Die Waldspirale von Darmstadt

Der Vegetation zu ihrem Recht verhelfen

Ein früher Befürworter von Gründächern im deutschsprachigen Raum war der österreichische Künstler und Architekt Friedensreich Hundertwasser. Die von ihm angestrebte Versöhnung von Mensch und Natur durch die architektonische Umgestaltung des städtischen Lebensraumes machte er zu seiner Lebensaufgabe. Er entwarf mehrere Häuser mit ungewöhnlichen Gründächern und ulkigen Gebäudenamen, etwa das Hügelhaus, das Augenschlitzhaus, das Grubenhaus und die Waldspirale in Darmstadt.

Das neunstöckige Gebäude mit einem 41 Meter hohen Wohnturm an der Süd-Ost-Ecke des Grundstücks.
Das unkonventionelle Wohnhaus ist nun ein Erkennungszeichen des Bürgerparkviertels.
Die charakteristisch bunte Fassade ist mit unregelmäßigen Mosaiken überzogen und von uneinheitlichen Fensterformen durchbrochen.

Der Bauverein Darmstadt beauftragte Hundertwasser Ende der 1990er-Jahre, ein Wohnhaus mit 105 Einheiten im Bürgerparkviertel zu entwerfen. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das in Form einer ansteigenden, bewaldeten Spirale bis auf neun Geschosse ansteigt und mit einem 41 Meter hohen, zwölfgeschossigen Wohnturm an der Süd-Ost-Ecke des Grundstücks einen Akzent setzt. Die charakteristisch bunte Fassade ist mit unregelmäßigen Mosaiken überzogen und von uneinheitlichen Fensterformen durchbrochen. Ein Spielplatz und ein künstlicher Fluss sind Teil des Gartens im Inneren. Die Spiralmotive, die organischen Raster und unebenen Fassaden illustrieren Hundertwassers fortwährende Besessenheit und Polemik gegen die gerade Linie: „Die gerade Linie ist eine vom Menschen geschaffene Gefahr. Es gibt so viele Linien, Millionen von Linien, aber nur eine von ihnen ist tödlich, und das ist die gerade Linie, die mit einem Lineal gezogen wird.“


Dach-Bewaldung

Das Dach des mit Recycling-Beton errichteten Gebäudes ist mit Gras, Sträuchern und Bäumen bepflanzt, unter anderem mit Linden, Buchen und Ahornbäumen. Für Hundertwasser galten Begrünungen als die Dachbedeckungen der Zukunft. Durch die intensive Bepflanzung entstehen begrünte Dachlandschaften mitten in der Stadt, die sich optisch nicht von ebenerdigen Grünanlagen unterscheiden. Diese Art der Begrünung erfordert eine regelmäßige Pflege, wirkt sich dafür aber besonders positiv auf Wasserspeicherung, Luftqualität und die Energiekosten darunterliegender Räume aus. Denn der Gründachaufbau sorgt für Kühlung im Sommer und wirkt im Winter als Wärmedämmung.

Das Gründach kompensiert die durch den Baukörper versiegelte Grundfläche und bietet zugleich Freiflächen für die Bewohner*innen. Einen Wald, eine wilde Wiese oder einen Gemüsegarten auf dem Dach zu haben sollte laut Hundertwasser zukünftig für jedes Gebäude selbstverständlich sein. Alle Planenden seien in der Pflicht, „der Vegetation mit allen Mitteln zu ihrem Recht zu verhelfen. Die senkrechten, sterilen Wände der Häuserschluchten, unter deren Aggressivität und Tyrannei wir täglich leiden, werden zu grünen Tälern, wo der Mensch frei atmen kann.“

Bautafel

Architektur: Hundertwasser, Wien
Projektbeteiligte: Heinz M. Springmann, Esslingen (Bauplanung); Garten- und Landschaftsbau Säger, Darmstadt (GaLaBau); Optigrün, Krauchenwies-Göggingen (Dachbegrünung)
Bauherrschaft:
Bauverein Darmstadt, Darmstadt
Standort: Waldspirale, Bürgerparkviertel, 64293 Darmstadt
Fertigstellung: 2000
Bildnachweis: Optigrün international und Hundertwasser Archiv Wien


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