Einfamilienhaus in Heroldsberg

Energetische Sanierung und Erweiterung der anderen Art

Rund elf Kilometer nordöstlich von Nürnberg liegt die Gemeinde Heroldsberg, die zu großen Teilen von dem weitläufigen Sebalder Reichswald umgeben wird. Am westlichen Ortsrand der Gemeinde erfuhr ein Wohnhaus aus den 1960er Jahren eine energetische Sanierung und bauliche Erweiterung der anderen Art. Im Gegensatz zu dem sonst üblichen Einsatz eines Wärmedämmverbundsystems auf vorhandener Außenwand wurde das alte Haus überformt und erhielt eine komplett neue, semitransparente Gebäudehülle. Geplant wurden diese Maßnahmen von den Architekten Lisa Barucco und Günter Pfeifer aus Darmstadt.

Zwischen neuer Hülle und altem Bestand entsteht eine Pufferzone, die wie ein Luftkollektor wirkt
Nach Osten hin, hangabwärts, ist das Untergeschoss sichtbar, über große Verglasungen dringt viel Tageslicht ins Innere
Ursprünglicher Zustand des Gebäudes vor den Umbau- und Sanierungsarbeiten

Das ursprünglich weiß verputzte Gebäude mit flachem Satteldach befindet sich auf einem Hanggrundstück. Während es sich zur Straße im Westen als eingeschossiger Bau zeigt, wird das Untergeschoss aufgrund des abfallenden Terrains im Osten als breite Front mit Fenstern sichtbar. Vorhandene Proportionen und Öffnungsmaße blieben hinter der neuen Hülle erhalten, im Süden wurde der Wohnbereich durch das Entfernen der alten Terrasse erweitert. Darüber hinaus stellt eine neue Rampe die barrierefreie Erschließung des Gebäudes sicher.

Sanierung und Modernisierung
Die neue Gebäudehülle besteht aus einer gerasterten Holzkonstruktion, deren Fügetechnik den Prinzipien japanischer Holzbaukunst entstammt. Das Holzgerüst ist mit Polycarbonatplatten verkleidet, die mit ihren integrierten Luftkammern einen U-Wert von 1,1 W/m²K erreichen. Als konstruktives Element mit Sonnenschutzfunktion sind oberhalb des Polycarbonats Holzlamellen aus Douglasie befestigt.

In den neuen Räumen zwischen alter und neuer Gebäudehülle, den sogenannten Energiegärten, entsteht ein umlaufender Wärmepuffer aus solar erwärmter Luft. Diese Luft wird mittels Technik von der Ost- zur Westseite bzw. umgekehrt transportiert. Vom Dachfirst gelangt sie per Gebläse durch einen stillgelegten Kamin ins Untergeschoss. Die Speichermassen des alten Gebäudes nehmen die solare Wärme auf und sorgen durch die phasenverschobene Abgabe der Energie für ein gleichmäßiges Raumklima. Das Gebäude verfügt über keine kontrollierte Wohnungslüftung. Stattdessen regeln Venturiklappen im Dachbereich bei unterschiedlichen Druckverhältnissen die Luftzufuhr und sorgen dafür, dass Frischluft nachströmen kann. Zusammen mit bodentiefen Fenstern und zwei zusätzlichen Einzelklappen auf der Ostseite wird so eine ausreichende Durchlüftung und Abkühlung der Gebäudehülle in den Sommermonaten gewährleistet.

In die äußere Holzkonstruktion wurden auf der Westseite des Daches solarthermische Kollektoren zur Trinkwassererwärmung und Heizungsunterstützung mit einer Fläche von 14 m² integriert. Das erwärmte Wasser wird in einem 1.000-Liter-Speicher eingelagert. Bei nicht ausreichender Energieausbeute liefert der Holz befeuerte Kaminofen mit einer Heizleistung von 16 kW zusätzliche Wärme. Die Wärmeabgabe an den Raum erfolgt im Erdgeschoss über Fußboden-, im Untergeschoss über Radiatorenheizungen. Der jährliche Heizwärmebedarf des Hauses liegt bei 27 kWh/m², zur Nachheizung werden 8-10 Ster Holz pro Jahr benötigt.

Das kybernetische Prinzip, das bei dem Einfamilienhaus in Heroldsberg angewendet wurde, umfasst ein grundsätzliches Umdenken und Enttypologisieren in der Architektur und beschreitet den Weg einer neuen Umsetzung von heutigen Ansprüchen an Energieersparnis und Ressourcenschonung. Dazu zählen Überlegungen zur Mehrfachnutzung von Energie ebenso, wie das Verstehen der unterschiedlichen Zusammenhänge und Abhängigkeiten beim Betrieb eines Gebäudes, aus denen sich die eigentlichen Entwurfskriterien ableiten lassen. Für Kopfzerbrechen sorgte der neue Ansatz bei der Berechnung des Primärenergiebedarfs. Da die Hülle aus einem Luftkollektor besteht und keine sonstige Dämmung eingesetzt wurde, konnten übliche Programme zur Berechnung nicht verwendet werden. Auch bei der Überprüfung einer möglichen KfW-Förderung stellte sich heraus, dass diese Art der energetischen Sanierung bei der Bank bislang nicht vorgekommen ist.

Für die gelungene Überformung und die energetische Sanierung des Einfamilienhauses erhielten die Architekten im Rahmen des Deutschen Architekturpreises 2013 eine Anerkennung, ebenso beim Bayerischen Wohnungsbaupreis 2013.

Bautafel

Architekten: Lisa Barucco und Prof. Günter Pfeifer, Darmstadt (Fondation Kybernetik)
Projektbeteiligte: Dietrich Will, Nürnberg (Bauleitung); Stella Hoepner-Fillies, Falkensee (Bauberatung); Balck & Partner, Heidelberg (thermodynamische Simulation, Energiekonzept); Dr. Kreutz & Partner, Nürnberg (Tragwerksentwicklung); Zimmerei Kempf, Büchelberg (Zimmermannsarbeiten)
Bauherr: Johanna Hoepner und Alexander Distel, Heroldsberg
Fertigstellung:
2012
Standort: Falkenstraße, Heroldsberg
Bildnachweis: Claudius Pfeifer, Berlin

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