Deutscher Pavillon als Ruine

Biennale-Beitrag überformt NS-Architektur mit dem Bild eines Plattenbaus

Der Deutsche Pavillon auf der 61. Internationalen Kunstausstellung der Biennale di Venezia wird 2026 zur Projektionsfläche gebauter Erinnerung. Unter dem Titel Ruin bespielen die Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu das Gebäude in den Giardini. Kuratiert wird der deutsche Beitrag von Kathleen Reinhardt, Kommissar ist das Institut für Auslandsbeziehungen (IFA). Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. November 2026.

Das Plattenbau-Motiv legt sich als neue Hülle über die monumentale Architektur des Deutschen Pavillons.
Sung Tieus Trompe-l’œil-Mosaik zeigt die Ruine serieller Wohnarchitektur als monumentale Fassadenarbeit.
Aus der Nähe löst sich das vermeintliche Betonbild in einzelne Mosaiksteine aus Naturmarmor auf.

Politische Spuren im Baukörper

Die Ausstellung fragt danach, welche Spuren politische Systeme in Gebäuden, Alltagsobjekten und Biografien hinterlassen. Im englischen Begriff „Ruin“ stecken baulicher Verfall ebenso wie gesellschaftliche, politische und moralische Zerfallsprozesse. Der Pavillon wird zu einem Ort, an dem sich physische und soziale Strukturen, deutsche Ideologien und gelebte Erfahrungen überlagern. Auch das Gebäude selbst ist Teil dieser Erzählung: Der 1909 errichtete Pavillon wurde 1938 im Sinne nationalsozialistischer Repräsentationsästhetik umgebaut und bildet bis heute einen historisch aufgeladenen Rahmen für künstlerische Interventionen.

Den stärksten architektonischen Eingriff nimmt Sung Tieu an der Fassade vor. Für ihr Werk Human Dignity Shall Be Inviolable erhält der Deutsche Pavillon eine neue Hülle in Form eines Trompe-l’œil-Mosaiks. Es zeigt die Überreste eines Plattenbaukomplexes an der Gehrenseestraße im Nordosten Berlins. Die Anlage war einst eines der größten Wohnheime für Vertragsarbeiter*innen in der DDR und zwischen 1994 und 1997 auch Wohnort der Künstlerin und ihrer Mutter. Nach der Wiedervereinigung wurde der Komplex weiter von migrantischen Gemeinschaften genutzt, geriet später in den Sog spekulativer Immobilienverwertung und wird derzeit abgerissen. Der Titel verweist auf Artikel 1 des Grundgesetzes und stellt dessen Anspruch in ein architektonisches Spannungsfeld.

Marmor spielt Beton

Architektonisch führt das Projekt zur industriellen Plattenbauweise, mit der in der DDR auf Wohnraummangel und schlechte Wohnverhältnisse reagiert wurde. Was einst als Versprechen sozialistischer Modernisierung galt, erscheint an der Fassade des Deutschen Pavillons nun als gebaute Ruine. Als seriell errichteter Wohnbau verweist er auf Biografien marginalisierter Menschen. Die nationalsozialistische Repräsentationsarchitektur wird mit Erinnerungen an die DDR und Nachwendezeit überblendet.

Materialisiert wurde dieses Bild in Marmor. Mehr als drei Millionen Mosaiksteine bilden die Oberfläche eines verfallenden Plattenbaus nach. Aus der Distanz entsteht der Eindruck einer beschädigten, grauen Betonarchitektur. Beim Näherkommen löst sich dieses Bild auf.

Innenräume der Nachwendezeit

Im Inneren des Pavillons setzt Henrike Naumann die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte fort. Ihre Installation Die Innere Front verbindet Möbel, Textilien und Readymade-Objekte. Vor mintgrünen Wänden, die an sowjetische Kasernen und DDR-Verwaltungsräume erinnern, untersucht Naumann, wie politische Brüche bis in private Wohnräume, Geschmackswelten und Körperbilder hineinwirken. Die Künstlerin starb im Februar 2026 nach kurzer schwerer Krankheit. Ihr Konzept wurde in enger Zusammenarbeit mit ihrem Studio realisiert.

Gemeinsam verwandeln die Arbeiten von Sung Tieu und Henrike Naumann den Deutschen Pavillon in einen Schauplatz materieller Überlagerungen. Der Bau wird als historischer Körper erfahrbar, an dem sich Spuren unterschiedlicher Ideologien abzeichnen. 

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