung wurde in zahlreichen digitalen Simulationen verfeinert. Durch die Arbeit mit vorgegebenen digitalen Entwurfsparametern konnte die zeitintensive Planung zudem erheblich vereinfacht und somit Ressourcen eingespart werden. Mithilfe der parametrischen Gestaltung von Bauelementen können – so die Architekt*innen von Graft – vielfältige gestalterische Möglichkeiten unter Beachtung statischer Anforderungen geprüft und umgesetzt werden.

Bautafel

Architektur: Graft Architects, Berlin
Projektleitung: Peter Buche, Sara Gomez Elorriaga, Raphael N. Hemmer
Projektbeteiligte: Ingenieurbüro Jockwer (Statik); Dipl.-Ing. Stephan Haan (Landschaftsarchitektur); MWA- Büro für Denkmalpflege (Denkmalschutz); BeSB Berlin (Akustik und Bauphysik); Brandschutz.im.Kontext (Brandschutz)
Bauherr*in: Trockenland Management, Berlin
Standort: Köpenicker Straße 40-41, 10179 Berlin
Fertigstellung: 2022
Bildnachweis: Noam Rosenthal -Trockenland Management, Berlin (Bilder); Graft, Berlin (Planmaterial) 

BauNetz Architekt*innen

Fachwissen zum Thema

Die digitale Ausschreibung ermöglicht es, Bauprojekte elektronisch auszuschreiben und Angebote von Bauunternehmen und Lieferanten einzuholen.

Die digitale Ausschreibung ermöglicht es, Bauprojekte elektronisch auszuschreiben und Angebote von Bauunternehmen und Lieferanten einzuholen.

Kosten und Verträge

Digitale Ausschreibung

Digitale Technologien bilden heute die Grundlage für eine strukturierte Projektkoordination.

Digitale Technologien bilden heute die Grundlage für eine strukturierte Projektkoordination.

Digitalisierung

Einführung: Digitalisierung

Bauwerke zum Thema

Die Keramikmodule in drei unterschiedlichen Grüntonen schaffen ein lebendiges Fassadenbild (Westansicht)

Die Keramikmodule in drei unterschiedlichen Grüntonen schaffen ein lebendiges Fassadenbild (Westansicht)

Case Studies - Baukosten

Bürogebäude H7 in Münster

Für die Außenwände, die Tragstruktur und die Geschossdecken kamen vorgefertigte Brettschichtholzplatten zum Einsatz

Für die Außenwände, die Tragstruktur und die Geschossdecken kamen vorgefertigte Brettschichtholzplatten zum Einsatz

Case Studies - Büromanagement

Zentrum Reininghaus Süd in Graz

Tipps zum Thema

Bücher

The Office of Good Intentions - Human(s) Work

Kontakt Redaktion BauNetz Wissen: wissen@baunetz.de
BauNetz Wissen Controlling und Management sponsored by:
PROJEKT PRO GmbH | Kontakt +49 8052 95179-0 | www.projektpro.com