Dorfgemeinschaftshaus Steinheim in Memmingen

Neues Holztragwerk mit HBV-Decke

Ein Zehntstadel (Zehnt = Steuer, Stadel = Scheune) ist ein historisches Gebäude zur Annahme und Lagerung von Waren, die Handwerker und Bauern einst als Naturalsteuern abgeben mussten. Der Zehntstadel im historischen Ortskern von Steinheim erhielt im Zuge des Umbaus durch Beer Bembé Dellinger Architekten die passende Nutzung als Dorfgemeinschaftshaus.

Ostansicht
Die Putzflächen wurden, wenn nötig, erneuert oder dem Bestand entsprechend ergänzt.
Ein besonders tiefes Fenster auf der Westseite fungiert als Bühne.

Das kleine bayerische Steinheim befindet sich im Achtal, wenige Kilometer nördlich des Zentrums von Memmingen. Der Bevölkerung stehen nun auf insgesamt 750 Quadratmetern Räumlichkeiten für Feste, Ausstellungen, Vorträge und andere Versammlungen zur Verfügung. Behutsam sanierten die Planerinnen und Planer das historische Gebäude. Um dessen Charakter zu wahren, brachten sie im Bereich der ehemaligen Stallungen ein neues hölzernes Tragwerk ein. Dach und Außenwand ließen sich damit erhalten, der Altbau ausreichend stabilisieren.

Tiefes Schaufenster als Bühne

Der Zehntstadel in Steinheim stammt aus dem 18. Jahrhundert. Rund 100 Jahre später wurde er zu einem Bauernhaus mit Wohnteil im Osten, Stallungen im Westen und einer Tenne im Zentrum umgebaut. Heute befindet sich im Erdgeschoss, wo früher die Stallungen waren, ein Mehrzwecksaal mit einem großen, sehr tiefen Fenster, das als Bühne fungiert. Im ehemaligen Wohntrakt finden Vereinssitzungen statt, er dient der Jugendarbeit und kleinen Veranstaltungen. Das Dachgeschoss wurde als Proberaum für die lokale Musikkapelle ausgebaut. Im ehemaligen Gewölbekeller sind die Sanitärräume, Lagerflächen und Haustechnik untergebracht.


Rauputz, Kalkputz, Dämmputz

Bis auf die Westseite mit dem hervorgehobenen Schaufenster sind äußerlich keine großen Veränderungen sichtbar. Putzflächen wurden, wenn nötig, erneuert oder dem Bestand entsprechend ergänzt. Während an der West- und Nordseite ein körniger Rauputz im Kellenwurfverfahren an die Wand gebracht wurde, ist an der Ost- und Südseite eine feine Kalkputzstruktur zu sehen. Im Erdgeschoss, in der ehemaligen Stube, wurde die historische Holzvertäfelung der Decken und Wände aufwendig restauriert. Außenwände sind von innen mit einer Wärmedämmputzschicht und Innentrennwände mit einer Kalkschlämme ausgestattet. Die Fensterlaibungen sind mit einem Dämmputz behandelt.

Eingestelltes Holztragwerk

Die Schädigung der Holzkonstruktion im ehemaligen Wohnteil war zum Teil so groß, dass die Statik nicht gewährleistet war. Die einwirkenden Kräfte des Dachtragwerks konnten nicht mehr von den Zerrbalken aufgenommen werden, sodass die Sparren die nördliche Traufwand nach außen drückten. Um das Dach und die Außenwand erhalten zu können, entwarfen die Architekten ein hölzernes Tragwerk, das in den Bestand gestellt wird und somit die tragende Funktion übernimmt. Aussteifend wirkt die Holz-Beton-Verbunddecke, die auf der neu eingestellten Holzkonstruktion montiert wurde. Einerseits werden die Zugkräfte des Dachstuhls aufgenommen und andererseits die Horizontalkräfte der verformten nördlichen Außenwand über die scheibenartig ausgebildete HBV-Decke in Giebel- und Tennenwand abgeleitet.

Bautafel

Architektur: Beer Bembé Dellinger Architekten und Stadtplaner, Greifenberg
Projektbeteiligte: Kayser+Böttges I Barthel+Maus Ingenieure und Architekten, München (Statik); Rehklau, Memmingen (Holzbau); Zettler, Memmingen (Bauunternehmen); Johann Weiß, Dietenheim-Regglisweiler (Putzarbeiten)
Bauherr/in: Stadt Memmingen         
Fertigstellung: 2020
Standort: Egelseer Str. 3, 87700 Memmingen

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