Ein Stück Moskau in Regensdorf

Die Betonfassade des Zwhatt-Pavillons

Regensdorf ist per Bahn gut angebunden – nur 17 Minuten dauert die Fahrt nach Zürich. Im Gewerbegebiet nördlich des Bahnhofs wurden über Jahrzehnte vor allem Elektronik- und Optikgeräte hergestellt. Von der exzellenten Lage sollen nun Pendler*innen profitieren: 2022 begann die Transformation des Zwhatt-Areals zum Wohngebiet, nach Plänen von Studio Märkli. Dazu beauftragte das Studio den russischen Künstler Alexander Brodsky zwei kleine Bauten zu entwerfen, die das öffentliche Leben der neuen Nachbarschaft bereichern sollen. Einen davon – den sogenannten Pavillon – gestaltete er mit wiederverwendeten und neu produzierten Betonelementen.

Der von Alexander Brodsky gestaltete Pavillon (im Bild rechts) soll zuum Treffpunkt der neuen Nachbarschaft werden.
Die Fassade besteht aus teils wiederverwedneten, teils neu gefertigten Betonplatten.
Die Patina verrät, bei welchen der Betonteile es sich um wiederverwendete Zaun-Elemente vom Typ  PO-2 handelt.

In der Mitte einer neuen Nachbarschaft

Zwei neue Wohntürme, zwei neue Längshäuser und der umgebaute Winkelbau sind 2026 bereits bezogen. Am Rande des Viertels befindet sich außerdem ein sechsgeschossiger Gewerbebau. Weitere Wohnungen sowie Ateliers sollen ab 2030 folgen. Insgesamt sind mehr als 600 Mietwohnungen sowie 15.000 Quadratmeter Büro- und Gewerbefläche vorgesehen. Am Südrand, wo die Erschließungsstraße vorbeiführt, bereichert ein Quartierszentrum das Viertel, der sogenannte Pavillon. Zusammen mit einem länglichen Kindergarten und dem Cornershop genannten Gebäude mit Fahrradwerkstatt und Quartiersbüro rahmt er einen Platz. An diesem zentralen Treffpunkt soll die neue Nachbarschaft zusammenwachsen. Neben dem Pavillon war Alexander Brodsky auch für den Cornershop verantwortlich.

Zusammenkommen im Pavillon

Im Erdgeschoss verfügt der Pavillon über ein Restaurant sowie eine kleinere Gewerbefläche und einen Technikraum. Ein Durchgang trennt die beiden Bereiche und erschließt auch das Treppenhaus inklusive Aufzug. Das Obergeschoss beherbergt nicht nur einen Saal für bis zu 200 Personen, sondern auch eine Gemeinschaftssauna. Ein Backstage-Raum bietet Platz für Möbel und eine einfache Tonanlage. Somit können im gemeinschaftlich verwalteten Saal Ausstellungen, Konzerte sowie private und gemeinschaftliche Zusammenkünfte und Feierlichkeiten stattfinden: Vorträge, Bildungsangebote, Bastel- und Tanzkurse stellt sich Alexander Brodsky vor.

Fassade mit Ecken und Kanten

Betonfertigteile kleiden das vielseitige Gebäude. Nur einige wenige Fenster und Oberlichter aus Glasbausteinen sind zu sehen. Wer näher tritt, erkennt nicht nur verschiedene Reliefs im Beton, sondern auch unterschiedliche Grautöne und vereinzelt Verwitterungspuren. Tatsächlich wurden hier wiederverwendete und neu produzierte Elemente nebeneinandergestellt.

Peter Märkli schätzt die Arbeit Alexander Brodskys sehr. Dieser ist bekannt für seine Kleinarchitekturen, die mitunter vollständig aus gebrauchten Bauteilen oder lokal gefundenen Materialien bestehen – von alten Fenstern bis hin zu kleinen Eiswürfeln aus einem gefrorenen See. Auf die Anfrage hin schlug der russische Künstler vor, einen der Regensdorfer Gemeinschaftsorte ähnlich wie die Villa PO-2 zu gestalten, eines seiner früheren Werke. Der Name bezieht sich auf ein standardisiertes Zaunelement aus Beton, das in der UdSSR in großen Stückzahlen gefertigt wurde und bis heute vielerorts zu finden ist, beispielsweise als Begrenzung von Gewerbegebieten oder Schulhöfen.

Restauriert und reproduziert

Anfangs war geplant, die knapp 100 benötigten Zaunelemente vollständig aus Russland zu importieren. Eine erste Lieferung von zwölf Stück traf im Februar 2022 aus dem Großraum Moskau ein. Der kurz darauf beginnende Angriff auf die Ukraine machte weitere Importe jedoch unwahrscheinlich. Steve Roth und Daniela Lindner, die das Projekt für Studio Märkli leiteten, fanden eine Alternative.

Die 40 Jahre alten Betonzäune wurden zunächst auf Schadstoffe, Rissbildung, Betonqualität und Bewehrungsüberdeckung geprüft und in der Kunstgiesserei St. Gallen restauriert. Dabei setzte Alexander Brodsky kleine Reliefs in die rechteckigen Öffnungen ein, die bei der Probenentnahme entstanden waren. Die weitere Aufarbeitung nach technischen und sicherheitsrelevanten Vorgaben übernahm die Stüssi Betonvorfabrikation. 

Diese fertigte außerdem die neuen Elemente, für die der Künstler verschiedene Typen und Reliefs nach russischem Vorbild entworfen hatte. Einzelne bestehen sogar ganz aus quadratischen Glasbausteinen. Jede der 2,5 x 2,5 bzw. 2,5 x 3,0 m großen Platten wiegt rund eine Tonne, während die Stärke aufgrund des Reliefs zwischen 5 und 15 cm beträgt. Mit einer Chromstahlbewehrung ließ sich diese schlanke Bauweise realisieren. Letztlich stammen elf der 104 Fassadenelemente aus besagter Lieferung, während die übrigen neu gefertigt wurden.

Selbsttragende Konstruktion

Der Fertigteilhersteller übernahm auch die Montage. Obwohl die Fassade nichttragend ist, war ihre Statik eine große Herausforderung. Sie steht vor der eigentlichen Außenwand, sodass die Betonplatten hinterlüftet sind. An den Ober- und Unterkanten stecken die Platten in u-förmigen Konsolen, welche wiederum an Stahlstützen befestigt sind. Diese sind mit Stahlwinkeln am Primärtragwerk des Pavillons verschraubt. Am Fußpunkt verankern lange Schrauben die Konstruktion in einer Stahlbetonschwelle, die halb eingegraben auf der Bodenplatte lagert.

Das Primärtragwerk wurde als Stahlskelett mit HEA-240- bzw. HEA-260-Profilen ausgeführt und an den Außenwänden mit Zementsteinen und Glasbausteinen ausgefacht. Vor den Zementsteinfeldern befindet sich eine Dämmschicht, die sich bis vor die Attika erstreckt. Die Deckenplatten sind auf den HEA-Trägern aufbetoniert, ebenso wie das begrünte Flachdach.

Fachwissen zum Thema

Ziel der behutsamen Betoninstandsetzung ist, alternde Sichtbetonbauten so zu reparieren, dass sie ihre bauzeitliche Oberflächengestaltung möglichst behalten.

Ziel der behutsamen Betoninstandsetzung ist, alternde Sichtbetonbauten so zu reparieren, dass sie ihre bauzeitliche Oberflächengestaltung möglichst behalten.

Instandsetzung

Behutsame Betoninstandsetzung

Wiederverwendung unmöglich: Anstatt sie behutsam rückzubauen werden viele Betongebäude mit der Abrissbirne zerstört, wie 2018 bei der Oberpostdirektion Hamburg (Post-Pyramide) geschehen.

Wiederverwendung unmöglich: Anstatt sie behutsam rückzubauen werden viele Betongebäude mit der Abrissbirne zerstört, wie 2018 bei der Oberpostdirektion Hamburg (Post-Pyramide) geschehen.

Herstellung

Wiederverwendung von Betonbauteilen

Kontakt Redaktion Baunetz Wissen: wissen@baunetz.de
BauNetz Wissen Beton sponsored by:
Deutsche Zement- und Betonindustrie vertreten durch das
InformationsZentrum Beton | Kontakt 0211 / 28048–1 | www.beton.org