Der Schaum der Tage
Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2015
220 Seiten, Hardcover
Antiquarisch erhältlich
(1. Aufl. Éditions Gallimard, Paris 1947)
ISBN 978-3-7920-0366-4
Dass Räume – Proportionen, Farben, Licht und nicht zuletzt die Raumakustik – das Wohlbefinden des Menschen beeinflussen, ist wohlbekannt. Aber was wäre, wenn diese Beeinflussung auch umgekehrt verliefe? Wenn Räume auf die Stimmungen der Menschen, die sich in ihnen aufhalten, reagieren würden? Dies passiert in dem surrealistischen Roman Der Schaum der Tage von Boris Vian (Originaltitel: L'Écume des jours).
Das Buch wurde bereits 1947 erstmals publiziert und seitdem mehrfach aufgelegt – denn die Geschichte vermag auch heute noch zu berühren: Der junge, wohlhabende Lebemann Colin verliebt sich auf einer Party unsterblich in die schöne Chloé und heiratet sie. Er schenkt seinem besten Freund Chick ein Viertel seines geerbten Vermögens, damit auch dieser seine große Liebe Alise heiraten kann. Dieser gibt jedoch alles Geld für die Bücher seines Idols Jean Sol Partres aus. Und auch das gemeinsame Glück von Colin und Chloé währt nur kurz, denn schon bald erkrankt Chloé schwer: In ihrer Lunge wächst eine Seerose. Um seine Geliebte zu retten und die teure Behandlung zu finanzieren, die ihn bereits sein Vermögen gekostet hat, nimmt Colin immer albtraumhaftere, kafkaeske Jobs an.
Eine zentrale Rolle im Roman spielt die Musik, vor allem der Jazz. Sie schafft Atmosphäre und Identität, ist Genuss und Lebenselixier. Die Räume von Colins Wohnung reagieren darauf: Zu Beginn sind sie lichtdurchflutet, weit und elastisch; sie tragen Gespräche, lassen Feste und Musik selbstverständlich zu. Colins Küche etwa hat zwei Fenster, vor denen jeweils eine Sonne scheint. Zum Klang ihrer Strahlen auf den funkelnden Wasserhähnen tanzt die Küchenmaus. Ein wesentliches Element ist zudem das von Colin erfundene Pianocktail – ein Instrument, das Musik in geschmacklich korrespondierende Getränke verwandelt. Der Protagonist erklärt seine Funktion folgendermaßen: Jede Klaviertaste ist mit einer bestimmten Ingredienz verbunden; die Intensität des Anschlags und die Dauer des Spiels bestimmen die Zusammensetzung des Cocktails.
Als Chloé erkrankt und die Musik verstummt, verengen sich die Räume, Decken sinken herab und Farben verblassen. Letztendlich schrumpft das Haus so sehr zusammen, dass die Protagonisten kaum noch Platz darin finden. Boris Vian, seinerzeit selbst Jazzmusiker, schafft eine Welt, in der Musik nicht nur Ausdruck oder Spiegel von Gefühlen ist, sondern buchstäblich die räumliche Umgebung formt. Emotion, Musik und Architektur sind untrennbar miteinander verwoben. Ist es still, verkümmern Menschen und Räume.
Wer nicht gerne liest, kann sich auch eine der drei Verfilmungen ansehen. Zuletzt wurde der Stoff 2013 auf die Leinwand gebracht; mit Romain Duris, Omar Sy und Audrey Tautou in der Rolle der Chloé – wäre auch nur irgendeine andere französische Schauspielerin geeigneter?!
Das Buch ist antiquarisch bei vielen bekannten Online-Plattformen erhältlich.